Rosch haSchana — Blatt 32b
1GEMARA. Vom Königtume [Gottes] beispielsweise: so wahr ich lebe, Spruch Gottes, des Herrn, mit starker Hand und ausgestrecktem Arme und mit ausgeschüttetem Zorne will ich König über euch sein. Und obgleich R. Naḥman gesagt hat, möge der Heilige, gepriesen sei er, auf diese Weise über uns zürnen, nur daß er uns erlöse, so erwähne man trotzdem, da es im Zorne gesprochen worden ist, am Neujahre nichts vom Zorne.
2Von den Erinnerungen, beispielsweise: denn er erinnerte sich daran, daß sie Fleisch seien &c. Von der Posaune, beispielsweise: stoßet in die Posaune in Gibea &c.
3Wenn man aber [Verse] vom Königtume [Gottes], von den Erinnerungen und von der Posaune lesen will, die vom Strafgerichte der weltlichen Völker handeln, so lese man sie. Vom Königtume [Gottes] beispielsweise: der Herr ist König, erzittern müssen die Völker oder: der Herr ist König auf immer und ewig; verschwunden sind die Völker aus seinem Lande. Von den Erinnerungen, beispielsweise: gedenke, o Herr, der Edomiter &c. Von der Posaune, beispielsweise: und Gott, der Herr, wird in die Posaune stoßen und in Sturmwinden aus dem Süden einherschreiten. Ferner: der Herr der Heerscharen wird sie beschützen.
4Man spreche [Verse], die von der Erinnerung eines einzelnen handeln, auch wenn zum Guten, beispielsweise: erinnere dich meiner, o Herr, bei der Huld deines Volkes. Oder: erinnere dich meiner, mein Herr, zum Guten.
5‘Gedenken’ gleicht dem ‘Erinnern’, beispielsweise: und der Herr gedachte der Sara. Oder: ich habe eurer gedacht –
6so R. Jose. R. Jehuda sagt, es gleiche dem ‘Erinnern’ nicht. – Zugegeben, daß nach R. Jose das ‘Gedenken’ dem ‘Erinnern’ gleicht, aber [der Vers:] und der Herr gedachte der Sara, handelt ja vom Gedenken einer Einzelnen!? – Da aus ihr [dadurch] eine Menge hervorging, so gleicht sie der Menge.
7Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, erhebt euch, ihr uralten Pforten, daß der König der Herrlichkeit einziehe. Wer ist denn der König der Der Herr, gewaltig und ein Held, der Herr, ein Königsheld. Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, erhebt sie, ihr uralten Pforten, daß der König der Herrlichkeit einziehe. Wer ist denn der König der Herrlichkeit? Der Herr der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit. Sela. Der erste [Absatz] gilt, wie R. Jose sagt, als zwei und der zweite als drei [Verse],
8und wie R. Jehuda sagt, der erste als einer und der zweite als zwei.
9Lobsinget unserem Gotte, lobsinget unserem Könige, lobsinget; denn Gott ist König der ganzen Erde. Dies gilt, wie R. Jose sagt, als zwei [Verse], und wie R. Jehuda sagt, als einer. Sie stimmen überein, daß der [folgende Vers] als einer gilt: Gott ist König der Völker, Gott hat sich auf seinen heiligen Thron gesetzt.
10[Einen Vers] von den Erinnerungen, in dem auch das Blasen vorkommt, beispielsweise: ein Ruhetag, eine Erinnerung des Lärmblasens und heiliger Versammlung, lese man, wie R. Jose sagt, sowohl mit denen von den Erinnerungen als auch mit denen von der Posaune, und wie R. Jehuda sagt, nur mit denen von den Erinnerungen.
11[Einen Vers] vom Königtume [Gottes], in dem auch das Blasen vorkommt, beispielsweise: der Herr, sein Gott, ist mit ihm, und Jubelblasen des Königs bei ihm, lese man, wie R. Jose sagt, sowohl mit denen vom Königtume [Gottes] als auch mit denen von der Posaune, und wie R. Jehuda sagt, nur mit denen vom Königtume [Gottes].
12Einer vom Blasen in dem nichts weiter vorkommt, beispielsweise: als Tag des Lärmblasens gelte er euch, lese man, wie R. Jose sagt, mit denen von der Posaune; R. Jehuda sagt, einen solchen lese man überhaupt nicht.
13MAN BEGINNE MIT [VERSEN] AUS DER TORA UND SCHLIESSE MIT SOLCHEN AUS DEN PROPHETEN; R. JOSE SAGT, MAN HABE SEINER PFLICHT GENÜGT, WENN MAN MIT SOLCHEN AUS DER TORA GESCHLOSSEN HAT.
14Nur wenn man bereits geschlossen hat, von vornherein aber nicht, und [dem widersprechend] wird gelehrt, R. Jose sagt, es sei lobenswert, mit [Versen] aus der Tora zu schließen!? – Lies: man schließe. – Es heißt ja aber ‘geschlossen hat’, nur wenn bereits erfolgt, von vornherein aber nicht!? – Er meint es wie folgt: man beginne mit [Versen] aus der Tora und schließe mit solchen aus den Propheten; R. Jose sagt, man schließe mit solchen aus der Tora, jedoch habe man seiner Pflicht genügt, wenn man mit solchen aus den Propheten geschlossen hat. Ebenso wird gelehrt: R. Elea͑zar b. Jose sagte: Die Strengfrommen pflegten mit [Versen aus] der Tora zu schließen. –
15Allerdings gibt es viele [Verse], von den Erinnerungen und von der Posaune, vom Königtume [Gottes] aber gibt es ja nur drei: der Herr, sein Gott, ist mit ihm, und Jubelblasen des Königs bei ihm; es stand in Ješurun ein König auf; der Herr wird immer und ewig König sein, während zehn erforderlich sind!?
16R. Hona erwiderte: Komm und höre: [Der Vers]: Höre Jisraél, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einig, gehört, wie R. Jose sagt, zu [den Versen] vom Königtume [Gottes], und wie R. Jehuda sagt, nicht zu diesen.
17[Der Vers] : Du sollst jetzt erkennen und dir zu Herzen nehmen, daß der Herr ein Gott ist und keiner mehr, gehört, wie R. Jose sagt, zu [den Versen] vom Königtume [Gottes], und wie R. Jehuda sagt, nicht zu diesen. [Der Vers]: Du hast es zu sehen bekommen, damit du erkennen solltest, daß der Herr ein Gott ist, daß es außer ihm keinen gibt, gehört, wie R. Jose sagt, zu [den Versen] vom Königtume [Gottes], und wie R. Jehuda sagt, nicht zu diesen.
18DER AM NEUJAHRSFESTE ALS ZWEITER VOR DIE LADE TRITT, LEITET AUCH DAS BLASEN. [AN FESTEN], AN DENEN DAS LOBLIED GELESEN WIRD, TRÄGT DER ERSTE DAS LOBLIED VOR.
19GEMARA. Weshalb leitet der zweite das Blasen? – Weil [es heißt]: in der Menge des Volkes besteht des Königs Herrlichkeit. – Demnach sollte auch das Loblied vom zweiten vorgelesen werden, weil [es heißt]: in der Menge des Volkes besteht des Königs Herrlichkeit!?
20Das Loblied also deshalb vom ersten, weil die Eifrigen sich [zur Ausübung] der Gebote beeilen, somit sollte auch das Blasen durch den ersten erfolgen, weil die Eifrigen sich [zur Ausübung] der Gebote beeilen!?
21R. Joḥanan erwiderte: Dies lehrten sie zur Zeit der Religionsverfolgung. –
22Wenn er lehrt: ‘[an Festen], an denen das Loblied gelesen wird’, so wird ja demnach am Neujahrsfeste das Loblied nicht gelesen; aus welchem Grunde? R. Abahu erwiderte: Die Dienstengel sprachen vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, weshalb singt dir Jisraél am Neujahrsfeste und am Versöhnungstage kein Lied? Er erwiderte ihnen: Ist es denn schicklich, daß, während der König auf dem Richterstuhle sitzt, und Bücher der Lebenden und Sterbenden vor ihm aufgeschlagen sind, Jisraél vor ihm Lieder singe!?
23WEGEN DES POSAUNENBLASENS DARF MAN AM NEUJAHRSFESTE WEDER DAS ŠABBATHGEBIET ÜBERSCHREITEN, NOCH EINEN SCHUTTHAUFEN FREILEGEN, NOCH AUF EINEN BAUM STEIGEN, NOCH AUF EINEM TIERE REITEN, NOCH AUF DEM WASSER SCHWIMMEN. FERNER DARF MAN DAS BLASHORN NICHT ZURECHTSCHNEIDEN, SEI ES MIT EINEM DES FEIERNS WEGEN VERBOTENEN GERÄTE, SEI ES MIT EINEM MIT EINEM VERBOTE BELEGTEN GERÄTE; WILL JEMAND DARIN WASSER ODER WEIN TUN,
24SO DARF ER DIES. MAN HINDERE KINDER NICHT, WENN SIE BLASEN, VIELMEHR ÜBE MAN MIT IHNEN, BIS SIE ES ERLERNEN. DER ÜBENDE GENÜGT DAMIT SEINER PFLICHT NICHT, AUCH WER DEM ÜBENDEN ZUHÖRT, GENÜGT DAMIT SEINER PFLICHT NICHT.
25GEMARA. Aus welchem Grunde? – Das Posaunenblasen ist ein Gebot, während [die Feier] am Feste Gebot und Verbot ist, und das Gebot verdrängt nicht ein Gebot und ein Verbot zusammen.
26NOCH AUF EINEN BAUM STEIGEN, NOCH AUF EINEM TIERE REITEN &C. Wenn dies schon von einem rabbanitischen Verbote gilt, um wieviel mehr von einem der Tora? – Er lehrt: das eine und selbstverständlich das andere.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.