Sanhedrin — Blatt 99b

1Singe jeden Tag, singe jeden Tag. R. Jiçḥaq b. Evdämi sagte: Welcher Schriftvers deutet hierauf? Es heißt: die Seele des Sichabmühenden arbeitet für ihn, denn sein Mund treibt ihn dazu an; er arbeitet an dieser Stelle und seine Tora arbeitet für ihn an einer anderen Stelle.

2R. Elea͑zar sagte: Der Mensch ist für die Arbeit geboren, wie es heißt: denn der Mensch ist für die Arbeit geboren. Ich würde nicht gewußt haben, ob für die Arbeit mit dem Munde oder für die körperliche Arbeit, wenn es aber heißt: denn sein Mund treibt ihn dazu an, so sage man, er sei für die Arbeit mit dem Munde erschaffen worden. Ich würde aber noch immer nicht gewußt haben, ob für die Beschäftigung mit der Tora, oder für die Beschäftigung mit Geplauder, wenn es aber heißt: es weiche dieses Buch der Lehre nicht von deinem Munde, so sage man, er sei für die Beschäftigung mit der Tora erschaffen worden. Das ist es, was Raba sagte: Alle Körper sind Behälter; Heil dem, dem es beschieden ist, ein Behälter für die Tora zu sein.

3Wer mit einem Weibe Hurerei treibt, ist unsinnig. Reš Laqiš sagte: Dies bezieht sich auf den, der sich mit der Tora nur zeitweise befaßt, denn es heißt: es ist schön, wenn du sie zusammen in deinem Innern bewahrst, sie werden allzumal auf deinen Lippen bereit sein.

4Die Rabbanan lehrten: Die Person aber, die dies mit trotziger Hand tut, das ist Menaše, der Sohn Ḥizqijas, der dasaß und [das Gesetz] verspottende Vorträge hielt;

5er sprach nämlich: Hatte denn Moše nichts anderes zu tun, als zu schreiben: die Schwester Loṭans war Timna͑; oder: Timna͑ war ein Kebsweib des Eliphaz, oder: Reúben ging aus um die Zeit der Weizenernte und fand Dudaím auf dem Felde . Da ertönte eine Hallstimme und sprach zu ihm: Du sitzest da, redest wider deinen Bruder, bringst Beschimpfung auf den Sohn deiner Mutter. Solches tatest du, und ich schwieg; da meintest du, ich sei ganz wie du. Aber ich will dich zur Rechenschaft ziehen.

6Über ihn heißt es in den Propheten: Wehe denen, die Verschuldung mit Stricken des Unrechts herbeiziehen, Sünde mit Wagenseilen. – Was heißt: mit Wagenseilen? R. Asi erwiderte: Der böse Trieb gleicht anfangs einem Faden aus Spinngewebe, zuletzt aber Wagenseilen. –

7Da wir gerade dabei sind: worauf deutet [der Vers:] Und die Schwester Loṭans war Timna͑? – Timna͑ war eine Prinzessin, denn es heißt: Fürst Timna͑, und mit Fürst wird ein ungekrönter König bezeichnet.

8Sie wollte nämlich Proselytin werden und wandte sich deshalb an Abraham, Jiçḥaq und Ja͑qob, diese nahmen sie aber nicht auf; hierauf wurde sie Kebsweib des Eliphaz, des Sohnes E͑savs, indem sie sagte: Lieber will ich eine Magd bei dieser Nation sein, als eine Herrin bei einer anderen Nation. Ihr entstammte A͑maleq, der Jisraél bedrängt hatte. – Weshalb dies? – Weil sie sie nicht fortstoßen sollten.

9Reúben ging einst aus um die Zeit der Weizenernte. Raba b. R. Jiçḥaq sagte im Namen Rabhs: Hieraus, daß die Frommen ihre Hand nicht nach fremdem Gute ausstrecken. Und fand Dudaím auf dem Felde; was sind Dudaím? Rabh erklärte: Alraunen. Levi erklärte: Cyperngras. R. Jonathan erklärte: Sibsukh.

10R. Alexandri sagte: Wer sich mit der Tora um ihrer selbst willen befaßt, stiftet Frieden im oberen Kreise und im unteren Kreise, denn es heißt: es sei denn, daß man sich auf meinen Schutz verließe, daß man Frieden mit mir machte, mit mir Frieden machte.

11Rabh sagte: Es ist ebenso, als hätte er den oberen Palast und den unteren Palast erbaut, denn es heißt: ich habe dir meine Worte in den Mund gelegt, und im Schatten meiner Hand habe ich dich geborgen; um den Himmel auszuspannen und die Erde zu gründen. Reš Laqiš sagte: Er beschützte auch die ganze Welt, denn es heißt: und im Schatten meiner Hand habe ich dich geborgen. Levi sagte: Er beschleunigt auch die Erlösung, denn es heißt: und um Çijon zu sagen: Mein Volk bist du.

12Reš Laqiš sagte: Wenn jemand den Sohn seines Genossen die Tora lehrt, so rechnet es ihm die Schrift an, als hätte er ihn erschaffen, denn es heißt: und die Seelen, die sie in Ḥaran gemacht hatten. R. Elie͑zer sagte: Als hätte er die Worte der Tora selbst erschaffen, denn es heißt: ihr sollt beobachten die Worte dieses Bundes und sollt sie tun. Raba sagte: Als hätte er sich selbst erschaffen, denn es heißt: sollt sie tun, und man lese nicht sie sondern sich.

13R. Abahu sagte: Wenn jemand seinen Genossen zur Ausübung einer gottgefälligen Handlung veranlaßt, so rechnet ihm die Schrift es an, als hätte er sie selbst ausgeübt, denn es heißt: auch deinen Stab, mit dem du den Strom geschlagen hast; schlug ihn denn Moše, Ahron schlug ihn ja? Allein, dies besagt, wenn jemand seinen Genossen zur Ausübung einer gottgefälligen Handlung veranlaßt, so rechnet ihm die Schrift es an, als hätte er selber sie ausgeübt.

14DER GOTTESLEUGNER. Rabh und R. Ḥanina erklärten, darunter sei derjenige zu verstehen, der einen Schriftgelehrten verspottet; R. Joḥanan und R. Jehošua͑ b. Levi erklärten, darunter sei derjenige zu verstehen, der seinen Nächsten vor einem Schriftgelehrten verspottet. –

15Einleuchtend ist die Ansicht, Gottesleugner sei derjenige, der seinen Nächsten vor einem Schriftgelehrten verspottet, demnach ist unter einem, der der Tora ein freches Gesicht zeigt, derjenige zu verstehen, der den Schriftgelehrten selbst verspottet; wer ist aber unter einem, der der Tora ein freches Gesicht zeigt, zu verstehen nach der Ansicht, Gottesleugner sei einer, der den Schriftgelehrten selbst verspottet!? – Zum Beispiel Menaše, der Sohn Ḥizqijas.

16Manche beziehen dies auf den Schlußsatz: Wer der Tora ein freches Gesicht zeigt; Rabh und R. Ḥanina erklärten, darunter sei derjenige zu verstehen, der einen Schriftgelehrten verspottet; R. Joḥanan und R. Jehošua͑ b. Levi erklärten, darunter sei derjenige zu verstehen, der seinen Genossen vor einem Schriftgelehrten verspottet. –

17Einleuchtend ist die Ansicht, unter einem, der der Tora ein freches Gesicht zeigt, sei derjenige zu verstehen, der den Schriftgelehrten selbst verspottet; demnach ist Gottesleugner derjenige, der seinen Nächsten vor einem Schriftgelehrten verspottet; wer ist aber Gottesleugner nach der Ansicht, unter einem, der der Tora ein freches Gesicht zeigt, sei derjenige zu verstehen, der seinen Nächsten vor einem Schriftgelehrten verspottet!? R. Joseph erwiderte: Zum Beispiel diejenigen, die sagen: was nützen uns die Schriftgelehrten, sie lernen für sich selbst und studieren für sich selbst.

18Abajje sprach zu ihm: Diese sind ja, die der Tora ein freches Gesicht zeigen, denn es heißt: wenn nicht mein Bündnis bei Tag und bei Nacht, so würde ich die Ordnung des Himmels und der Erde nicht gemacht haben . R. Naḥman b. Jiçḥaq sagte: Dies ist auch hieraus zu entnehmen: So will ich ihretwegen den ganzen Ort begnadigen.

19Vielmehr ist es derjenige, der, wenn er vor seinem Lehrer sitzt, und ihm eine Lehre aus einer anderen Stelle einfällt, sagt: so haben wir es dort gelernt, und nicht sagt: so sagte der Meister. Raba sagte: Zum Beispiel die Leute im Hause des Arztes Binjamin, welche sagen: was nützen uns die Schriftgelehrten;

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.