Sanhedrin — Blatt 102a
1Und selbst Aḥija aus Šilo wurde irregeführt und unterschrieb. Es heißt nämlich: Und der Herr sprach zu Jehu: Weil du wohl ausgerichtet hast, was mir wohlgefällt, und ganz nach meinem Sinne am Hause Aḥábs gehandelt hast, so sollen Nachkommen von dir bis ins vierte Glied auf dem Throne Jisraéls sitzen. Ferner heißt es: aber Jehu hatte nicht geachtet, im Gesetze des Herrn, des Gottes Jisraéls, vom ganzen Herzen zu wandeln; er ließ nicht von den Sünden Jerobea͑ms, zu denen er Jisraél verführt, hatte.
2Was veranlaßte ihn dazu? Abajje erklärte: Ein Bündnis ist mit den Lippen geschlossen, denn es heißt: Aḥáb hat dem Baa͑l wenig Verehrung erwiesen, Jehu wird ihn eifrig verehren. Raba erklärte: Er sah die Unterschrift des Aḥija aus Šilo und wurde irregeführt.
3Es heißt: Mit Schlachten vertiefen sie sich in ihrem Verlaufen; ich aber will für sie alle eine Zuchtrute werden. R. Joḥanan erklärte: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Sie gingen noch tiefer als ich; ich sagte, wer nicht zur Wallfahrt geht, habe ein Gebot übertreten, sie aber sagten, wer zur Wallfahrt geht, werde mit dem Schwerte erstochen.
4Es begab sich aber zu jener Zeit, als Jerobea͑m einmal aus Jerušalem hinweggegangen war, daß ihn unterwegs der Prophet Aḥija von Šilo antraf; der war mit einem neuen Mantel angetan. Im Namen R. Joses wird gelehrt: Es war eine für das Unglück bestimmte Zeit.
5Zur Zeit der Heimsuchung gehen sie unter. Im Namen R. Joses wird gelehrt: Zur Zeit, die für das Unglück bestimmt ist. Zur Zeit des Wohlgefallens erhöre ich dich. Im Namen R. Joses wird gelehrt: Zur Zeit, die für die Willfährigkeit bestimmt ist. Aber zur Zeit der Ahndung will ich ihre Sünde ahnden. Im Namen R. Joses wird gelehrt: Zur Zeit, die für das Unglück bestimmt ist. Um dieselbe Zeit trug es sich zu, daß Jehuda seine Brüder verließ. Im Namen R. Joses wird gelehrt: Zur Zeit, die für das Unglück bestimmt war.
6Und Reḥabea͑m begab sich nach Šekhem, denn zu Šekhem war ganz Jisraél erschienen, um ihn zum Könige zu machen. Im Namen R. Joses wird gelehrt: Ein Ort, der für das Unglück bestimmt war; in Šekhem tat man Dina Gewalt an, in Šekhem verkauften sie Joseph; in Šekhem wurde das Königtum des Davidischen Hauses geteilt.
7Als Jerobea͑m einmal aus Jerušalem hinweggegangen war. R. Ḥanina b. Papa erklärte: Er war aus der jerušalemischen Liste gestrichen worden.
8Daß ihn unterwegs der Prophet Aḥija von Šilo antraf; der war mit einem neuen Mantel angetan, und die beiden waren allein auf dem freien Felde. Was heißt: mit einem neuen Mantel? R. Naḥman erklärte: Wie mit einem neuen Mantel; wie an einem neuen Mantel kein Makel ist, ebenso war auch an der Gesetzeskunde Jerobea͑ms kein Makel. Eine andere Erklärung: Einem neuen Mantel, sie eruierten neue Dinge, die zuvor nie ein Ohr gehört hatte. –
9Was heißt: und die beiden waren allein auf dem Felde? R. Jehuda erklärte im Namen Rabhs: Alle Schriftgelehrten waren im Vergleiche zu ihnen wie das Gras des Feldes. Manche erklären: Alle Deutungen der Tora lagen ihnen offen wie das Feld.
10Darum wirst du Morešeth Gath den Scheidebrief geben; die Häuser von Akhzib täuschen die Könige Jisraéls. R. Ḥenana b. Papa sagte: Eine Hallstimme ertönte und sprach zu ihnen: Den Kindern dessen, der den Philister getötet und euch Gath zum Besitze [Moraša] gegeben hat, wollt ihr den Scheidebrief geben? Sie verleugnen die Häuser von Akhzib wegen der Könige von Jisraél.
11R. Ḥenana b. Papa sagte: Wenn jemand von etwas dieser Welt ohne Segensspruch genießt, so ist es ebenso, als würde er den Heiligen, gepriesen sei er, und die Gemeinschaft Jisraéls berauben, denn es heißt: wer seinen Vater und seine Mutter beraubt und spricht: Es ist keine Sünde, der ist ein Genosse des Verderbers. Unter Vater ist der Heilige, gepriesen sei er, zu verstehen, denn es heißt: er ist ja dein Vater, der dich geschaffen; und unter Mutter ist die Gemeinschaft Jisraél zu verstehen, denn es heißt: gehorche, mein Sohn, der Zucht deines Vaters und verwirf nicht die Lehre deiner Mutter. –
12Was heißt: ein Genosse des Verderbers? – Er ist ein Genosse Jerobea͑ms, des Sohnes Nebaṭs, der Jisraél seinem Vater im Himmel verdorben hatte.
13Jerobea͑m aber trieb die Jisraéliten zum Abfall von dem Herrn und verführte sie zu schwerer Sünde. R. Ḥanin sagte: Wie wenn man zwei Stöcke gegen einander schlägt.
14Und Di Zahab. In der Schule R. Jannajs erklärten sie: Moše sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, das Silber und das Gold [zahab], das du den Jisraéliten in Überfluß gegeben hast, bis sie ‘genug’ [daj] sagten, verleitete sie, Götter aus Gold zu fertigen. Ein Gleichnis. Ein Löwe tritt und brüllt nicht bei einem Haufen Stroh, sondern bei einem Haufen Fleisch.
15R. Ošaja sagte: Bis Jerobea͑m sogen die Jisraéliten von einem Kalbe, von diesem ab sogen sie von zwei und drei Kälbern. R. Jiçḥaq sagte: Du hast kein über die Welt einbrechendes Verhängnis, in dem sich nicht ein Vierundzwanzigstel vom Übergewichte eines Litra von [der Sünde] des ersten Kalbes befände, denn es heißt: aber am Tage der Ahndung will ich ihre Sünde ahnden.
16R. Ḥanina sagte: Nach vierundzwanzig Generationen ging dieser Schriftvers in Erfüllung, denn es heißt: sodann rief er mit lauter Stimme folgendes in meine Ohren: Es nahen die Ahndungen der Stadt; alle mit ihren Verwüstungsgeräten in der Hand.
17Nach dieser Begebenheit bekehrte sich Jerobea͑m nicht von seinem schlimmen Wandel. Nach welcher? R. Abba erwiderte: Nach [folgender Begebenheit.] Der Heilige, gepriesen sei er, faßte Jerobea͑m bei seinem Gewände und sprach zu ihm: Kehre um, so werden wir, ich, du und der Sohn Jišajs, im E͑den-Garten lustwandeln. Da fragte er: Wer voran? – Der Sohn Jišajs voran. – Wenn dem so ist, so will ich nicht.
18R. Abahu pflegte über die drei Könige vorzutragen, und als er einst erkrankte, nahm er auf sich, darüber nichts mehr vorzutragen;
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.