Sanhedrin — Blatt 102b
1nachdem er aber genas, fuhr er fort, darüber vorzutragen. Man sprach zu ihm: Hast du denn auf dich nicht genommen, darüber nichts mehr vorzutragen!? Er erwiderte: Sind etwa diese zurückgetreten, daß ich zurücktreten sollte!?
2R. Aši hielt beim [Abschnitte von] den drei Königen, und er sprach: Morgen beginnen wir mit unseren Genossen. Darauf erschien ihm Menaše im Traume und sprach zu ihm: Du nennst uns Genossen und Genossen deines Vaters;
3an welcher Stelle wird beim Segensspruche [das Brot] angebrochen? Dieser erwiderte: Ich weiß es nicht. Jener sprach: Du hast nicht gelernt, an welcher Stelle [das Brot] beim Segensspruche angebrochen wird, und nennst uns Genossen!? Dieser erwiderte: Lehre mich dies, so will ich dies morgen bei der Vorlesung in deinem Namen vortragen. Jener erwiderte: Wo [das Brot] zuerst gar wird.
4Darauf sprach dieser: Wieso habt ihr, wenn ihr so weise seid, den Götzen gedient!? Jener erwiderte: Wenn du da wärest, so würdest du den Saum deines Gewandes hochgehoben haben und mir nachgelaufen sein. Am folgenden Tage sprach er zu den Jüngern: Wollen wir mit den Großen beginnen:
5Aḥa͑b, ein Weh [aḥ] für den Himmel und ein Vater [ab] für den Götzendienst. Ein Weh für den Himmel, denn es heißt: ein Bruder in der Not geboren; ein Vater für den Götzendienst, denn es heißt: wie sich ein Vater der Kinder erbarmt.
6Es war ihm gering, daß er in den Sünden Jerobea͑ms, des Sohnes Nebaṭs, wandelte. R. Joḥanan sagte: Die leichten Sünden, die Aḥa͑b beging, glichen den schweren, die Jerobea͑m beging; nur deshalb hängt es die Schrift überall dem Jerobea͑m an, weil er mit dem Verderb den Anfang gemacht hatte. Ihre Altäre sind wie die Steinhaufen auf den Feldfurchen. R. Joḥanan sagte: Du hast keine Feldfurche im Jisraéllande, auf der Aḥa͑b nicht einen Götzen aufgestellt und ihn verehrt hätte. –
7Woher, daß er nicht der zukünftigen Welt teilhaftig ist? – Es heißt: ich will von Aḥa͑b ausrotten, alles, was an die Wand pißt; zurückgelassen und verlassen in Jisraél; zurückgelassen, in dieser Welt, verlassen, in der zukünftigen Welt.
8R. Joḥanan sagte: Weshalb war es O͑mri beschieden, König zu sein? Weil er das Jisraélland um eine Stadt bereichert hatte, denn es heißt: er kaufte den Berg Šomron von Šemer um zwei Talente Silbers und bebaute den Berg und benannte die Stadt, die er erbaut hatte, Šomron, nach dem Namen Šemers, des Herrn des Berges.
9R. Joḥanan sagte: Weshalb war es Aḥa͑b beschieden, zweiundzwanzig Jahre zu regieren?
10Weil er geehrt hatte die Tora, die mittelst zweiundzwanzig Buchstaben verliehen worden ist. Denn es heißt: Und er sandte Boten in die Stadt zu Aḥa͑b, dem Könige von Jisraél, und ließ ihm sagen: So spricht Ben Hadad: Dein Silber und dein Gold ist mein, und deine schönsten Weiber und Kinder sind gleichfalls mein. Denn morgen um diese Zeit will ich meine Leute zu dir senden, daß sie dein Haus und die Häuser deiner Diener durchsuchen, und all deine Augenweide werden sie in ihre Hand tun und mitnehmen. Darauf sprach er zu den Boten Ben Hadads: Saget meinem Herrn, dem Könige: Alles, was du zuerst deinem Knechte entboten hast, will ich tun; aber dies kann ich nicht tun.
11‘Deine Augenweide’, das ist ja wahrscheinlich die Torarolle. –
12Vielleicht der Götze!? – Dies ist nicht einleuchtend, denn es heißt: da sprachen die Ältesten und das ganze Volk zu ihm: Höre nicht darauf und willige nicht ein. – Vielleicht waren es Älteste der Schande, denn es heißt ja auch: dieser Rat sagte Abšalom und den Ältesten zu, worüber R. Joseph sagte, die Ältesten der Schande!? –
13Da heißt es nicht: und das ganze Volk, hier aber heißt es: und das ganze Volk, und es ist ja nicht möglich, daß unter ihnen gar keine Frommen wären, wo es doch heißt: doch will ich in Jisraél siebentausend übrig lassen, all die Knie, die sich nicht vor dem Baa͑l gebeugt haben, und jeglichen Mund, der ihn nicht geküßt hat.
14R. Naḥman sagte: Aḥa͑b war gleichwiegend, denn es heißt: und der Herr sprach: Wer will Aḥa͑b betören, daß er zu Feld ziehe und zu Ramoth Gilea͑d falle? Und der eine sagte dies, der andere sagte das. R. Joseph wandte ein: Von ihm heißt es: es hat schlechterdings niemand gegeben, der sich so dazu hergegeben hätte, das dem Herrn mißfällige zu tun, wie Aḥa͑b, den sein Weib Izebel verleitete. Ferner wird gelehrt, daß sie jeden Tag Gold-Šeqalim für die Götzen wog, und du sagst, er sei gleichwiegend gewesen!? – Vielmehr, Aḥa͑b war freigebig mit seinem Gelde, und da er von seinem Vermögen die Gelehrten genießen ließ, so wurde ihm die Hälfte verziehen.
15Da trat der Geist hervor, stellte sich vor den Herrn und sprach: Ich will ihn betören. Der Herr fragte ihn: Womit? Da antwortete er: Ich will ausgehen und zum Lügengeiste werden im Munde all seiner Propheten. Er sprach: Ja, du wirst die Betörung vollbringen; gehe und tue also. Was war es für ein Geist? R. Joḥanan erwiderte: Der Geist des Naboth aus Jizre͑él. –
16Was heißt: gehe? Rabina erwiderte: Gehe aus meinem Kreise; denn so heißt es: wer Lügen redet, soll nicht bestehen vor meinen Augen. R. Papa sagte: Das ist es, was die Leute sagen: Wer Rache übt, zerstört sein Heim.
17Auch fertigte Aḥa͑b die Ašera an; und Aḥa͑b reizte den Herrn, den Gott Jisraéls, zum Zorne mehr als alle Könige Jisraéls, die vor ihm regiert hatten. R. Joḥanan sagte: Er schrieb auf die Türen von Šomron: Aḥa͑b verleugnet den Gott Jisraéls. Daher hat er keinen Anteil am Gott Jisraéls.
18Sodann ließ er Aḥazjahu suchen, und man fing ihn, während er sich zu Šomron versteckt hielt. R. Levi sagte: Er kratzte die Gottesnamen aus und schrieb an deren Stelle [Namen der] Götzen.
19[Er hieß] Menaše, weil er Gott vergessen [naša] hatte. Eine andere Erklärung: Er ließ zwischen Jisraél und seinem Vater im Himmel eine Vergessenheit eintreten. – Woher wissen wir, daß er der zukünftigen Welt nicht teilhaftig ist? – Es heißt: zwölf Jahre war Menaše alt, als er König ward, und fünfundfünfzig Jahre regierte er zu Jerušalem; und er tat, was dem Herrn mißfiel. Wie Aḥa͑b, der König von Jisraél, getan hatte. Wie Aḥa͑b keinen Anteil an der zukünftigen Welt hat, ebenso hat auch Menaše keinen Anteil an der zukünftigen Welt.
20R. JEHUDA SAGT, MENAŠE HABE EINEN ANTEIL AN DER ZUKÜNFTIGEN WELT, DENN ES HEISST: als Menaše zum Herrn betete, ließ er sich von ihm erbitten &c, R. Joḥanan sagte: Beide folgerten sie es aus einem und demselben Schriftverse, denn es heißt: und ich will sie zu einem Schreckbilde machen für alle Königreiche der Erde, um Menašes willen, des Sohnes Ḥizqijas. Einer erklärt: um Menašes willen, der Buße getan hat, während sie keine Buße getan haben, und einer erklärt:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.