Sanhedrin — Blatt 104b

1Da sprach der eine zu seinem Gefährten: Das Kamel, das vor uns geht, ist blind auf einem Auge, ist mit zwei Schläuchen beladen, von denen der eine Wein und der andere Öl enthält, und von den beiden Leuten, die es führen, ist einer Jisraélit und einer Nichtjude. Da sprach [der Gefangenenführer] zu ihnen: Hartnäckiges Volk, woher wißt ihr dies?

2Diese erwiderten ihm: Das Kamel frißt von dem vor ihm wachsenden Gras nur von der einen Seite, die es sehen kann, nicht aber von der anderen Seite, die es nicht sehen kann. Von den zwei Schläuchen, mit denen es beladen ist, enthält der eine Wein und der andere Öl, denn der Wein trieft herunter und sinkt [in die Erde] ein, das Öl aber trieft herunter und schwimmt obenauf. Von den beiden Männern, die es führen, ist einer Jisraélit und einer Nichtjude, denn der Nichtjude verrichtet seine Notdurft in der Mitte des Wegs, der Jisraélit aber wendet sich nach der Seite.

3Hierauf lief er ihnen nach und fand, daß es sich so verhielt, wie sie gesagt haben. Alsdann küßte er sie aufs Haupt, brachte sie nach Hause, bereitete für sie ein großes Mahl und tanzte vor ihnen, indem er sprach: Gepriesen sei der, der die Kinder Abrahams erwählt und ihnen von seiner Weisheit verliehen hat; wo sie auch hinkommen, werden sie Fürsten ihrer Herren. Hierauf entließ er sie in Frieden nach ihrer Heimat.

4Sie weint und weint in der Nacht. Worauf deuten diese beiden ‘weinen’? Rabba erwiderte im Namen R. Joḥanans: Das eine über [die Zerstörung] des ersten Tempels und das andere über die des zweiten Tempels. In der Nacht, wegen der Angelegenheit der Nacht, denn es heißt. da erhob die ganze Gemeinde ein lautes Geschrei und es jammerte in jener Nacht,

5und Rabba sagte im Namen R. Joḥanans, jene Nacht sei die des neunten Ab gewesen. Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Jisraél: Ihr habt ohne Ursache gejammert, ich aber werde ihn euch zum ewigen Jammer[tage] machen. Eine andere Erklärung: In der Nacht: wer nachts weint, dessen Stimme wird [weit] gehört.

6Eine andere Erklärung: In der Nacht, wenn jemand nachts weint, so weinen die Sterne und die Sternbilder mit ihm. Eine andere Erklärung: In der Nacht, wenn jemand nachts weint, so weint mit ihm jeder, der seine Stimme hört. Einst starb einer Frau in der Nachbarschaft R. Gamliéls ein Sohn und nachts weinte sie über ihn; als R. Gamliél ihre Stimme hörte, weinte er mit ihr, bis ihm die Wimpern ausfielen. Am folgenden Tage merkten dies seine Schüler und brachten sie aus seiner Nachbarschaft fort.

7Ihre Tränen auf ihren Wangen. Raba sagte im Namen R. Joḥanans: Wie eine Frau, die ihren Jugendgatten beweint, denn es heißt: wehklage gleich einer Jungfrau, die mit dem Trauergewande umgürtet ist, wegen des Verlobten ihrer Jugend. Ihre Bedränger sind obenauf gekommen. Raba sagte im Namen R. Joḥanans: Wer Jisraél bedrängt, kommt obenauf. Es heißt: Denn nicht ermüdet, wo Drangsal war. In der früheren Zeit hat er Schmach über das Land Zebulun und das Land Naphtali gebracht, aber in der zukünftigen Zeit wird er die Straße nach dem Meere, das Gelände am Jarden, den Bezirk der Völker zu Ehren bringen. Raba erklärte im Namen R. Joḥanans: Wer Jisraél bedrängt, wird nicht müde.

8Nicht auf euch, ihr alle, die ihr des Weges vorüberzieht. Raba sagte im Namen R. Joḥanans: Hier ist die Absprechung [des Unglücks] in der Tora angedeutet. Die ihr des Weges vorüberzieht. R. A͑mram sagte im Namen Rabhs: Mit mir wurde verfahren wie mit denen, die das Gesetz übertraten. Von Sedom heißt es: der Herr ließ über Sedom regnen, und von Jerušalem heißt es: aus der Höhe sandte er Feuer in meine Gebeine und drückte sie nieder &c. Es heißt: die Schuld meines Volkes war größer als die Sünde Sedoms;

9gibt es denn hierbei eine Bevorzugung? Raba erwiderte im Namen R. Joḥanans: Ein Weiteres war in Jerušalem, was in Sedom nicht war. Von Sedom heißt es: das war die Schuld Sedoms, deiner Schwester, Hoffart, Überfluß an Nahrung &c. aber die Armen und Bedürftigen stützte sie nicht &c.; von Jerušalem aber heißt es: weichherzige Frauen kochten ihre Kinder.

10Verworfen hat der Herr all meine Helden in meiner Mitte. Wie wenn jemand zu seinem Nächsten sagt: Diese Münze ist verrufen.

11Sie rissen über dich ihren Mund auf. Raba sagte im Namen R. Joḥanans: Weshalb steht der mit Pe [beginnende Vers] vor dem mit A͑jin beginnenden? Wegen der Kundschafter, die mit dem Munde [Pe] bekundeten, was sie mit den Augen [A͑jin] nicht gesehen hatten.

12Die mein Volk verzehren, essen Brot; den Herrn riefen sie nicht an. Raba sagte im Namen R. Joḥanans: Wer das Brot Jisraéls ißt, fühlt den Geschmack des Brotes, wer nicht das Brot Jisraéls ißt, fühlt nicht den Geschmack des Brotes. Den Herrn riefen sie nicht an; Rabh sagte, dies beziehe sich auf die [ungetreuen] Richter; Šemuél sagte, dies beziehe sich auf die [ungetreuen] Kinderlehrer.

13Wer zählte sie auf? R. Aši erwiderte: Die Männer der Großsynode zählten sie auf. R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Sie wollten noch einen mitzählen, da kam das Bild seines Vaters und warf sich vor ihnen nieder, sie aber beachteten es nicht; hierauf kam ein Feuer vom Himmel und versengte ihre Bänke, sie aber beachteten dies nicht.

14Alsdann ertönte eine Hallstimme und sprach zu ihnen: Siehst du einen behend in seiner Arbeit, vor Königen kann er sich stellen; nicht soll er sich vor Gemeinen stellen. Der mein Haus vor seinem errichtet hat, und sogar mein Haus in sieben Jahren, aber seines in dreizehn Jahren erbaute, soll vor Königen stehen und nicht vor Gemeinen. Sie beachteten sie aber nicht. Daraufhin ertönte eine Hallstimme und sprach: Hast du es zu bezahlen, daß du es verwirfst, daß du wählen solltest und nicht ich &c.

15Die Schriftausleger sagten, sie alle seien der zukünftigen Welt teilhaftig, denn es heißt: mein ist Gilea͑d und mein ist Menaše, und Ephrajim ist die Schutzwehr meines Hauptes; Jehuda ist mein Herrscherstab, Moáb ist mein Waschbecken, auf Edom werfe ich meinen Schuh; für mich ist es, Pelešeth zu befreunden. Mein ist Gilea͑d, das ist Aḥáb, der in Ramoth Gilea͑d fiel; Menaše, wörtlich; Ephrajim ist die Schutzwehr meines Hauptes, das ist Jerobea͑m, der von Ephrajim stammt; Jehuda ist mein Herrscherstab, das ist Aḥitophel,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.