Sanhedrin — Blatt 105b
1sank er hin, fiel nieder und lag da &c.
2Er kennt die Gedanken des Höchsten. Wenn er nicht einmal die Gedanken seines Tieres kannte, wie sollte er die Gedanken des Höchsten gekannt haben!? – Was für ein Bewenden hat es mit den Gedanken seines Tieres? – Als man ihn fragte, weshalb er nicht auf einem Pferde reite, erwiderte er, er habe es auf die Weide geschickt.
3Da sprach [die Eselin] zu ihm: Ich bin ja deine Eselin! [Er erwiderte:] Zum Lasttragen. [Sie entgegnete:] Auf der du geritten bist. [Er erwiderte:] Nur zuweilen. [Sie entgegnete:] Von jeher bis auf den heutigen Tag;
4und noch vielmehr, ich diene dir nachts auch als Frau. Hier heißt es nämlich: pflegte ich denn, und dort heißt es: sie soll ihm als Pflegerin dienen. –
5Vielmehr, er kennt die Gedanken des Höchsten, dies ist zu verstehen, er wußte die Stunde abzupassen, in der der Heilige, gepriesen sei er, zürnt.
6Das ist es, was der Prophet zu Jisraél sprach: Mein Volk, denke doch daran, was Balaq, der König von Moáb, im Sinne hatte, und was Bilea͑m, der Sohn Beo͑rs, ihm antwortete; von Šittim bis Gilgal, damit du die Wohltaten des Herrn erkennest. – Was heißt: damit du die Wohltaten des Herrn erkennest? – Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Jisraél: Erkennt doch die vielen Wohltaten, die ich euch erwiesen habe, indem ich während aller Tage des ruchlosen Bilea͑m nicht zürnte; denn hätte ich während jener Tage gezürnt, so würde von den Feinden Jisraéls weder Entronnener noch Flüchtling zurückgeblieben sein.
7Das ist es, was Bilea͑m zu Balaq sagte: Wie soll ich verfluchen, wenn Gott nicht verflucht &c. An jenem Tage zürnte der Herr nicht. Gott zürnt täglich. Wie lange hält sein Zorn an? – Einen Augenblick, wie es heißt: denn sein Zorn währt nur einen Augenblick, lebenslang seine Huld &c.
8Wenn du willst, hieraus: wohlan, mein Volk, geh in deine Kammern und schließe die Tür hinter dir zu; verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorüber ist. – Wann zürnt er? – In den ersten drei Stunden [des Tages], wenn der Kamm des Hahnes weiß wird. – An jeder anderen Zeit ist er ja ebenfalls weiß!? – An jeder anderen Zeit hat er rote Streifen, dann aber hat er keine roten Streifen.
9In der Nachbarschaft des R. Jehošua͑ b. Levi wohnte ein Minäer, der ihn sehr quälte. Da nahm er einen Hahn und band ihn an den Fuß [des Bettes], dann legte er sich nieder, indem er dachte: wenn diese Zeit heranreicht, werde ich ihn verfluchen. Als diese Zeit heranreichte, schlief er ein. Da sprach er: Es ist also zu ersehen, daß dies keine Art und Weise ist, wie es heißt: unangenehm ist dem Gerechten das Strafen; auch Minäern gegenüber ist dies zu unterlassen.
10Im Namen R. Meírs wird gelehrt: Wenn die Sonne hervorstrahlt und die Könige ihre Kronen auf ihre Häupter setzen und sieb vor der Sonne niederwerfen, gerät er sofort in Zorn.
11Da stand Bilea͑m morgens auf und sattelte seine Eselin. Im Namen des R. Šimo͑n b. Elea͑zar wird gelehrt: Die Liebe hebt die Grenzlinie des Stolzes auf, wie dies bei Abraham der Fall war, denn es heißt: da machte sich Abraham früh auf, und der Haß hebt die Grenzlinie des Stolzes auf, wie dies bei Bilea͑m der Fall war, denn es heißt: da stand Bilea͑m morgens auf .
12R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Ein Mensch befasse sich stets mit der Tora und guten Werken, auch nicht um ihrer selbst willen, denn dadurch wird man veranlaßt, es um ihrer selbst willen zu tun. Denn als Belohnung dafür, daß Balaq zweiundvierzig Opfer darbrachte, war es ihm beschieden, daß Ruth von ihm hervorging. R. Jose b. Ḥoni sagte nämlich: Ruth war die Tochter E͑glons, des Enkelsohnes Balaqs, des Königs von Moa͑b.
13Raba sprach zu Rabba b. Mari: Es heißt: Gott mache den Namen Šelomos herrlicher als deinen Namen, und mache seinen Thron erhabener als deinen. Ist es denn schicklich, so zu einem Könige zu sprechen!? Dieser erwiderte: Sie meinte es: von.
14Wie willst du, wenn du es nicht so auffassen wolltest, folgendes erklären: gepriesen sei vor den Weibern Jae͑l, das Weib Ḥeber des Qeniters; vor den Weibern im Zelte sei sie gepriesen; die Weiber im Zelte sind ja [die Erzmütter] Sara, Ribhqa, Raḥel und Lea͑; ist es denn schicklich, so zu sprechen!? Du mußt also erklären: von, ebenso auch hierbei: von.
15Er streitet somit gegen R. Jose b. Ḥoni, denn R. Jose b. Ḥoni sagte: Auf jeden anderen ist ein Mensch neidisch, nur nicht auf seinen Sohn und seinen Schüler. Auf seinen Sohn, wie bei Šelomo; auf seinen Schüler? – Wenn du willst, entnehme ich dies aus: möchte mir denn ein doppelter Anteil an deinem Geiste zuteil werden; wenn du aber willst, aus: sodann legte er ihm die Hände auf und setzte ihn ein .
16Da legte der Herr Worte in den Mund Bilea͑ms. R. Elie͑zer erklärte, durch einen Engel; R. Jonathan erklärte, durch eine Angel.
17R. Joḥanan sagte: Aus den Segensworten dieses Frevlers lernst du, was in seinem Herzen war. Er wollte sagen: Sie mögen keine Bet- und Lehrhäuser haben, [und sagte:] wie herrlich sind deine Zelte, Ja͑qob. Die Göttlichkeit auf ihnen nicht ruhe, [und sagte:] deine Wohnsitze, Jisraél. Ihre Herrschaft möge sich nicht weit erstrecken, [und sagte:] wie Bachtäler, die sich erstrecken. Sie mögen keine Oliven- und Weingärten haben, [und sagte:] wie Baumgärten an einem Strom. Ihr Duft steige nicht auf, [und sagte:] wie Aloepflanzen, die der Herr gepflanzt hat.
18Sie mögen keine Könige von hoher Statur haben, [und sagte:] wie Zedern am Wasser. Sie mögen keinen König, der Sohn eines Königs ist, haben, [und sagte:] es rinnt Wasser aus seinen Eimern. Ihre Herrschaft möge keine Macht über die Völker haben, [und sagte:] und seine Saat hat reichliches Wasser. Möge ihre Herrschaft nicht kraftvoll sein, [und sagte:] mächtiger als Agag ist sein König. Möge ihre Herrschaft nicht erhaben sein, [und sagte:] und seine Herrschaft erhaben.
19R. Abbab. Kahana sagte: alle wurden sie zurück in einen Fluch verwandelt, ausgenommen [den Segen] die Bet- und Lehrhäuser betreffend, denn es heißt: da verwandelte dir der Herr, dein Gott, den Fluch zum Segen; denn der Herr, dein Gott, hatte dich lieb; den Fluch, nicht aber die Flüche.
20R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Es heißt: Treugemeint sind die Wunden von einem Freunde, lästig aber sind die Küsse von einem Feinde. Besser ist der Fluch, den Aḥija der Šilonite über Jisraél sprach, als der Segen, den der ruchlose Bilea͑m über sie sprach. Aḥija der Šilonite verfluchte sie, indem er sie mit einem Rohre verglich, wie es heißt: und der Herr wird Jisraél schlagen, gleichwie das Rohr im Wasser schwankt &c. Wie nämlich das Rohr am Wasser wächst, sein Stamm neue
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.