Sanhedrin — Blatt 106a
1Triebe hervorbringt und seine Wurzeln zahlreich sind; und selbst wenn alle Winde der Welt gegen ihn wehen, reißen sie ihn nicht von seiner Stelle, da es sich mit ihnen mitbewegt, und sobald der Wind aufhört, bleibt das Rohr auf seinem Platze stehen.
2Der ruchlose Bilea͑m aber segnete sie, indem er sie mit einer Zeder verglich; wie nämlich die Zeder nicht am Wasser wächst, ihre Wurzeln nicht zahlreich sind und ihr Stamm keine neuen Triebe hervorbringt; und obgleich alle Winde der Welt, wenn sie gegen sie wehen, sie von ihrer Stelle fortzureißen nicht vermögen, so kann der Südwind sie dennoch entwurzeln und sofort umwerfen. Und nicht nur das, dem Rohre ist es auch beschieden, daß aus ihm ein Kalam bereitet wird, damit die Tora, die Propheten und die Hagiographen zu schreiben.
3Und als er den Qeniter sah, trug er folgenden Spruch vor. Bilea͑m sprach zu Jithro: Qeniter, warst du etwa nicht mit uns bei diesem Ratschlage, wer hat dich nun unter die Vornehmen der Welt gesetzt!?
4Das ist es, was R. Ḥija b. Abba im Namen R. Simlajs sagte: Drei waren bei diesem Ratschlag beteiligt, und zwar: Bilea͑m, Ijob und Jithro; Bilea͑m, der den Rat erteilte, wurde erschlagen; Ijob, der schwieg, wurde durch Züchtigungen bestraft; Jithro, der floh, war es beschieden, daß Enkelkinder von ihm in der Quaderhalle saßen, denn es heißt: und die Geschlechter der Schriftgelehrten, die Ja͑heç bewohnen, die Tirea͑tim, die Šimea͑tim und die Sukatim; das sind die Qinim, die von Ḥamath, dem Stammvater des Hauses Rekhabs, abstammen; ferner heißt es: und die Söhne des Qeni, des Schwagers Mošes, waren aus der Palmenstadt heraufgezogen.
5Dann trug er folgenden Spruch vor: Weh, wer wird leben bleiben, wenn Gott dies tut. Reš Laqiš erklärte: Wehe dem, der sich durch den Namen Gottes erhält. R. Joḥanan erklärte: Wehe der Nation, die sich dann befinden wird, wenn der Heilige, gepriesen sei er, seine Kinder erlösen wird; wer vermag sein Gewand zwischen Löwe und Löwin zu legen, wenn sie einander begatten.
6Schiffe von Kittim her. Rabh erklärte: Die weiße Legion. Sie demütigen Ašur und sie demütigen das Land jenseits. Bis Ašur töten sie, von da ab unterwerfen sie nur.
7So will ich nun zu meinem Volke ziehen; wohlan, ich will dir eröffnen, was dieses Volk deinem Volke tun soll. Es sollte ja heißen: dein Volk diesem Volke!? R. Abba b. Kahana erwiderte: Wie wenn jemand einen Fluch gegen sich selbst ausstoßen will, und ihn anderen anhängt.
8Er sprach zu ihm: Der Gott von diesen haßt die Unzucht, sie aber haben Verlangen nach Linnenzeug; wohlan, ich will dir nun einen Rat geben. Errichte Zelte und setze da [Huren] hinein, eine alte draußen und eine junge innen, und diese sollen ihnen Linnenzeug verkaufen.
9Darauf errichtete er Zelte von Har Šeleg [Schneeberg] bis Beth Haješimoth [Wüstenhaus] und setzte da Huren hinein, eine alte draußen und eine junge innen; wenn nun ein Jisraélit aß, trank, lustig war und auf der Straße lustwandelte, sprach die alte ihn an: Wünschst du vielleicht Linnenzeug? Die alte bot es ihm für den richtigen Wert an, die junge aber unter dem Werte.
10Nachdem sich dies zwei- oder dreimal wiederholte, sprach sie zu ihm: Du bist ja bereits wie ein Familienangehöriger; setze dich und suche dir etwas aus. Krüge mit a͑mmonitischem Weine standen vor ihr, und da damals (a͑mmonitischer und) nichtjüdischer Wein noch nicht verboten war, sprach sie zu ihm: Willst du vielleicht ein Glas Wein trinken? Halte er getrunken, so geriet er in Erregung
11und sprach zu ihr: Gib dich mir hin. Da zog sie ihre Gottheit aus dem Busen und sprach zu ihm: Verehre diese. Er erwiderte ihr: Ich bin ja Jude. – Was schadet dies; ich verlange ja nur, daß du dich vor dieser entleerest; außerdem entlasse ich dich nicht eher, als bis du die Lehre deines Meisters Moše verleugnet hast. Es heißt nämlich: als sie nach Baa͑l Peo͑r kamen, weihten sie sich der Schande und wurden abscheulich wegen ihrer Liebe.
12Als nun Jisraél in Šittim saß. R. Elie͑zer erklärte, [der Ort] hieß Šittim; R. Jehošua͑ erklärte, sie befaßten sich mit Torheiten [šṭuth].
13Diese luden das Volk zu den Opfermahlen ihrer Götter. R. Elie͑zer erklärte, sie kamen zu ihnen nackt heran; R. Jehošua͑ erklärte, sie bekamen alle Pollution. –
14Was heißt Rephidim? – R. Elie͑zer erklärte, [der Ort] hieß Rephidim; R. Jehošua͑ erklärte, sie wurden schlaff [rapha] in der Tora, denn es heißt: es sahen sich die Väter nicht nach den Kindern um, wegen der Schlaffheit ihrer Hände.
15R. Joḥanan sagte: Überall, wo [das Wort] sitzen vorkommt, gab es ein Unglück. Es heißt: als Jisraél in Šittim saß, – da hob das Volk an, mit den Moabiterinnen zu buhlen. Als Ja͑qob im Lande saß, wo sein Vater als Fremdling geweilt hatte, im Lande Kenaa͑n, – Joseph brachte üble Nachrede von ihnen ihrem Vater. (Es heißt :) Jisraél saß im Lande &c. Gošen, – da ging es mit Jisraél zum Sterben. Jehuda und Jisraél saßen sicher, ein jeglicher unter seinem Weinstocke und unter seinem Feigenbaume, – da ließ der Herr Šelomo einen Widersacher erstehen in dem Edomiler Hadad, vom königlichen Geschlechte in Edom.
16Auch die Könige von Midjan töteten sie zu den übrigen von ihnen Erschlagenen hinzu &c. auch Bilea͑m, den Sohn Beo͑rs, töteten sie durch das Schwert. Was suchte da Bilea͑m? R. Joḥanan erwiderte: Er ging seinen Lohn für die vierundzwanzig Tausend in Empfang nehmen. Mar Zuṭra, Sohn des Ṭobija, sagte im Namen Rabhs: Das ist es, was die Leute sagen: Der Esel wollte Hörner haben, da schnitt man ihm die Ohren ab.
17Auch den Zauberer Bilea͑m, den Sohn Beo͑rs; wieso Zauberer, er war ja Prophet!? R. Joḥanan erwiderte: Anfangs war er Prophet, nachher wurde er Zauberer. R. Papa sagte: Das ist es, was die Leute sagen: Sie stammt von Fürsten und Herrschern, hurt aber mit einem Tischler.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.