Sanhedrin — Blatt 106b

1Töteten die Jisraéliten zu den übrigen von ihnen Erschlagenen hinzu durch das Schwert. Rabh sagte: Sie vollzogen an ihm die vier [gerichtlichen] Todesarten: Steinigung, Verbrennung, Enthauptung und Erdrosselung.

2Ein Minäer fragte R. Ḥanina: Hast du vielleicht gehört, wie alt Bilea͑m geworden ist? Dieser erwiderte: Dies befindet sich nicht ausdrücklich in der Schrift; da es aber heißt: die Blutgierigen und Falschen werden ihr Leben nicht auf die Hälfte bringen, so wird er wohl dreiunddreißig oder vierunddreißig Jahre [alt geworden sein]. Jener sprach: Du hast recht; ich habe das Kollektaneum Bilea͑ms gesehen, und in diesem stand geschrieben: Dreiunddreißig Jahre war der lahme Bilea͑m alt, als ihn der Mörder Pinḥas tötete.

3Mar, Sohn des Rabana, sprach zu seinem Sohne: Über alle anderen trage nicht allzuviel vor, außer über den ruchlosen Bilea͑m; was du nur über ihn findest, kannst du vortragen.

4Er heißt Doég und er heißt Dojeg!? R. Joḥanan erklärte: Anfangs saß der Heilige, gepriesen sei er, und war besorgt [doég], dieser könnte ausarten; nachdem er ausgeartet war, sprach er:

5Wehe, dieser ist ausgeartet.

6R. Jiçḥaq sagte: Es heißt: was rühmst du dich der Bosheit, du Held, die Gnade Gottes währt allezeit. Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Doég: Du bist ja kein Held in der Tora, was rühmst du dich nun der Bosheit; die Gnade Gottes waltet nicht allezeit über dich.

7Ferner sagte R. Jiçḥaq: Es heißt: zum Gottlosen aber spricht Gott: Was hast du meine Satzungen zu erzählen? Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zum ruchlosen Doég: Was hast du meine Satzungen zu erzählen; wie legst du den Abschnitt vom Morde und den Abschnitt von der Verleumdung aus, wenn du an diese herankommst!? Und nimmst mein Bündnis in deinen Mund. Rabbi erklärte: Die Tora Doégs befand sich nur auf seinen Lippen nach außen.

8Ferner sagte R. Jiçḥaq: Es heißt: die Frommen aber werden es sehen und sich fürchten und werden über ihn lachen; zuerst werden sie sich fürchten, nachher aber werden sie lachen.

9Ferner sagte R. Jiçḥaq: Es heißt: Vermögen hat er verschlungen und muß es wieder ausspeien, aus seinem Bauche treibt es Gott. David sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, mag Doég doch sterben! Er erwiderte ihm: Er hat Vermögen verschlungen; vorher muß er es wieder ausgespien haben. Darauf sprach er: Mag Gott es aus seinem Bauche treiben.

10Er sprach: Mag doch Doég in die zukünftige Welt kommen. Da sprach er vor ihm: So soll dich Gott auch für immer zertrümmern, dich wegraffen und aus dem Zelte reißen und dich entwurzeln aus dem Lande des Lebens. Sela. [Der Heilige, gepriesen sei er, sprach:] Man trage im Lehrhause eine Lehre in seinem Namen vor. – Wegraffen und aus seinem Zelte reißen. – Er mag Kinder ‘haben, die Schriftgelehrte sind. – Entwurzeln aus dem Lande des Lebens.

11Ferner sagte R. Jiçḥaq: Es heißt: Wo ist der Zählende, wo ist der Wägende, wo ist, der die Türme abzählte? Wo ist der Zählende, der die Buchstaben der Tora [zählte]; wo ist der Wägende, der alle [Schlüsse vom] Leichteren auf das Schwerere wog; wo ist, der die Türme abzählte, der über einen in der Luft schwebenden Turm dreihundert abgeschlossene Lehren aufzählte.

12Rabbi sagte: Vierhundert Fragen stellten Doég und Aḥitophel inbetreff eines in der Luft schwebenden Turms. Raba sprach: Ist etwa das Stellen von Fragen etwas Großes!? In den Jahren R. Jehudas beschränkte sich das ganze Studium auf [die Sektion von den] Schäden, während es bei uns bedeutend weiter fortgeschritten ist;

13wenn nämlich R. Jehuda an [den Passus] ‘Wenn eine Frau Kräuter in einen Topfe eingelegt hat’, wie manche sagen [zum Passus] ‘Oliven, die man mit ihren Blättern eingelegt hat’, herankam, so rief er aus: Die Disputationen von Rabh und Šemuél sehe ich hier! Wir aber lernen [den Traktat] Uqçin in dreizehn Vorlesungen.

14Und dennoch, sobald R. Jehuda nur einen Schuh abzog, kam sofort Regen, wir aber schreien, und niemand ist da, der uns beachtet. Der Heilige, gepriesen sei er, will vielmehr das Herz, wie es heißt: der Herr sieht auf das Herz.

15R. Mešaršeja sagte: Doég und Aḥitophel konnten eine Lehre nicht erklären. Mar Zuṭra wandte ein: Von diesen heißt es: wo ist der Zählende, wo ist der Wägende, wo ist, der die Türme abzählte, und du sagst, sie konnten eine Lehre nicht erklären!? – Vielmehr, es gelang ihnen nicht, eine Lehre nach der richtigen Entscheidung zu eruieren.

16R. Ami sagte: Doég starb, nachdem er seine Gesetzeskunde vergessen hatte, denn es heißt: er stirbt ohne Zucht und ob seiner großen Narrheit taumelt er hin. R. Aši sagte: Er war aussätzig geworden, denn es heißt: du vernichtest jeden, der dir treulos wird,

17und dort heißt es: unwiderruflich, was erklärt wird: absolut, und wir haben gelernt, zwischen einem abgeschlossenen und einem absoluten [Aussätzigen] gebe es keinen anderen Unterschied, als den des ungepflegten Haares und der zerrissenen Gewänder.

18R. Joḥanan sagte: Drei Engel des Verderbens begegneten Doég; einer ließ ihn seine Gesetzeskunde vergessen, einer verbrannte seine Seele, und einer streute die Asche in den Bet- und Lehrhäusern aus.

19Ferner sagte R. Joḥanan: Doég und Aḥitophel sahen einander nicht; Doég [lebte] zur Zeit Šaúls und Aḥitophel zur Zeit Davids.

20Ferner sagte R. Joḥanan: Doég und Aḥitophel erreichten nicht die Hälfte ihrer Lebensjahre. Desgleichen wird auch gelehrt: Leute von Blutgier und Falschheit werden ihr Leben nicht auf die Hälfte bringen. Die ganze Lebensdauer Doégs betrug nur vierunddreißig und die des Aḥitophel dreiunddreißig Jahre.

21Ferner sagte R. Joḥanan: Anfangs nannte David den Aḥitophel Meister, später nannte er ihn Kollege und zuletzt nannte er ihn Schüler. Anfangs nannte er ihn Meister: du, ein Mensch meinesgleichen, mein Meisler und mein Freund. Später nannte er ihn Kollege: die wir süße Gemeinschaft mit einander pflogen, tiefbewegt gingen wir in das Gotteshaus. Zuletzt nannte er ihn Schüler: auch der, mit dem ich in Frieden lebte, auf den ich vertraute,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.