Sanhedrin — Blatt 107a
1der mein Brot aß, hat die Ferse wider mich erhoben.
2R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Nie bringe sich ein Mensch in die Versuchung, denn David, der König Jisraéls, brachte sich in die Versuchung und strauchelte. Er sprach nämlich vor ihm: Herr der Welt, weshalb sagt man: Der Gott Abrahams, der Gott Jiçḥaqs und der Gott Ja͑qobs, und nicht: der Gott Davids!? Er erwiderte: Jene wurden von mir erprobt, du aber nicht. Da sprach er: Prüfe mich und stelle mich auf die Probe &c.
3Er erwiderte: Ich will auch dich auf die Probe stellen, und zwar will ich mit dir noch ein Weiteres tun, denn jenen teilte ich es vorher nicht mit, dir aber teile ich vorher mit, daß ich dich durch eine Inzestsache auf die Probe stellen werde. Darauf: und es war gegen Abend, da erhob sich David von seinem Lager &c.
4R. Jehuda sagte: Er verwandelte sein nächtliches Lager in ein tägliches; er vergaß aber die Lehre, daß der Mensch ein kleines Glied besitze, das, wenn man es sättigt, hungrig ist, und wenn man es hungern läßt, satt ist.
5Er ging auf dem Dache des königlichen Palastes umher und sah vom Dache aus ein Weib sich waschen, und das Weib war von sehr schönem Aussehen. Bath Šeba͑ wusch sich den Kopf unter einem Weidenkorbe; da erschien ihm der Satan in Gestalt eines Vogels, und als er nach ihm einen Pfeil schoß, warf dieser den Weidenkorb um.
6Hierauf: David schickte hin und erkundigte sich nach dem Weibe. Man sagte ihm: Das ist die Bath Šeba͑, die Tochter Elia͑ms, das Weib des Ḥethiters Urija. Nun schickte David Boten hin und ließ sie holen. Sie kam zu ihm und er wohnte ihr bei, sie hatte sich von ihrer Unreinheit rein gemacht. Alsdann kehrte sie nach Hause zurück. Hierauf deutet der Schriftvers: du hast mein Herz geprüft, nachts nachgesehen und mich genau erforscht, aber nichts gefunden. Meine Gedanken überschreiten nicht meinen Mund; er sprach nämlich: Hätte doch ein Maulschloß den Mund meines Feindes geschlossen, so würde er dies nicht gewünscht haben.
7Raba trug vor: Es heißt: Dem Sangmeister; von David. Bei dem Herrn suche ich Zuflucht; wie könnt ihr zu mir sagen: Flieht auf eure Berge wie Vögel! David sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, vergib mir diese Sünde, damit man nicht sage: euer Berg wurde von einem Vogel fortgeblasen.
8Raba trug [ferner] vor: Es heißt: an dir allein habe ich gesündigt und habe getan, was dir mißfällig ist, damit du recht behaltest mit deinem Spruche, rein dastehst mit deinem Urteil. David sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Offenbar und bewußt ist es dir, daß ich, wenn ich nur wollte, meinen Trieb beherrschen könnte, nur wollte ich nicht, daß man sage, der Diener habe seinen Herrn besiegt.
9Raba trug vor: Es heißt: denn ich bin des Sturzes gewärtig, und mein Schmerz ist stets vor mir. Bath Šeba͑, die Tochter Elia͑ms, war für David seit den sechs Schöpfungstagen bestimmt, nur gelangte sie zu ihm mit Schmerzen. Ebenso wurde auch in der Schule R. Jišma͑éls gelehrt: Bath Šeba͑, die Tochter Elia͑ms, war für David [von jeher] bestimmt, nur genoß er sie als unreife Frucht.
10Raba trug vor: Es heißt: aber bei meinem Sturze freuen sie sich und rotten sich wider mich zusammen; es versammeln sich wider mich Wichte, die ich nicht kenne; sie zerrissen [mich] ohne Aufhören. David sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, offenbar und bewußt ist es dir, daß, wenn man mein Fleisch zerrissen hätte, kein Blut geflossen sein würde.
11Und noch mehr: wenn sie sich mit den [Lehren von] den vier gerichtlichen Todesarten befaßten, unterbrachen sie ihr Studium und sprachen: Wodurch wird der hingerichtet, der eine verheiratete Frau beschlafen hat? Ich erwiderte ihnen: Wer eine verheiratete Frau beschlafen hat, wird durch Erdrosselung hingerichtet, jedoch hat er einen Anteil an der zukünftigen Welt; wer aber seinen Nächsten öffentlich beschämt, hat keinen Anteil an der zukünftigen Welt.
12Rabb sagte: Selbst während seiner Krankheit vollzog David die achtzehn pflichtmäßigen Begattungen, denn es heißt: ich bin matt von Seufzen; jede Nacht schwemme ich mein Bett; netze mit meinen Tränen mein Lager. R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: David wollte auch Götzendienst treiben, denn es heißt: als nun David auf dem Gipfel [roš] angelangt war, wo er Gott zu verehren pflegte, und unter roš ist der Götzendienst zu verstehen, denn es heißt: Das Haupt [roš] dieses Bildes war aus gediegenem Golde.
13Da trat ihm der Arkiter Ḥušaj entgegen, mit zerrissenem Rocke und Erde auf dem Haupte. Er sprach nämlich zu ihm: David, man würde sagen: ein König deinesgleichen treibt Götzendienst! Dieser erwiderte: [Anderenfalls] würde man aber sagen: einen König meinesgleichen hat sein Sohn getötet! Lieber will ich Götzendienst treiben, als daß der göttliche Name öffentlich entweiht würde.
14Jener entgegnete: Weshalb hast du eine [kriegsgefangene] Schöne geheiratet!? Dieser erwiderte: Der Allbarmherzige hat die [kriegsgefangene] Schöne erlaubt. Jener entgegnete: Du hast das Nebeneinanderstehen nicht ausgelegt. Unmittelbar darauf heißt es: wenn jemand einen mißratenen und widerspenstigen Sohn hat; wer eine [kriegsgefangene] Schöne nimmt, bekommt einen mißratenen und widerspenstigen Sohn.
15R. Dostaj aus Biri trug vor: David gleicht einem samaritanischen Kaufmann. David sprach nämlich vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, wer ist sich der Verirrungen bewußt!? – Sie sollen dir verziehen sein. – Von den Verborgenen sprich mich frei! – Sie sollen dir verziehen sein. – Bewahre deinen Diener vor den Übermütigen, daß nämlich die Gelehrten über mich nichts sprechen mögen. – Sie sollen dir verziehen sein. –
16Laß sie nicht über mich herrschen; dann werde ich unsträflich sein und rein dastehen von großer Verschuldung, daß nämlich mein Vergehen nicht niedergeschrieben werde. Er erwiderte ihm: Wenn das Jod, das ich von Saraj genommen habe, viele Jahre dastand und schrie, bis Jehošua͑ kam, und ich es ihm zugefügt habe, wie es heißt: und Moše nannte Ḥošea͑, den Sohn Nuns, Jehošua͑, um wieviel mehr würde dies dieser ganze Abschnitt tun.
17Und rein dastehen von großer Verschuldung. Er sprach vor ihm: Herr der Welt, vergib mir diese Sünde! Er erwiderte: Dein Sohn Šelomo wird dereinst in seiner Weisheit sprechen: Kann wohl jemand Feuer in seinem Busen scharren, ohne daß seine Kleider brennen; oder kann jemand auf glühenden Kohlen gehen, ohne daß seine Füße wund gebrannt würden. So, wer zur Frau seines Nächsten kommt; keiner, der sie berührt, bleibt ungestraft. Da rief er: So weit sollte meine Verfolgung reichen!? Er erwiderte ihm: Nimm Züchtigungen auf dich.
18R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Sechs Monate war David aussätzig, infolgedessen die Göttlichkeit ihn verlassen und das Synedrium sich von ihm zurückgezogen hatte. Er war aussätzig, denn es heißt: entsündige mich mit Ysop, daß ich rein werde; wasche mich, daß ich weißer werde als Schnee. Die Göttlichkeit hatte ihn verlassen, denn es heißt: gib mir die Freude deiner Hilfe zurück und stütze mich mit einem Geiste der Willigkeit. Das Synedrium hatte sich von ihm zurückgezogen, denn es heißt: mir mögen sich zuwenden, die dich fürchten &c.– Woher, daß es sechs Monate waren? – Es heißt:die Zeit aber, die David über Jisraél geherrscht hat, betrug vierzig Jahre;
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.