Sanhedrin — Blatt 108a

1noch die Sünder in der Gemeinde der Frommen. Darum werden die Frevler im Gericht nicht stehen, DAS SIND DIE ZEITGENOSSEN DER SINTFLUT; noch die Sünder in der Gemeinde der Frommen, DAS SIND DIE LEUTE VON SEDOM. MAN ENTGEGNETE IHM: SIE WERDEN NICHT STEHEN IN DER GEMEINDE DER FROMMEN, WOHL ABER WERDEN SIE IN DER GEMEINDE DER FREVLER STEHEN.

2DIE KUNDSCHAFTER HABEN KEINEN ANTEIL AN DER ZUKÜNFTIGEN WELT, DENN ES HEISST: die Männer, die das üble Gerücht über das Land ausgebracht hatten, starben durch eine Plage vor dem Herrn; STARBEN, AUF DIESER WELT; DURCH EINE PLAGE, FÜR DIE ZUKÜNFTIGE WELT.

3DIE ZEITGENOSSEN DER WÜSTEN [WANDERUNG] HABEN WEDER EINEN ANTEIL AN DER ZUKÜNFTIGEN WELT, NOCH WERDEN SIE ZUM [JÜNGSTEN] GERICHTE AUFERSTEHEN, DENN ES HEISST: in dieser Wüste sollen sie aufgerieben werden und da sollen sie sterben – so R. A͑QIBA. R. ELIE͑ZER SAGT, ÜBER SIE HEISSE ES: versammelt mir meine Frommen, die den Bund mit mir beim Opfer schlossen.

4DIE ROTTE QORAḤS WIRD NICHT WIEDER HERAUFKOMMEN, DENN ES HEISST und die Erde bedeckte sie, AUF DIESER WELT; und sie verschwanden mitten aus der Gemeinde, FÜR DIE ZUKÜNFTIGE WELT – SO R. A͑QIBA. R. ELIE͑ZER SAGT, ÜBER SIE HEISSE ES: der Herr tötet und macht lebendig, er stürzt in die Unterwelt und führt herauf,

5GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Die Zeitgenossen der Sintflut haben keinen Anteil an der zukünftigen Welt, denn es heißt: er vertilgte alles Bestehende, was auf dem Erdboden war, (er vertilgte alles Bestehende,) auf dieser Welt; und sie wurden vertilgt von der Erde, für die zukünftige Welt – so R. A͑qiba. R. Jehuda b. Bethera sagt, sie werden weder lebendig werden, noch gerichtet werden, denn es heißt: mein Geist soll ewig kein Gericht über den Menschen halten; weder Gericht noch Geist. Eine andere Erklärung: Mein Geist soll kein Gericht halten, ihr Geist soll nie mehr in sein Futteral kommen.

6R. Menaḥem b. Joseph sagte: Selbst zur Zeit, wenn der Heilige, gepriesen sei er, die Seelen in die toten Körper zurückbringen wird, wird ihre Seele im Fegefeuer leiden, denn es heißt: ihr geht schwanger mit dürren Halmen, ihr gebärt Stroh, euer Geist ist ein Feuer, das euch verzehrt.

7Die Rabbanan lehrten: Die Zeitgenossen der Sintflut waren nur wegen der Güte, mit der der Heilige, gepriesen sei er, sie überhäuft hatte, übermütig geworden; von ihnen heißt es: ihre Häuser sind wohlbehalten, sonder Schrecknis, die Zuchtrute Gottes trifft sie nicht. Ferner: sein Stier bespringt und verwirft nicht, seine Kuh kalbt und tut keine Fehlgeburt. Ferner: wie eine Herde lassen sie ihre Buben hinaus, und ihre Kinder hüpfen einher. Ferner: sie singen laut bei Pauke und Zither und freuen sich am Klange der Schalmei. Ferner: sie verbringen ihre Tage in Glück (und ihre Jahre in Wonne) . Ferner: in kaum einem Augenblicke steigen sie hinab in die Unterwelt.

8Dies veranlaßte, daß sie zu Gott sprachen: Weiche von uns, deine Wege zu kennen begehren wir nicht. Was ist mit dem Allmächtigen, daß wir ihm dienen sollten, und was könnte er uns nützen, ihn bittend anzugehen. Sie sprachen nämlich: Wir brauchten ihn höchstens wegen des Regentropfens, aber wir haben Flüsse und Quellen, die unseren Bedarf decken. Da sprach der Heilige, gepriesen sei er: Sie reizen mich mit dem Guten, mit dem ich sie überhäuft habe, und damit will ich sie auch strafen, denn es heißt: siehe, ich werde eine Wasserflut über die Erde bringen.

9R. Jose sagte: Die Zeitgenossen der Sintflut waren übermütig geworden durch den Augapfel, der dem Wasser gleicht, daher bestrafte er sie mit dem Wasser, das dem Augapfel gleicht, wie es heißt: brachen alle Quellen der großen Meerestiefe hervor und die Schleusen des Himmels taten sich auf.

10R. Joḥanan sagte: Die Zeitgenossen der Sintflut arteten aus mit ‘groß’ und wurden mit ‘groß’ bestraft. Sie arteten aus mit ‘groß’, denn es heißt: und der Herr sah, daß die Bosheit des Menschen groß ward; sie wurden mit ‘groß’ bestraft, denn es heißt: alle Quellen der großen Meerestiefe. R. Joḥanan sagte: Drei von diesen sind zurückgeblieben; die Schlucht von Gader, die Thermen von Tiberjas und die große Quelle von Biram.

11Denn alles Fleisch hatte seinen Wandel auf Erden verderbt. R. Joḥanan sagte: Dies lehrt, daß sie Vieh mit Wild und Wild mit Vieh kreuzten, auch alles mit dem Menschen und den Menschen mit allem. R. Abba b. Kahana sagte: Alle [Tiere] sind später davon abgekommen, ausgenommen der Tušalmi.

12Da sprach Gott zu Noaḥ: Das Ende alles Fleisches ist bei mir beschlossen. R. Joḥanan sagte: Komm und sieh, wie weit die Kraft des Raubes reicht; die Zeitgenossen der Sintflut haben ja alles übertreten, dennoch wurde ihr Urteil erst dann besiegelt, als sie ihre Hand nach fremdem Gute ausgestreckt hatten, denn es heißt: denn die Erde ist voll von Raub durch sie; ich will sie verderben von der Erde. Es heißt: die Gewalttat erhebt sich als Zuchtrute des Unrechtes; nicht von ihnen, nicht von ihrem Getümmel und nicht von ihrer Fülle; und keine Erleichterung bei ihnen.

13R. Elea͑zar sagte: Dies lehrt, daß [die Gewalttat] sich wie ein Stab aufgerichtet, vor den Heiligen, gepriesen sei er, getreten ist und vor ihm gesprochen hat: Herr der Welt, nicht von ihnen, nicht von ihrem Getümmel und nicht von ihrer Fülle; und keine Erleichterung bei ihnen.

14Und auch über Noaḥ war das Urteil besiegelt worden, denn es heißt: und keine Erleichterung [noaḥ] bei ihnen. In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Auch über Noaḥ war das Urteil verhängt worden, nur fand er Gnade in den Augen Gottes; denn es heißt: es reut mich, daß ich sie geschaffen habe; Noaḥ aber fand Gnade in den Augen des Herrn.

15Da bereute der Herr, daß er die Menschen geschaffen hatte auf Erden. Als R. Dimi kam, sagte er: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Ich habe gut getan, daß ich ihnen Gräber auf der Erde bereitet habe. – Wieso geht dies hieraus hervor? – Hier heißt es: bereute, und dort heißt es: er tröstete sie und sprach ihnen zu Herzen.

16Manche lesen: Ich habe nicht gut getan, daß ich ihnen Gräber auf der Erde bereitet habe. Hier heißt es nämlich: und der Herr bereute, und dort heißt es: und der Herr ließ sich das Unheil gereuen , das er seinem Volke angedroht hatte.

17Dies ist die Geschichte Noaḥs &c. R. Joḥanan sagte: Nur unter seinen Zeitgenossen, nicht aber in einem anderen Zeitalter. Reš Laqiš sagte: Unter seinen Zeitgenossen, und um so mehr in einem anderen Zeitalter.

18R. Ḥanina sagte: Die Ansicht R. Joḥanans ist mit folgendem zu vergleichen: Wenn ein F aß mit Wein in einem Essigkeller liegt, so duftet es nur dann, wenn es an dieser Stelle liegt, nicht aber, wenn es an einer anderen Stelle liegt. R. Oša͑ja sagte: Die Ansicht des Reš Laqiš ist mit folgendem zu vergleichen. Wenn eine Flasche mit Parfum an einer schmutzigen Stelle liegend duftet, um wieviel mehr würde sie an einer wohlriechenden Stelle [duften].

19Er vertilgte alles Bestehende, was auf dem Erdboden war. Was hat, wenn der Mensch gesündigt hat, das Tier verschuldet!? –

20Im Namen des R. Jehošua͑ b. Qorḥa wird gelehrt: Ein Gleichnis. Einst fertigte jemand einen Hochzeitsbaldachin für seinen Sohn und besorgte allerlei Speisen für das Gastmahl; als nach Tagen sein Sohn starb, warf er den Baldachin zusammen, indem er sprach: Dies alles habe ich nur für meinen Sohn bereitet; was soll mir nun der Baldachin, wo mein Sohn gestorben ist! Ebenso sprach auch der Heilige, gepriesen sei er: Vieh und Wild habe ich ja nur für den Menschen erschaffen; was sollen mir nun Vieh und Wild, wo der Mensch sündhaft ist.

21Alles, was auf dem Trocknen war, starb. Nicht aber die Fische im Meere.

22R. Jose aus Caesaraea trug vor: Es heißt: leicht ist er auf der Wasserfläche, verflucht wird ihr Erbteil im Lande. Dies lehrt, daß der fromme Noaḥ sie zurechtgewiesen und zu ihnen gesprochen hatte: Tut Buße, denn sonst wird der Heilige, gepriesen sei er, eine Sintflut über euch bringen und eure Leichen wie die Schläuche auf dem Wasser schwimmen lassen. So heißt es auch: leicht ist er auf der Wasserfläche. Und noch mehr, sie werden auch Anlaß werden zu einem Fluchworte für alle, die in die Welt kommen. So heißt es auch: Verflucht wird ihr Erbteil im Lande.

23Er schlägt nicht ein den Weg der Weinberge. (Dies lehrt, daß sie den Weg über die Weinberge einschlugen.) Sie sprachen nämlich zu ihm: Was hält ihn denn zurück? Er erwiderte ihnen: Er will sich noch eine Taube aus eurer Mitte holen.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.