Sanhedrin — Blatt 108b
1[Sie entgegneten:] Wenn dem so ist, so schlagen wir den Weg über die Weinberge nicht ein.
2Raba trug vor: Es heißt: eine verachtete Flamme vor den Gedanken des Sicheren, bereitgestellt zum Wanken des Fußes; dies lehrt, daß der fromme Noaḥ sie zurechtwies und an sie Worte richtete, eindringlich wie die Flamme, sie aber verhöhnten ihn, indem sie zu ihm sprachen: Alter, was soll diese Arche? Er erwiderte ihnen: Der Heilige, gepriesen sei er, wird über euch eine Überflutung bringen. Sie sprachen: Was für eine Überflutung, wenn eine Überflutung aus Feuer, so besitzen wir etwas [dagegen], nämlich das Alitha, und wenn eine aus Wasser, so haben wir, wenn sie aus der Erde kommen sollte, eiserne Platten, mit denen wir die Erde überziehen können, und wenn vom Himmel, so haben wir ebenfalls etwas [dagegen], nämlich das A͑qab, oder wie manche lesen: das A͑qaš.
3Er erwiderte ihnen: Er wird sie (von) zwischen den Fersen eurer Füße bringen, denn es heißt: bereitgestellt zum Wanken des Fußes. Es wird gelehrt: Das Wasser der Sintflut war dick wie männlicher Samen, denn es heißt: bereitgestellt zum Wanken des Fußes. R. Ḥisda sagte: Mit Heißem haben sie verbrochen und mit Heißem wurden sie bestraft; hierbei heißt es nämlich: und das Wasser legte sich, und dort heißt es: und der Zorn des Königs legte sich.
4Und nach Ablauf der sieben Tage, da kamen die Gewässer der Flut über die Erde. Welches Bewenden hat es mit diesen sieben Tagen?
5Rabh erwiderte: Es waren die sieben Trauertage über Methušelaḥ; dies lehrt dich, daß die Trauer über die Frommen das Verhängnis zurückhalte. Eine andere Erklärung; Sieben, der Heilige, gepriesen sei er, änderte ihretwegen die Schöpfungsordnung; denn die Sonne kam aus dem Westen hervor und ging im Osten unter. Eine andere Erklärung: Der Heilige, gepriesen sei er, bestimmte ihnen zuerst eine große Frist und nachher eine kleine Frist. Eine andere Erklärung: Nach den sieben Tagen, während welcher er sie ein wenig von der zukünftigen Welt kosten ließ, damit sie wissen, welches Glück ihnen vorenthalten worden ist.
6Von allen reinen Tieren nimm dir je sieben, ein Männchen und ein Weibchen. Gibt es denn bei Tieren ein Eheverhältnis!? R. Šemuél b. Naḥmani erwiderte im Namen R. Jonathans: Nur von solchen, mit denen noch keine Sünde begangen worden war. –
7Woher wußte er dies? R. Ḥisda erwiderte: Er hieß sie vor die Arche treten; nahm die Arche es auf, so war es erwiesen, daß mit ihm noch keine Sünde begangen worden war, und nahm die Arche es nicht auf, so war es erwiesen, daß mit ihm eine Sünde begangen worden war. R. Abahu erwiderte: Von denen, die von selbst gekommen waren.
8Mache dir eine Arche aus Gopherholz. Was ist Gopher? R. Ada erwiderte: in der Schule R. Šilas erklärten sie, dies sei Mabliga. Manche erklären: Golamus.
9Ein Fenster sollst du an der Arche machen. R. Joḥanan sagte: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Noaḥ: Bringe darin Edelsteine und Perlen an, damit sie euch wie das Mittagslicht leuchten.
10Eine Elle weit sollst du es oben abschließen. Nur so konnte es sich halten.
11Mit unterem, zweitem und drittem Stockwerke sollst du sie machen. Es wird gelehrt; Das untere für den Mist, das mittelste für die Tiere und das oberste für die Menschen.
12Da schickte er den Raben aus. Reš Laqiš sagte: Eine treffende Antwort gab der Rabe dem Noaḥ; er sprach nämlich zu ihm: Dein Herr haßt mich und du hassest mich ebenfalls; dein Herr haßt mich: von den Reinen je sieben und von den Unreinen je zwei; du hassest mich ebenfalls, denn du läßt die Arten, von denen je sieben vorhanden sind, und schickest, von denen nur je zwei vorhanden sind. Wenn mich der Fürst der Hitze oder der Fürst der Kälte anfährt, so fehlt ja ein Geschöpf auf der Welt; oder hast du vielleicht Verlangen nach meinem Weibe?
13Er erwiderte ihm: Ruchloser, wenn mir der [sonst] erlaubte [Verkehr] verboten worden ist, um wieviel mehr der mir [auch sonst] verbotene. –
14Woher, daß es ihm verboten war? – Es heißt: du sollst in die Arche kommen, du und mit dir deine Söhne, deine Frau und die Frauen deiner Söhne, und darauf folgt: geh heraus aus der Arche, du und mit dir deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne, und R. Joḥanan sagte, hieraus sei zu entnehmen, daß ihnen der Beischlaf verboten worden war.
15Die Rabbanan lehrten: Drei vollzogen den Beischlaf in der Arche und alle wurden sie bestraft, und zwar: der Hund, der Rabe und Ḥam. Der Hund wird [bei der Begattung] angeschlossen, der Rabe spuckt [den Samen] und Ḥam wurde an seiner Haut[farbe] bestraft.
16Hierauf schickte er die Taube von sich, um zu erfahren, ob die Gewässer nachgelassen hätten. R. Jirmeja sagte: Hieraus, daß die reinen Vögel bei den Frommen wohnen.
17Und siehe, ein Ölblatt hatte sie als Futter im Munde. R. Elea͑zar sagte: Die Taube sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, mag doch meine Nahrung bitter sein wie das Olivenblatt, aber deiner Hand anvertraut, und nicht süß wie Honig, aber der Hand eines [Menschen aus] Fleisch und Blut anvertraut. – Woher ist es erwiesen, daß unter ‘Futter’ die Nahrung zu verstehen sei? – Es heißt: füttre mich mit meinem täglichen Brot.
18Nach ihren Familien gingen sie aus der Arche. R. Joḥanan sagte: Je nach ihrer Familie, nicht aber [ihren Familie]n.
19R. Ḥana b. Bizna sagte: Elie͑zer sprach zum großen Šem. Es heißt: nach ihren Familien gingen sie aus der Arche; wie habt ihr euch da befunden? Er erwiderte ihm: Wir hatten viel Plackerei in der Arche; ein Geschöpf, das am Tage zu essen pflegt, mußten wir am Tage füttern und ein Geschöpf, das nachts zu essen pflegt, mußten wir nachts füttern. Vom Ghamaeleon wußte der Vater nicht, was es ißt; eines Tages saß er und zerschnitt einen Granatapfel, und als aus diesem ein Wurm herausfiel, verzehrte es ihn. Von nun ab stampfte er für dieses Kleie ein, und als sie Maden bekam, aß es sie.
20Der Löwe war vom Fieber verzehrt worden. Rabh sagte nämlich, das Fieber halte nicht weniger als sechs und nicht mehr als zwölf [Tage] an: Den Phönix traf der Vater einst im Hintergrund der Arche liegen, er fragte ihn, weshalb er nicht nach Futter verlange; da erwiderte er ihm: Ich sah, daß du sehr beschäftigt warst, und wollte dich nicht belästigen. Da sprach er zu ihm: Möge es [Gottes] Wille sein, daß du nie sterben sollst. So heißt es auch: So dachte ich denn: bei meinem Neste werde ich verscheiden und wie ein Phönix meine Tage mehren.
21R. Ḥana b. Levaj sagte: Der große Šem sprach zu Elie͑zer: Wie habt ihr es gemacht, als die Könige aus Osten und Westen gegen euch aufgetreten waren? Dieser erwiderte ihm: Der Heilige, gepriesen sei er, setzte Abraham zu seiner Rechten, und wir schleuderten gegen sie Erde, die zu Schwertern geworden war, und Stoppeln, die zu Pfeilen geworden waren. So heißt es auch: Ein Psalm Davids. Es spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich dir deine Feinde als Schemel für deine Füße hinlege. Ferner heißt es: Wer hat vom Osten her erweckt ihn, dem Recht entgegenkommt auf jedem Schritt, Völker vor ihm niederzuwerfen und Könige zu unterjochen; wie Staub sein Schwert, wie verwehte Stoppeln sein Bogen.
22Naḥum (aus) Gamzu pflegte zu allem, was ihm passierte, zu sagen: Auch dies [gam zu] sei zum Guten. Eines Tages wollte man dem Kaiser ein Geschenk überreichen, und nachdem man überlegt hatte,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.