Sanhedrin — Blatt 109b
1Wer ein Rind besitzt, erhält eine Haut, wer kein Rind besitzt, erhält zwei Häute. Sie sprachen zu ihm: Was soll dies!? Er erwiderte ihnen: Der Schluß des Gesetzes muß dem Anfange des Gesetzes gleichen. Der Anfang des Gesetzes lautet: wer ein Rind besitzt, muß einen Tag [das Vieh] weiden, wer keines besitzt, muß es zwei Tage weiden; ebenso auch der Schluß des Gesetzes: wer ein Rind besitzt, erhält eine [Haut], wer keines besitzt, erhält zwei.
2Wer [einen Fluß] mit einer Fähre überschritt, mußte einen Zuz zahlen, wer ihm nicht mit der Fähre überschritt, mußte zwei zahlen. Hatte jemand eine Schicht Ziegel, so kam jeder und nahm einen Ziegel fort, indem er sprach: Ich habe ja nur einen genommen. Streute jemand Knoblauch oder Zwiebeln [zum Trocknen] aus, so kam jeder und nahm eine [Knolle] fort, indem er sprach: Ich habe ja nur eine genommen.
3Vier Richter waren in Sedom: Lügner, Verlogener, Fälscher und Rechtsbeuger. Wenn jemand die Frau seines Nächsten stieß und sie abortierte, so urteilten sie: Gib sie ihm, bis er sie dir geschwängert hat. Wenn jemand das Ohr eines seinem Nächsten gehörenden Esels abschnitt, so urteilten sie: Gib ihn ihm, bis ihm [das Ohr] nachgewachsen ist. Wenn jemand seinen Nächsten verwundete, so urteilten sie: Zahle ihm eine Belohnung dafür, daß er dir Blut abgezapft hat.
4Wer [einen Fluß] mit der Fähre überschritt, mußte vier Zuz zahlen, wer durch das Wasser ging, mußte acht Zuz zahlen. Einst kam da ein Wäscher hin, und als er eingetroffen war, sprachen sie zu ihm: Zahle vier Zuz. Er erwiderte ihnen: Ich ging durch das Wasser. Sie entgegneten ihm: Wenn dem so ist, so zahle acht, weil du durch das Wasser gegangen bist.
5Einst kam da Elie͑zer, der Knecht Abrahams, hin, und sie verwundeten ihn. Als er vor den Richter trat, sprach er zu ihm: Bezahle jenem eine Belohnung dafür, daß er dir Blut abgezapft hat. Da nahm er einen Stein und verwundete den Richter. Dieser sprach: Was soll dies!? Jener erwiderte: Zahle du an diesen die Belohnung, die ich nun von dir zu erhalten habe, und mein Geld verbleibe wie es war.
6Sie hatten ein Bett zum Schlafen für die Fremden; war jemand zu groß, so schnitten sie ihm [die Beine] ab, war jemand zu klein, so dehnten sie ihn aus. Einst kam da Elie͑zer, der Knecht Abrahams, hin; da sprachen sie zu ihm: Geh, leg dich ins Bett. Er erwiderte ihnen: Ich habe ein Gelübde getan, seit dem Tage, an dem meine Mutter gestorben ist, nicht mehr in einem Bette zu schlafen.
7Wenn ein Armer da hinkam, so gab ihm ein jeder einen Denar, auf dem sein Name geschrieben war, Brot aber gaben sie ihm nicht; wenn dieser dann starb, so kam jeder und
8nahm den seinigen zurück. Einst kam da Elie͑zer hin, und sie gaben ihm kein Brot. Als er essen wollte, setzte er sich an das Ende der Tafel. Da fragten sie ihn: Wer hat dich hier eingeladen? Er erwiderte [dem Fragenden:] Du hast mich eingeladen. Da nahm dieser sein Gewand und lief fort. Und so machte er es auch mit den übrigen, bis sie alle fortgelaufen waren. Hierauf aß er allein die ganze Mahlzeit.
9Da war eine Jungfrau, die den Armen Brot in ihrem Wasserkruge hinauszubringen pflegte, und als sie dies erfuhren, schmierten sie sie mit Honig ein und legten sie auf das Dach einer Mauer; da kamen die Hornisse und fraßen sie auf. Darauf deutet der Schriftvers: Da sprach der Herr: Das Geschrei über Sedom und A͑mora ist groß [rabba], und R. Jehuda erklärte im Namen Rabhs, wegen der Sache mit jener Jungfrau [riba].
10DIE KUNDSCHAFTER HABEN KEINEN ANTEIL AN DER ZUKÜNFTIGEN WELT, DENN ES HEISST: die Männer, die das üble Gerücht über das Land ausgebracht hatten, starben durch eine Plage; STARBEN, AUF DIESER WELT, DURCH EINE PLAGE, FÜR DIE ZUKÜNFTIGE WELT &C.
11DIE ROTTE QORAḤS HAT KEINEN ANTEIL AN DER ZUKÜNFTIGEN WELT, DENN ES HEISST: und die Erde bedeckte sie, AUF DIESER WELT, und sie verschwanden mitten aus der Gemeinde, FÜR DIE ZUKÜNFTIGE WELT – SO R. ÁQIBA. R. ELIE͑ZER SAGT, ÜBER SIE HEISSE ES: der Herr tötet und macht lebendig, er stürzt in die Unterwelt und führt herauf.
12Die Rabbanan lehrten: Die Rotte Qoraḥs hat keinen Anteil an der zukünftigen Welt, denn es heißt: und die Erde bedeckte sie, auf dieser Welt, und sie verschwanden mitten aus der Gemeinde, für die zukünftige Welt – so R. A͑qiba. R. Jehuda b. Bethera sagte: Sie sind wie etwas Verlorenes, das gesucht wird, denn es heißt: ich irre umher wie ein verlorenes Schaf; suche deinen Knecht.
13Da nahm. Reš Laqiš sagte: Er hatte für sich einen schlechten Kauf gemacht. Qoraḥ, er machte eine Lücke [qorḥa] in Jisraél. Der Sohn Jiçhars, ein Sohn, der die ganze Welt über sich erglühen machte, wie die Mittagssonne [çaharajim]. Der Sohn des Qehath, ein Sohn, der die Zähne seiner Ahnen stumpf machte [qiha]. Des Sohnes Levis, ein Sohn, der Begleiter [levaja] für das Fegefeuer geworden war. –
14Sollte er doch auch mitgezählt haben: des Sohnes Ja͑qobs, ein Sohn, der seine Schritte dem Fegefeuer zugewandt [i͑qeb] hat!? R. Šemuél b. R. Jiçḥaq erwiderte: Ja͑qob flehte um Erbarmen für sich, denn es heißt: in ihren Kreis komme nicht meine Seele, in ihrer Gemeinschaft befinde sich nicht meine Ehre. In ihren Kreis komme nicht meine Seele, das sind die Kundschafter; in ihrer Gemeinschaft befinde sich nicht meine Ehre, das ist die Rotte Qoraḥs.
15Dathan, weil er das Gesetz [dath] Gottes übertreten hatte; Abiram, weil er sich gegen die Bußfertigkeit abgehärtet [iber] hatte; On, weil er in Trauer verweilte [anan]; Peleth, weil ihm Wunder [pelaóth] geschehen waren; des Sohnes Reubens, ein Sohn, der gesehen [raáh] und verstanden [hebin] hatte.
16Rabh sagte: On, den Sohn des Peleth, rettete seine Frau. Sie sprach nämlich zu ihm: Was geht dies dich an; ist dieser Meister, so bist du Lehrling, ist jener Meister, so bist du ebenfalls Lehrling!? Er erwiderte ihr: Was soll ich nun machen; ich war beim Ratschlage und habe mich mit ihnen verschworen. Sie erwiderte ihm: Ich weiß, daß die ganze Gemeinde aus Heiligen besteht, denn es heißt: denn die ganze Gemeinde, alle miteinander sind heilig. (Sie sprach:) Bleibe daheim, ich werde dich retten. Hierauf gab sie ihm Wein zu trinken, berauschte ihn und legte ihn schlafen innerhalb [des Zimmers]; sie aber löste sich das Haar auf und setzte sich an die Tür;
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.