Sanhedrin — Blatt 11a
1die dafür bestimmt wurden. Einst verordnete R. Šimo͑n b. Gamliél, daß man ihm am nächsten Morgen sieben [Richter] nach dem Söller hinaufschicke, und als er am nächsten Morgen acht fand, sprach er: Wer ist da unbefugt heraufgekommen? Er gehe hinunter!
2Da stand Šemuél der Kleine auf und sprach: Ich bin es, der unbefugt heraufgekommen ist, jedoch nicht, um mich an der Interkalation (des Jahres) zu beteiligen, sondern nur um die Halakha für die Praxis zu lernen. Da sprach jener zu ihm: Setz dich, mein Sohn, setz dich; du bist würdig, daß jede Interkalation des Jahres durch dich erfolge, die Weisen sagten aber, daß nur die dafür bestimmten das Jahr interkalieren dürfen. Es war aber nicht Šemuél der Kleine, sondern ein anderer, und nur um diesen der Beschämung [nicht auszusetzen] sagte er es.
3So ereignete es sich, daß Rabbi einst bei seinem Vortrage Knoblauchgeruch wahrnahm und sprach: Wer Knoblauch gegossen hat, soll hinausgehen. Da stand R. Ḥija auf und ging hinaus. Hierauf standen auch alle anderen auf und gingen hinaus. Als R. Šimo͑n, der Sohn Rabbis, am nächsten Morgen R. Ḥija traf, sprach er zu ihm: Du warst es also, der meinen Vater gekränkt hat!? Dieser erwiderte: So etwas komme in Jisraél nicht vor! –
4Von wem lernte es R. Ḥija? – Von R. Meír, denn es wird gelehrt: Einst kam eine Frau in das Lehrhaus R. Meírs und sprach zu ihm: Einer aus eurer Mitte hat mich durch Beiwohnung geehelicht. Da stand R. Meír auf, schrieb ihr einen Scheidebrief und überreichte ihn ihr. Hierauf standen auch alle anderen auf, schrieben ihr Scheidebriefe und überreichten sie ihr. –
5Von wem lernte es R. Meír? – Von Šemuél dem Kleinen. – Von wem lernte es Šemuél der Kleine? – Von Šekhanja, dem Sohne Jeḥiéls, denn es heißt: Da hob Šekhanja, der Sohn Jeḥiéls, von den Nachkommen E͑lams, an und sprach zu E͑zra: Wir haben uns vergangen gegen unseren Gott, daß wir fremde Frauen von den Bewohnern des Landes heimgeführt haben; doch ist dieserhalb jetzt noch Hoffnung für Jisraél. –
6Von wem lernte es Šekhanja, der Sohn Jeḥiéls? – Von Jehošua͑, denn es heißt: Da sprach der Herr zu Jehošua͑: Steh auf, wozu liegst du doch auf deinem Angesichte; Jisraél hat sich versündigt! Darauf sprach er vor ihm: Herr der Welt, wer hat die Sünde begangen? Er erwiderte ihm: Bin ich etwa ein Angeber, geh. wirf Lose aus. Wenn du willst, sage ich: von Moše, denn es heißt: wie lange wollt ihr euch weigern?
7Die Rabbanan lehrten: Seitdem die letzten Propheten, Ḥaggaj, Zekharja und Maleakhi, gestorben sind, wich der heilige Geist von Jisraél, dennoch bedienten sie sich noch der Hallstimme. Einst waren sie im Söller des Hauses des Gorja in Jeriḥo versammelt, da ertönte über ihnen eine Hallstimme aus dem Himmel: Einer ist unter euch, der würdig ist, daß die Göttlichkeit auf ihm ruhe, wie auf unserem Meister Moše, nur ist sein Zeitalter dazu nicht würdig. Da richteten die Weisen ihre Augen auf Hillel den Älteren. Als er starb, sprachen sie über ihn: O Frommer, o Sanftmütiger, Schüler des E͑zra!
8Ferner waren sie einst in einem Söller in Jabne versammelt, da ertönte über ihnen eine Hallstimme aus dem Himmel: Einer ist unter euch, der würdig ist, daß die Göttlichkeit auf ihm ruhe, nur ist sein Zeitalter dazu nicht würdig. Da richteten die Weisen ihre Augen auf Šemuél den Kleinen. Als er starb, sprachen sie über ihn: O Frommer, o Sanftmütiger, Schüler des Hillel! Er sprach auch bei seinem Sterben: Šimo͑n und Jišma͑él werden dem Schwerte [verfallen], ihre Genossen der Hinrichtung, das übrige Volk der Plünderung, und viele Leiden werden über die Welt kommen.
9Auch über Jehuda b. Baba wollten sie dasselbe sprechen, nur war es eine Unglückszeit, denn man durfte über die von der Regierung Hingerichteten keine Trauerrede halten.
10Die Rabbanan lehrten: Man darf das Jahr nur mit Zustimmung des Fürsten interkalieren. Einst ging R. Gamliél fort, um bei einem Hegemon in Syrien Erlaubnis einzuholen, und verspätete sich mit seiner Rückkehr; da interkalierten sie das Jahr unter der Bedingung, daß R. Gamliél einverstanden sein werde. Als R. Gamliél zurückkam und einverstanden war, war also das Jahr interkaliert.
11Die Rabbanan lehrten: Man interkaliere das Jahr nur dann, wenn dies nötig ist; wegen der Wege, wegen der Brücken, wegen der Pesaḥöfen und wegen der Pilger Jisraéls, die ihre Heimat verlassen haben, aber noch nicht eingetroffen sind; nicht aber wegen des Schnees, noch wegen der Kälte, noch wegen Pilger Jisraéls, die ihre Heimat noch nicht verlassen haben.
12Die Rabbanan lehrten: Man interkaliere das Jahr weder wegen der Böckchen, noch wegen der Schafe, noch wegen der jungen Tauben, die noch nicht flügge sind, wohl aber wird bei der Interkalation darauf Rücksicht genommen. – Inwiefern? – R. Jannaj erzählte im Namen des R. Šimo͑n b. Gamliél: wir tun euch kund, daß ich in anbetracht dessen, daß die jungen Tauben noch zart und die Lämmer noch jung sind, daß die Kornreife noch nicht eingetreten ist, es für richtig gefunden habe, diesem Jahre noch dreißig Tage hinzuzufügen.
13Man wandte ein: Wieviel beträgt die Interkalation des Jahres? Dreißig Tage; R. Šimo͑n b. Gamliél sagt, einen Monat!? R. Papa erwiderte: Wenn sie wollen, einen Monat, wenn sie wollen, dreißig Tage.
14Komm und sieh den Unterschied zwischen den
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.