Sanhedrin — Blatt 19a
1und ein Gebot verdrängt nicht ein Verbot und Gebot, wenn aber nach der Verlobung, sollte doch das Gebot das Verbot verdrängen!? –
2Bei der ersten Beiwohnung ist die folgende Beiwohnung berücksichtigt worden.
3Ebenso wird auch gelehrt: Haben sie ihnen beigewohnt, so sind sie ihnen durch die erste Beiwohnung angeeignet, jedoch dürfen sie sie nicht zur zweiten Beiwohnung behalten.
4STIRBT IHM JEMAND &C. Die Rabbanan lehrten: Und aus dem Heiligtume soll er nicht gehen, er darf nicht mit ihnen zusammen gehen, wohl aber darf er hinter ihnen gehen; er zeige sich nämlich dann, wenn sie nicht mehr zu sehen sind, und verberge sich, wenn sie zu sehen sind.
5ER GEHE BIS ZUR TÜR &C. R. Jehuda erwiderte ja treffend!? –
6R. Meír kann dir entgegnen: demnach dürfte er ja nicht einmal nach Hause gehen; vielmehr ist zu erklären: aus dem Heiligtume soll er nicht gehen, er soll aus seiner Heiligkeit nicht hinaus, wenn er aber in kenntlicher Weise folgt, so kommt er nicht dazu, [den Toten] zu berühren. –
7Und R. Jehuda!? – Durch seinen Schmerz veranlaßt könnte er doch dazu kommen, [den Toten] zu berühren.
8TRÖSTET ER. Die Rabbanan lehrten: Geht er mit der Reihe vorüber, um andere zu trösten, so befinden sich der Priesterpräses und der provisorische Priester an seiner Rechten, und der Obmann der Familienwache, die Leidtragenden und das ganze Volk an seiner Linken. Wenn er in der Reihe steht und von anderen getröstet wird, so befindet sich der Priesterpräses an seiner Rechten, und der Obmann der Familienwache und das ganze Volk an seiner Linken,
9während der provisorische Priester an ihn nicht herankommt, weil er, im Glauben, dieser freue sich darüber, betrübt werden könnte. R. Papa sprach: Aus dieser Lehre ist dreierlei zu entnehmen. Es ist zu entnehmen, daß ‘Priesterpräses’ und ‘Beamter’ identisch sind; es ist zu entnehmen, daß die Leidtragenden stehen und das ganze Volk an ihnen vorübergeht; und es ist zu entnehmen, daß die Leidtragenden zur Linken der Kondolenten stehen.
10Die Rabbanan lehrten: Früher pflegten die Leidtragenden zu stehen und das ganze Volk an ihnen vorüberzugehen; es waren aber zwei mit einander streitende Familien in Jerušalem, die eine sagte, sie wolle vorangehen, und die andere sagte, sie wolle vorangehen; da ordnete man an, daß das ganze
11Volk stehe und die Leidtragenden vorübergehen.
12Rami b. Abba sagte: R. Jose führte in Sepphoris den früheren Brauch wieder ein, daß nämlich die Leidtragenden stehen und die Kondolenten an ihnen vorübergehen. Ferner sagte Rami b. Abba: R. Jose ordnete in Sepphoris an, daß, wenn eine Frau auf der Straße geht, sie ihr Kind nicht hinter sich folgen lasse, wegen jenes Ereignisses. Ferner sagte Rami b. Abba: R. Jose ordnete in Sepphoris an, daß sich Frauen im Aborte unterhalten, wegen des Zusammenseins.
13R. Menasja b. A͑vath sagte: Ich fragte R. Jošija den Großen auf dem Friedhofe zu Huçal, und er sagte mir, eine Reihe müsse aus mindestens zehn Personen bestehen, und die Leidtragenden zählen nicht mit, und es sei einerlei, ob die Leidtragenden stehen und das ganze Volk an ihnen vorübergeht, oder die Leidtragenden vorübergehen und das ganze Volk steht.
14WIRD ER GETRÖSTET &C. Sie fragten: Was spricht er, wenn er andere tröstet? – Komm und höre: Und er spricht: seid getröstet. In welchem Falle: wollte man sagen, wenn andere ihn trösten, erwidere er ihnen: seid getröstet, so gibt er ihnen ja ein böses Vorzeichen!? Vielmehr, wenn er andere tröstet, spricht er zu ihnen: seid getröstet. Schließe hieraus.
15DER KÖNIG KANN WEDER RICHTEN &C. R. Joseph sagte: Dies wird nur von den jisraélitischen Königen gelehrt, die davidischen aber können sowohl richten als auch gerichtet werden, denn es heißt: Haus Davids, so spricht der Herr: Haltet alle Morgen gerechtes Gericht, und wenn man ihn nicht richten könnte, wieso könnte er denn andere richten, es heißt ja: sammelt euch und sammelt andere, und Reš Laqiš erklärte: zuerst schmücke dich seihst, nachher schmücke andere. –
16Weshalh nicht jisraélitische Könige!? – Wegen des folgenden Ereignisses. Ein Knecht des Königs Jannaj tötete einst einen Menschen; da sprach Šimo͑n b. Šataḥ zu den Weisen: Richtet auf ihn eure Augen, und wir wollen über ihn Gericht halten. Alsdann ließen sie ihm sagen: Dein Knecht hat einen Menschen getötet. Da schickte er ihn zu ihnen. Hierauf ließen sie ihm sagen: Komm auch du selbst her, denn die Tora sagt: und es dem Besitzer angezeigt wird; der Besitzer des Ochsen muß kommen und neben seinem Ochsen stehen.
17Hierauf kam er hin und setzte sich nieder. Da sprach Šimo͑n b. Šataḥ zu ihm: König Jannaj, steh auf (auf deine Füße), und die Zeugen sollen gegen dich zeugen. Du stehst nicht vor uns, sondern vor dem, der durch sein Wort die Welt erschaffen hat, denn es heißt: so sollen sich die beiden Männer, die den Streit haben &c. stellen. Dieser erwiderte: Nicht auf dein Geheiß, nur wenn deine Genossen es verlangen.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.