Sanhedrin — Blatt 19b
1Da wandte er sich nach rechts, und sie schlugen das Gesicht zur Erde nieder, nach links, und sie schlugen das Gesicht zur Erde nieder. Nun sprach Šimo͑n b. Šataḥ zu ihnen: Ihr seid Männer von Gedanken; möge der kommen, der die Gedanken [kennt], und euch zur Rechenschaft ziehen! Da kam Gabriél und schlug sie nieder, und sie waren tot. In jener Stunde bestimmten sie, ein König richte nicht und werde nicht gerichtet, er zeuge nicht und man zeuge nicht gegen ihn.
2WEDEII VOLLZIEHE ER DIE ḤALIÇA NOCH VOLLZIEHE MAN &C. Dem ist ja aber nicht so, R. Aši sagte ja, selbst nach demjenigen, welcher sagt, ein Fürst könne auf seine Ehrung verzichten, könne ein König auf seine Ehrung nicht verzichten, denn es heißt: du sollst einen König über dich setzen, daß du Ehrfurcht vor ihm hast!? – Anders ist es bei einem Gebote.
3MAN HEIRATE NICHT &C. Es wird gelehrt: Sie erwiderten ihm: Die Frauen aus dem Hause des Königs, die ihm zukamen, nämlich Merab und Mikhal.
4Die Schüler fragten R. Jose: Wieso heiratete David zwei Schwestern bei ihren Lebzeiten? Dieser erwiderte ihnen: Mikhal heiratete er nach dem Tode der Merab. R. Jehošua͑ b. Qorḥa erklärte: Die Antrauung mit der Merab war ungültig, denn es heißt: gib mir meine Frau, die Mikhal, heraus, die ich mir um den Preis von hundert Philistervorhäuten angetraut habe. –
5Wieso geht dies hieraus hervor? R. Papa erwiderte: Meine Frau Mikhal, nicht aber meine Frau Merab. –
6Wieso war die Antrauung ungültig? – Es heißt: wer ihn erschlägt, den will der König zu einem sehr reichen Manne machen &c. Hierauf ging er hin und erschlug ihn. [Šaúl] aber sprach zu ihm: Du hast bei mir ein Darlehen, und wenn jemand sich eine Frau durch ein Darlehen antraut, so ist die Antrauung ungültig.
7Da gab er sie dem A͑driél, wie es heißt: als aber die Zeit kam, da Šaúls Tochter Merab David gegeben werden sollte &c. Alsdann sprach er zu ihm: Willst du, daß ich dir die Mikhal gebe, so gehe und hole mir hundert Philistervorhäute. Hierauf ging er hin und holte sie ihm. Jener aber sprach zu ihm: Du hast bei mir ein Darlehen und eine Peruṭa.
8Šaúl war der Ansicht, bei einem Darlehen und einer Peruṭa rechne man mit dem Darlehen, David aber war der Ansicht, bei einem Darlehen und einer Peruṭa rechne man mit der Peruṭa.
9Wenn du aber willst, sage ich: sie waren beide der Ansicht, bei einem Darlehen und einer Peruṭa rechne man mit der Peruṭa, nur war Šaúl der Ansicht, [die Vorhäute] seien zu nichts verwendbare, während David der Ansicht war, sie seien für Hunde und Katzen verwendbar. –
10Wofür verwendet R. Jose [den Schriftvers:] gib mir meine Frau, die Mikhal, heraus!? R. Jose vertritt hierbei seine Ansicht, denn es wird gelehrt: R. Jose erklärte die verwirrten Schriftverse.
11Es heißt: da gab der König die beiden Söhne, die Riçpa, die Tochter Ajas, Šaúl geboren hatte, Armoni und Mephibošeth, sowie die fünf Söhne von Šaúls Tochter Mikhal, die sie A͑driél, dem Sohne Barzilajs, aus Meḥola, geboren hatte &c. Gab er sie denn dem A͑driél, er gab sie ja Palṭi, dem Sohne Lajiš’, wie es heißt: Šaúl aber gab seine Tochter Mikhal, die Frau Davids, Palṭi, dem Sohne Lajiš’ &c.!?
12Vielmehr, er vergleicht hiermit die Antrauung der Merab an A͑driél mit der Antrauung der Mikhal an Palṭi; wie die Antrauung der Mikhal an Palṭi sündhaft war, ebenso war die Antrauung der Merab an A͑driél sündhaft. –
13Und R. Jehošua͑ b. Qorḥa, es heißt ja: die fünf Söhne von Šaúls Tochter Mikhal, hatte denn Mikhal sie geboren, Merab hatte es ja!? – Er kann dir erwidern: Merab hatte sie geboren und Mikhal sie erzogen, daher werden sie nach ihr benannt. Dies lehrt dich, daß, wenn jemand ein Waisenkind in seinem Hause großzieht, es ihm die Schrift anrechnet, als hätte er es gezeugt.
14R. Ḥanina sagte: Hieraus: und die Nachbarinnen legten ihm einen Namen bei, indem sie sprachen: Nao͑mi ist ein Sohn geboren. Gebar ihn denn die Nao͑mi, Ruth gebar ihn ja!? Vielmehr, Ruth gebar ihn und Nao͑mi erzog ihn, daher wurde er nach ihr benannt.
15R. Joḥanan sagte: Hieraus: seine jüdische Frau gebar Jered, den Vater des Gedor &c. und dies sind die Söhne der Bithja, der Tochter des Pareo͑, die Mered heiratete. Mered ist Kaleb, nur wird er deshalb Mered genannt, weil er sich dem Ratschlage der Kundschafter widersetzte [marad]. Gebar ihn denn Bithja, Jokhebed gebar ihn ja? Vielmehr Jokhebed gebar ihn und Bithja erzog ihn, daher wird er nach ihr benannt.
16R. Elea͑zar sagte: Hieraus: mit deinem Arme hast du dein Volk erlöst, die Söhne Ja͑qobs und Josephs, Sela. Gebar sie denn Joseph, Ja͑qob gebar sie ja!? Vielmehr, Ja͑qob gebar sie und Joseph ernährte sie, daher werden sie nach ihm benannt.
17R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Wer den Sohn seines Nächsten die Tora lehrt, dem rechnet es die Schrift an, als hätte er ihn gezeugt, denn es heißt: dies sind die Nachkommen Ahrons und Mošes, und ferner heißt es: dies sind die Namen der Söhne Ahrons; Ahron zeugte sie nämlich und Moše unterrichtete sie, daher werden sie nach ihm benannt.
18Darum sprach der Herr zum Hause Ja͑qobs, der Abraham erlöste; wo finden wir, das Ja͑qob Abraham erlöste!? R. Jehuda erwiderte: Er erlöste ihn von der Plage der Kindererziehung. Deshalb heißt es: nicht wird nun Ja͑qob beschämt werden &c.; nicht wird nun Ja͑qob beschämt werden, vor seinem Vater, und sein Antlitz wird nicht erblassen, vor seinem Großvater.
19Er heißt Palṭi und er heißt Palṭiél!? R. Joḥanan erklärte: Sein eigentlicher Name ist Palṭi, und nur deshalb wird er Palṭiél genannt, weil Gott ihn vor einer Sünde schützte [palṭoél]. – Was tat er? – Er pflanzte ein Schwert zwischen sich und ihr auf und sprach: Wer dies tut, soll mit diesem Schwerte erstochen werden. –
20Es heißt ja aber: ihr Gatte begleitete sie!? – Er behandelte sie wie ein Gatte. – Es heißt ja aber: weinend einhergehend!? – Wegen des Gebotes, das ihm entgangen ist. Bis Baḥurim, sie waren beide jungfräulich [bahurim] und hatten den Genuß der Beiwohnung noch nicht gekostet.
21R. Joḥanan sagte: Die Selbstbeherrschung Josephs war eine Kleinigkeit gegenüber der des Boa͑z, und die Selbstbeherrschung Boa͑z’ war eine Kleinigkeit gegenüber der des Palṭi, des Sohnes Lajiš’. Die Selbstbeherrschung Josephs war eine Kleinigkeit gegenüber der des Boa͑z, denn es heißt: da, um Mitternacht, erschrak der Mann, und er beugte sich vor. Was heißt vajillapheth [beugte]? Rabh erklärte: Sein Leib war wie ein Rübenkopf [lephet steif] geworden.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.