Sanhedrin — Blatt 22b

1Dieser fragte: Wer zum Beispiel? Jener erwiderte: Zum Beispiel deine Mutter. –

2Dem ist ja aber nicht so, R. Jehuda lehrte seinen Sohn R. Jiçḥaq: Und bitterer als den Tod finde ich die Frau, denn sie gleicht einem Netze und einem Fanggarne, und als dieser fragte: wer zum Beispiel? erwiderte er ihm: zum Beispiel deine Mutter!? – Sie war jähzornig, jedoch durch ein Wort zu besänftigen.

3R. Šemuél b. Inja sagte im Namen Rabhs: Das Weib ist ein formloser Klumpen und schließt ein Bündnis nur mit dem, der es zum fertigen Geräte macht, denn es heißt: denn dein Gemahl ist dein Schöpfer; der Herr der Heerscharen ist sein Name.

4Es wird gelehrt: Der Mann stirbt nur seiner Frau, und die Frau stirbt nur ihrem Manne. Der Mann stirbt nur seiner Frau, wie es heißt: da starb Elimelekh, der Mann der Nao͑mi; die Frau stirbt nur ihrem Manne, wie es heißt: als ich aus Paddan zurückkam, starb mir Raḥel.

5MAN DARF IHM NICHT ZUSEHEN &C. Die Rabbanan lehrten: Der König schneide sich das Haar täglich, der Hochpriester an jedem Vorabend des Šabbaths und ein gemeiner Priester einmal in dreißig Tagen.

6Der König schneide sich das Haar täglich, denn es heißt: den König in seiner Pracht sollen deine Augen schauen. Der Hochpriester an jedem Vorabend des Šabbaths; R. Šemuél b. Naḥman erklärte im Namen R. Joḥanans: Weil dann die Priesterwachen wechseln.

7Ein gemeiner Priester einmal in dreißig Tagen, denn es heißt: sie sollen ihr Haupt nicht scheren, aber auch ihren Haarwuchs nicht herabhängen lassen, sondern ihr Haupthaar verstutzt tragen, und er folgert durch [das Wort] Haarwuchs vom Naziräer; hier heißt es: ihren Haarwuchs nicht herabhängen lassen, und dort heißt es: seinen Haarwuchs soll er herabhängen lassen; wie dort dreißig [Tage], ebenso auch hier dreißig Tage. Wir haben nämlich gelernt: Das unbefristete Nazirat währt dreißig Tage. –

8Woher dies von diesem selbst? R. Mathna erwiderte: Die Schrift sagt: heilig soll er sein [jihjeh], und der Zahlenwert [des Wortes jihjeh ] beträgt dreißig.

9R. Papa sprach zu Abajje: Vielleicht dürfen [die Priester das Haar] überhaupt nicht wachsen lassen!? Dieser erwiderte: Würde es geheißen haben: ‘sie sollen keinen Haarwuchs herabhängen lassen’, so könntest du Recht haben, es heißt aber: ‘ihren Haarwuchs’, sie dürfen einen Haarwuchs tragen, nur nicht herabhängen lassen. –

10Demnach sollte dies auch noch jetzt gelten!? – Gleich dem Weintrinken: wie das Weintrinken nur zur Zeit des Eintretens verboten ist, außerhalb der Zeit des Eintretens aber erlaubt ist, ebenso ist ihnen das Herabhängenlassen des Kopfhaares nur zur Zeit des Eintretens verboten, außerhalb der Zeit des Eintretens aber erlaubt. –

11Ist ihnen denn der Wein außerhalb der Zeit des Eintretens erlaubt, es wird ja gelehrt: Rabbi sagte: Ich sage, Priester sollten niemals Wein trinken dürfen, was aber ist zu machen, wenn ihnen der Verderb zum Nutzen gereicht!? Hierzu sagte Abajje: Nach wessen Ansicht trinken die Priester jetzt Wein? Nach Rabbi. Demnach verbieten es die Rabbanan!? –

12Dies aus dem Grunde, weil gar schnell der Tempel erbaut werden, und man einen dienstfähigen Priester suchen könnte, ohne einen zu finden. – Auch hierbei könnte man ja einen dienstfähigen Priester suchen, ohne einen zu finden!? –

13Er kann sich das Haar schneiden und [zum Dienste] eintreten. – Ebenso kann ja auch [der Trunkene] ein wenig schlafen und [zum Dienste] eintreten, denn R. Aḥa sagte, ein Mil des Weges oder ein wenig Schlaf treiben den Wein aus!? – Hierüber ist ja gelehrt worden: R. Naḥman sagte im Namen des Rabba b. Abuha: Dies lehrten sie nur von dem Falle, wenn man ein Viertellog getrunken hat, wenn aber mehr als ein Viertellog, so steigert der Weg um so mehr die Müdigkeit und der Schlaf den Rausch.

14R. Aši erwiderte: Die Weintrunkenheit entweiht den Dienst, daher haben die Rabbanan dabei eine Maßregel getroffen, der Haarwuchs entweiht den Dienst nicht, daher haben die Rabbanan dabei keine Maßregel getroffen.

15Man wandte ein: Folgende [Priester] verfallen dem Tode: die den Haarwuchs herabhängen lassen und die Wein getrunken haben.

16Allerdings die Wein getrunken haben, denn es heißt: Wein und Rauschtrank sollt ihr, du und deine Söhne, nicht trinken &c. damit ihr nicht sterbet, woher dies aber von denen, die den Haarwuchs herabhängen lassen?

17Man vergleiche die Weintrunkenheit mit dem Haarwuchs. Es heißt: ihr Haupt sollen sie nicht scheren, aber auch ihren Haarwuchs nicht herabhängen lassen, und darauf folgt: und Wein sollen sie nicht trinken &c.; wie nun der Weintrunkene dem Tode verfällt, ebenso verfällt auch der dem Tode, der den Haarwuchs herabhängen läßt. –

18Hieraus ist zu entnehmen: wie der Weintrunkene, weil er den Dienst entweiht, ebenso der den Haarwuchs herabhängen läßt, weil er den Dienst entweiht!? – Ein Einwand.

19Rabina sprach zu R. Aši: Wer sagte dies bevor Jeḥezqel kam? – Wie willst du nach deiner Auffassung das erklären, was R. Ḥisda gesagt hat, daß wir dies nämlich nicht aus der Tora Mošes lernen, sondern aus [den Worten] Jeḥezqels: kein Fremdling, der unbeschnittenen Herzens und unbeschnittenen Fleisches ist, soll in mein Heiligtum eintreten, um mich zu bedienen; wer sagte dies nun bevor Jeḥezqel kam!? Vielmehr war es eine überlieferte Lehre, und Jeḥezqel kam und brachte sie zu Schrift, ebenso war auch dies eine überlieferte Lehre, und Jeḥezqel kam und brachte sie zu Schrift. –

20Die überlieferte Lehre bezog sich nur auf den Tod, nicht aber bezog sie sich auf die Dienstentweihung. –

21Was heißt: das Kopfhaar stutzen? – Es wird gelehrt: eine Art julianischer Frisur, – Welche heißt eine julianische Frisur? R. Jehuda erwiderte im Namen Šemuéls: Die Einzelfrisur. – Wie ist dies? R. Aši erwiderte: Die Spitze des einen [Haares] an der Wurzel des anderen.

22Man fragte Rabbi: Welche Frisur trug der Hochpriester? Er erwiderte: Geht, seht euch die Frisur des Ben Elea͑sa an. Es wird gelehrt: Rabbi sagte: Nicht nutzlos verschwendete Ben Elea͑sa sein Geld, sondern um damit die Frisur des Hochpriesters zu zeigen.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.