Sanhedrin — Blatt 24a
1von unzulässigen Zeugen und zulässigen Richtern, und da er den Beweis für die Unzulässigkeit der Zeugen erbracht hat, so kann er auch die Richter als unzulässig ablehnen; und der Schlußsatz spricht von unzulässigen Richtern und zulässigen Zeugen, und da er den Beweis für die Unzulässigkeit der Richter erbracht hat, so kann er auch die Zeugen als unzulässig ablehnen.
2Raba wandte ein: Einleuchtend ist es, daß er, wenn er den Beweis für die Unzulässigkeit der Zeugen erbringt, auch die Richter als unzulässig ablehnen kann, denn es gibt ja noch andere Gerichte, wieso aber kann er, wenn er den Beweis für die Unzulässigkeit der Richter erbringt, auch die Zeugen als unzulässig ablehnen, es sind ja weiter keine Zeugen vorhanden!? –
3In dem Falle, wenn noch eine Partie Zeugen vorhanden ist. –
4Wenn aber keine andere Partie vorhanden ist, so kann er sie nicht ablehnen, und dies ist ja die Ansicht R. Dimis!? –
5Sie streiten, ob man das ‘da’ berücksichtige; einer ist der Ansicht, man berücksichtige es, und einer ist der Ansicht, man berücksichtige es nicht.
6Der Text. Reš Laqiš sagte: Ein heiliger Mund sollte dies gesagt haben!? Man lese: den Zeugen.
7Dem ist ja aber nicht so, U͑la sagte ja, wenn man Reš Laqiš im Lehrhause sah, [glaubte man,] er entwurzle Berge und zermalme sie aneinander!?
8Rabina erwiderte: Wenn man aber R. Meír im Lehrhause sah, [glaubte man,] er entwurzle Berge über Berge und zermalme sie aneinander.
9Er meinte es vielmehr wie folgt: komm und sieh, wie sehr sie einander schätzten.
10So saß einst Rabbi und lehrte, man dürfe [am Šabbath] nichts kaltstellen; da sprach R. Jišma͑él b. Jose vor ihm: Mein Vater erlaubte das Kaltstellen. Hierauf sprach jener: Ein Greis hat dies bereits entschieden.
11R. Papa sprach: Komm und sieh, wie sehr sie einander schätzten, als R. Jose noch lebte, saß er vor Rabbi gebückt, denn R. Jišma͑él b. Jose war Amtsnachfolger seiner Vorfahren und saß vor Rabbi gebückt, dennoch sagte dieser über ihn: ein Greis hat es bereits entschieden.
12R. Osa͑ja sagte: Es heißt: da nahm ich mir zwei Stäbe, den einen nannte ich Milde und den anderen nannte ich Verletzung. Milde, das sind die Schriftgelehrten im Jisraéllande, die bei [der Erörterung] der Halakha milde gegen einander sind; Verletzung, das sind die Schriftgelehrten in Babylonien, die bei [der Erörterung] der Halakha einander verletzen.
13Da sprach er zu mir: Das sind die beiden Söhne des mit Öl [Gesalbten], die da stehen &c. Öl, das sind, wie R. Jiçḥaq erklärte, die Schriftgelehrten im Jisraéllande, die sanft zu einander sind, wie das Olivenöl. Und daneben zwei Olivenbäume, das sind die Schriftgelehrten in Babylonien, die bei [der Erörterung] der Halakha einander verbittern wie eine Olive.
14Ich erhob meine Augen und sah zwei Weiber hervorkommen, und der Wind blies in ihre Flügel, sie hatten nämlich Flügel wie die Storchenflügel, und sie hoben das Epha zwischen Himmel und Erde empor. Da fragte ich den Engel, der mit mir redete: Wohin bringen sie das Epha? Er antwortete mir: Um ihr eine Wohnung im Lande Šinea͑r zu bereiten. R. Joḥanan erklärte im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Das sind die Heuchelei und der Hochmut, die sich in Babel niederließen. –
15Ließ sich denn der Hochmut in Babel nieder, der Meister sagte ja, daß von den zehn Kab Hochmut, der über die Welt kam, neun E͑lam und einen die ganze Welt erhielt!? –
16Allerdings, zuerst ließ er sich in Babel nieder, und allmählich breitete er sich über E͑lam aus. Dies ist ja auch zu beweisen, denn es heißt: um ihr eine Wohnung im Lande Šinea͑r zu bauen; schließe hieraus. –
17Der Meister sagte ja aber, Armut sei ein Zeichen des Hochmutes, und die Armut ließ sich ja in Babel nieder!? – Unter Armut ist die Armut in der Tora zu verstehen, denn es heißt: wir haben eine kleine Schwester, noch ohne Brüste, und R. Joḥanan erklärte, dies sei E͑lam, dem es beschieden war zu lernen, nicht aber zu lehren. –
18Was bedeutet [der Name] Babel? R. Joḥanan erwiderte: Vermengt [balul] mit der Schrift, vermengt mit der Mišna und vermengt mit dem Talmud. Er hat mich in Finsternis versetzt, wie ewig Tote, R. Jirmeja erklärte, daß sei die babylonische Lehrweise.
19SAGTE EINER: MEIN VATER IST MIR GLAUBWÜRDIG, DEIN VATER IST MIR GLAUBWÜRDIG, JENE DREI HIRTEN SIND MIR GLAUBWÜRDIG, SO KANN ER, WIE R. MEÍR SAGT, ZURÜCKTRETEN; DIE WEISEN SAGEN, ER KÖNNE NICHT MEHR ZURÜCKTRETEN.
20WENN JEMAND SEINEM NÄCHSTEN EINEN EID SCHULDET, UND DIESER ZU IHM SAGT: BETEURE ES MIR BEI DEINEM LEBEN, SO KANN ER, WIE R. MEÍR SAGT, ZURÜCKTRETEN; DIE WEISEN SAGEN, ER KÖNNE NICHT MEHR ZURÜCKTRETEN.
21GEMARA. R. Dimi, Sohn des R. Neḥemja, des Sohnes R. Josephs, erklärte: Wenn er ihn als einen anerkannt hat.
22R. Jehuda sagte im Namen Šemuéls: Der Streit besteht nur über einen Verzicht, bei einem Zugeständnisse aber stimmen alle überein, daß er zurücktreten kann. R. Joḥanan aber sagte, der Streit bestehe über ein Zugeständnis.
23Sie fragten: Besteht der Streit nur über ein Zugeständnis, während bei einem Verzichte alle übereinstimmen, daß er nicht mehr zurücktreten kann, oder besteht der Streit über beides? –
24Komm und höre: Raba sagte, der Streit bestehe nur über ein Zugeständnis, während bei einem Verzichte alle übereinstimmen, daß er nicht mehr zurücktreten kann.
25Einleuchtend ist es nun, wenn du sagst, der Streit bestehe nur über ein Zugeständnis, während bei einem Verzichte alle übereinstimmen, daß er nicht mehr zurücktreten kann, denn Raba ist demnach der Ansicht R. Joḥanans; wessen Ansicht ist aber Raba, wenn du sagst, der Streit bestehe über beides!? –
26Raba hat seine eigene Ansicht.
27R. Aḥa b. Taḥlipha wandte gegen Raba ein: Wenn jemand seinem Nächsten einen Eid schuldet, und dieser zu ihm sagt: beteure es mir bei deinem Leben, so kann er, wie R. Meír sagt, zurücktreten; die Weisen sagen, er könne nicht mehr zurücktreten.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.