Sanhedrin — Blatt 29a

1mit diesem verwandt und wurden entfremdet. Einst kamen sie vor ihm zu Gericht, und er sprach zu ihnen: Ich bin für euch als Richter unzulässig.

2Sie sprachen zu ihm: Du bist wohl der Ansicht, die Halakha sei wie R. Jehuda, wir haben aber ein Schreiben aus dem Westen mitgebracht, daß die Halakha nicht wie R. Jehuda sei.

3Er erwiderte ihnen: Bin ich etwa an euch mit einem Kab Wachs festgeklebt? Ich sagte euch nur deshalb, daß ich für euch als Richter unzulässig bin, weil ihr auf das Urteil nicht gehorchen würdet.

4ALS FREUND GILT DER HOCHZEITSKAMERAD &C.

5Wie lange? R. Abba erwiderte im Namen R. Jirmejas im Namen Rabhs: Die ganzen sieben Tage des Gastmahles. Die Jünger im Namen Rabas sagten: schon vom ersten Tage an.

6ALS FEIND GILT EINER, DER NICHT GESPROCHEN &C. Die Rabbanan lehrten: Und er hegte keine Feindschaft gegen ihn, er kann sein Zeuge sein; und ihm nichts Böses zufügen wollte, er kann sein Richter sein. –

7Wir wissen dies also vom Feinde, woher dies vom Freunde? –

8Man lese wie folgt: er hegte keine Feindschaft gegen ihn, und auch keine Freundschaft für ihn; er kann sein Zeuge sein; und ihm nichts Böses zufügen wollte, auch nichts Gutes; er kann sein Richter sein. –

9Heißt es denn. Freundschaft!? – Vielmehr, dies ist einleuchtend: ein Feind deshalb nicht, weil er gegen ihn eingenommen sein kann, ebenso kein Freund, weil er für ihn eingenommen sein kann. –

10Wofür verwenden die Rabbanan [die Verse:] und er hegte keine Feindschaft gegen ihn, und: ihm nichts Böses zufügen wollte!? –

11Einen beziehen sie auf den Richter,

12und den anderen verwenden sie für folgende Lehre: R. Jose b. R. Jehuda erklärte: Und er hegte keine Feindschaft gegen ihn und ihm nichts Böses zufügen wollte, hieraus, daß zwei Schriftgelehrte, die einander feindlich gesinnt sind, nicht zusammen bei einer Gerichtsverhandlung sitzen dürfen.

13WIE PRÜFT MAN DIE ZEUGEN? MAN FÜHRT SIE IN EIN ZIMMER UND SCHÜCHTERT SIE EIN; ALSDANN SCHICKT MAN SIE HINAUS UND NUR DER GRÖSSTE VON IHNEN BLEIBT ZURÜCK,

14UND MAN SPRICHT ZU IHM: SPRICH, WOHER WEISST DU, DASS DIESER JENEM [GELD] SCHULDIG IST? SAGT ER, DIESER HABE IHM GESAGT, ER SCHULDE JENEM [GELD], ODER JEMAND HABE IHM GESAGT, DASS DIESER JENEM [GELD] SCHULDE, SO HAT ER NICHTS BEKUNDET; ER MUSS DURCHAUS BEKUNDEN: IN UNSERER GEGENWART HAT DIESER EINGESTANDEN, DASS ER JENEM ZWEIHUNDERT ZUZ SCHULDE.

15ALSDANN FÜHRT MAN DEN ZWEITEN HEREIN UND PRÜFT IHN; STIMMEN IHRE AUSSAGEN ÜBEREIN, SO WIRD DARÜBER VEBHANDELT. WENN ZWEI ZU SEINEN GUNSTEN ENTSCHEIDEN UND EINER ZU SEINEN UNGUNSTEN, SO WIRD ZU SEINEN GUNSTEN ENTSCHIEDEN;

16WENN ZWEI ZU SEINEN UNGUNSTEN ENTSCHEIDEN UND EINER ZU SEINEN GUNSTEN, SO WIRD ZU SEINEN UNGUNSTEN ENTSCHIEDEN. WENN EINER ZU SEINEN UNGUNSTEN UND EINER ZU SEINEN GUNSTEN ENTSCHEIDET, ODER SELBST WENN ZWEI ZU SEINEN GUNSTEN UND ZWEI ZU SEINEN UNGUNSTEN ENTSCHEIDEN, UND EINER SAGT, ER WISSE NICHT, SO WERDEN RICHTER HINZUGENOMMEN.

17HABEN SIE DIE VERHANDLUNG BEENDET, SO LÄSST MAN [DIE PROZESSFÜHRENDEN] EINTRETEN UND DER OBMANN DER RICHTER SPRICHT: DU N. HAST GEWONNEN, UND DU N. HAST VERLOREN.

18WOHER, DASS KEINER BEI SEINEM FORTGEHEN SAGEN DÜRFE: ICH HABE ZU SEINEN GUNSTEN GESTIMMT UND MEINE KOLLEGEN ZU SEINEN UNGUNSTEN, WAS ABER KONNTE ICH DAFÜR, DASS MEINE KOLLEGEN MICH ÜBERSTIMMT HABEN? ES HEISST: du sollst nicht als Verleumder unter deinen Volksgenossen umhergehen; FERNER HEISST ES: Verleumder ist, wer Geheimnisse verrät.

19GEMARA. Was spricht man zu ihnen? R. Jehuda erwiderte: Man spricht zu ihnen wie folgt: Gewölk und Wind und doch kein Regen, ein Mann, der mit falschen Gaben prahlt.

20Raba entgegnete: Sie können ja sagen: Sieben Jahre währt die Hungersnot, aber an die Tür eines Handwerkers kommt sie nicht.

21Vielmehr, sagte Raba, spricht man zu ihnen: Hammer und Schwert und scharfer Pfeil, so ein Mann, der wider seinen Nächsten als falscher Zeuge aussagt.

22R. Aši entgegnete ihm: Sie können ja sagen: Sieben Jahre währt die Seuche, doch stirbt niemand vor der ihm festgesetzten Zeit.

23Vielmehr, sagte R. Aši, Nathan b. Mar Zuṭra sagte mir, man spreche zu ihnen wie folgt: Falsche Zeugen sind ihren Auftraggebern selber verachtet, denn es heißt: und setzt ihm zwei nichtswürdige Buhen gegenüber, daß sie wider ihn zeugen und sprechen: Naboth hat Gott und dem König geflucht.

24SAGT ER, DIESER HABE IHM GESAGT &C., ER MUSS DURCHAUS BEKUNDEN: IN UNSERER GEGENWART HAT DIESER EINGESTANDEN, DASS ER JENEM ZWEIHUNDERT ZUZ SCHULDE.

25Dies ist also eine Stütze für R. Jehuda, denn R. Jehuda sagte im Namen Rabhs, [der Gläubiger] müsse sagen: Ihr seid meine Zeugen.

26Auch wurde gelehrt: R. Ḥija b. Abba sagte im Namen R. Joḥanans: [Wenn jemand zu einem sagt:] ich habe bei dir eine Mine, und dieser ihm erwidert: jawohl, und wenn er am folgenden Tage zu ihm sagt: gib sie mir wieder, er ihm erwidert: ich habe mit dir nur gescherzt, so ist er frei.

27Ebenso wird gelehrt: [Wenn jemand zu einem sagt:] Ich habe bei dir eine Mine, und dieser ihm erwidert: jawohl, und wenn er am folgenden Tage zu ihm spricht: gib sie mir wieder, er ihm erwidert: ich habe mit dir nur gescherzt, so ist er frei.

28Und noch mehr: wenn jener seine Zeugen hinter dem Zaune versteckt hält und zu ihm sagt: ich habe bei dir eine Mine, und dieser ihm erwidert: jawohl, und auf die Aufforderung, dies vor N. und N. einzugestehen, er ihm erwidert: ich fürchte, du wirst mich verklagen, so ist er, wenn jener am folgenden Tage zu ihm sagt: gib sie mir wieder, er ihm erwidert: ich habe mit dir nur gescherzt, frei.

29Den Verführer verteidige man nicht. –

30Wer spricht hier vom Verführer!? – [Die Lehre] ist lückenhaft und muß wie folgt lauten: wenn er aber sich seihst nicht verteidigt, so verteidige man ihn nicht. Bei Todesstrafsachen verteidige man ihn, auch wenn er dies nicht selber tut; einen Verführer aber verteidige man nicht. –

31Weshalb keinen Verführer? R. Ḥama b. Ḥanina erwiderte: Ich habe dies in einem Vortrage des R. Ḥija b. Abba gehört: anders ist es bei einem Verführer, denn der Allbarmherzige sagt: du sollst seiner nicht schonen und seine Schuld nicht verheimlichen.

32R. Šemuél b. Naḥman sagte im Namen R. Jonathans: Woher, daß man den Verführer nicht verteidige? Von der Urschlange. R. Šimlaj sagte nämlich: Vieles hatte die Schlange zu ihrer Verteidigung zu sagen, sie verteidigte sich aber nicht. Weshalb aber verteidigte sie nicht der Heilige, gepriesen sei er? Weil sie es selbst unterlassen hatte. –

33Was konnte sie sagen? – Von den Worten des Meisters und den Worten des Schülers hat man ja auf die Worte des Meisters zu hören.

34Ḥizqija sagte: Woher, daß man durch die Hinzufügung vermindert? Es heißt: sagte Gott, ihr dürft sie nicht essen und dürft sie nicht berühren .

35R. Mešaršeja sagte: Hieraus: zwei und eine halbe Elle lang.

36R. Aši sagte: [Hieraus:] elf Teppiche.

37Abajje sagte: Dies lehrten sie nur von dem Falle, wenn er sagt: ich habe mit dir nur gescherzt, wenn er aber sagt,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.