Sanhedrin — Blatt 37a
1DREI REIHEN VON SCHRIFTGELEHRTEN SASSEN VOR IHNEN, UND JEDER KANNTE SEINEN PLATZ. WAR ES NÖTIG, EINEN ZU ORDINIEREN, SO WURDE EINER AUS DER ERSTEN [REIHE] ORDINIERT, WÄHREND EINER AUS DER ZWEITEN IN DIE ERSTE UND EINER AUS DER DRITTEN IN DIE ZWEITE AUFRÜCKTE, UND EINER AUS DEM VOLKE WURDE GEWÄHLT UND IN DIE DRITTE GESETZT; DIESER SASS ABER NICHT AUF DEM FREIGEWORDENEN PLATZE, SONDERN AUF DEM, DER IHM GEBÜHRT.
2GEMARA. Woher dies? R. Aḥa b. Ḥanina erwiderte: Die Schrift sagt: dein Nabel ein gerundetes Becken, dem der Mischwein nicht fehlen darf &c.
3Dein Nabel, das ist das Synedrium, und zwar wird es deshalb Nabel genannt, weil es auf dem Nabelpunkte der Welt sitzt. Ein Becken [agan], es beschützt [megin] die ganze Welt. Ein rundes, es gleicht einem Kreise.
4Dem der Mischwein nicht fehlen darf, will einer hinausgehen, so darf er dies nur dann, wenn dreiundzwanzig, entsprechend dem kleinen Synedrium, zurückbleiben, sonst aber nicht.
5Dein Leib ein Weizenhaufen, wie vom Weizenhaufen alle genießen, ebenso genießen alle vom Synedrium. Mit Lilien umgeben, selbst in einen Lilienzaun bringen sie keine Risse.
6So sprach einst ein Minäer zu R. Kahana: Ihr sagt, eine Menstruierende dürfe mit einem Manne zusammen sein, ist es denn möglich, daß Feuer mit Flachs in Berührung kommt und ihn nicht versengt!? Dieser erwiderte ihm: Die Tora bekundete über uns: mit Lilien umgeben, selbst in einen Lilienzaun bringen sie keine Risse.
7Reš Laqiš sagte: Hieraus: wie eine Granatapfelscheibe ist deine Schläfe, [raqathekh], selbst die Leeren [reqanin] unter dir sind wie ein Granatapfel voll mit guten Handlungen. R. Zera sagte: Hieraus: da roch er den Duft seiner Kleider, und man lese nicht begadav [seiner Kleider], sondern bogdav [seiner Frevler].
8In der Nachbarschaft R. Zeras wohnten Bösewichter, er aber erwies ihnen Freundschaft, damit sie Buße tun sollten; die Rabbanan nahmen es ihm übel. Als die Seele R. Zeras zur Ruhe einkehrte, sprachen jene: Bis jetzt hatten wir den Kleinen mit den versengten Schenkeln, der für uns um Erbarmen zu flehen pflegte, wer wird nun jetzt für uns um Erbarmen flehen!? Sie nahmen sich dies zu Herzen und taten Buße.
9DREI REIHEN &C. Abajje sagte: Hieraus ist zu entnehmen, daß beim Aufrücken alle aufrücken. – Sollte er doch zu ihnen sagen: Bisher saß ich am Kopfe, und nun laßt ihr mich am Schwänze sitzen!? Abajje erwiderte: Man spreche zu ihm wie folgt: lieber sei ein Schwanz bei den Löwen als ein Kopf bei den Füchsen.
10AUF WELCHE WEISE WERDEN DIE ZEUGEN IN TODESSTRAFSACHEN EINGESCHÜCHTERT? MAN FÜHRT SIE HEREIN UND SCHÜCHTERT SIE [DURCH FOLGENDE WORTE] EIN: VIELLEICHT SAGT IHR DIES AUS VERMUTUNG ODER VOM HÖRENSAGEN, ODER [WISST IHR ES] AUS DEM MUNDE ANDERER ZEUGEN, ODER AUS DEM MUNDE EINES GLAUBWÜRDIGEN MENSCHEN, ODER VIELLEICHT WISST IHR NICHT, DASS WIR EUCH SPÄTER UNTERSUCHEN UND AUSFORSCHEN WERDEN.
11WISSET AUCH, DASS BEI TODESSTRAFSACHEN ES SICH NICHT SO VERHÄLT, WIE BEI GELDSACHEN; BEI GELDSACHEN KANN MAN EINEN ERSATZ LEISTENUND SÜHNE ERLANGEN, BEI TODESSTRAFSACHEN ABER BLEIBT AN IHM DAS BLUT [DES HINGERICHTETEN] UND DAS BLUT SEINER NACHFOLGE BIS AN DAS WELTENDE HAFTEN.
12SO FINDEN WIR ES AUCH BEI QAJIN, DER SEINEN BRUDER ERSCHLUG, WIE ES HEISST: das Geblüt deines Bruders schreien, ES HEISST NICHT: DAS BLUT DEINES BRUDERS, SONDERN: DAS GEBLÜT DEINES BRUDERS, SEIN BLUT UND DAS BLUT SEINER NACHFOLGE. EINE ANDERE ERKLÄRUNG: das Geblüt deines Bruders, ES WAR NÄMLICH AUF HOLZ UND STEIN ZERSPRITZT.
13DER MENSCH WURDE DESHALB EINZIG ERSCHAFFEN, UM DICH ZU LEHREN, DASS, WENN JEMAND EINE JISRAÉLITISCHE SEELE VERNICHTET, ES IHM DIE SCHRIFT ANRECHNET, ALS HÄTTE ER EINE GANZE WELT VERNICHTET, UND WENN JEMAND EINE JISRAÉLITISCHE SEELE ERHÄLT, ES IHM DIE SCHRIFT ANRECHNET, ALS HÄTTE ER EINE GANZE WELT ERHALTEN.
14FERNER AUCH WEGEN DER FRIEDFERTIGKEIT UNTER DEN MENSCHEN, DAMIT NÄMLICH NIEMAND ZU SEINEM NÄCHSTEN SAGE: MEIN AHN WAR GRÖSSER ALS DEINER. FERNER AUCH, DAMIT NICHT DIE MINÄER SAGEN KÖNNEN, ES GEBE MEHRERE PRINZIPIEN IM HIMMEL.
15UND ENDLICH AUCH, UM DIE GRÖSSE DES HEILIGEN, GEPRIESEN SEI ER, ZU VERKÜNDEN; WENN EIN MENSCH MEHRERE MÜNZEN MIT EINEM STEMPEL PRÄGT, SO GLEICHEN SIE ALLE EINANDER, DER KÖNIG DER KÖNIGE ABER, DER HEILIGE, GEPRIESEN SEI ER, PRÄGT JEDEN MENSCHEN MIT DEM STEMPEL DES URMENSCHEN, UND DOCH GLEICHT NICHT EINER DEM ANDEREN. DAHER MUSS AUCH JEDER EINZELNE SAGEN: MEINETWEGEN IST DIE WELT ERSCHAFFEN WORDEN.
16VIELLEICHT WOLLT IHRSAGEN:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.