Sanhedrin — Blatt 38b

1Der Rumpf des Urmenschen war aus Babylonien, das Haupt aus dem Jisraéllande und die Extremitäten aus den übrigen Ländern. Seine Hinterbacken, wie R. Aḥa sagte, aus der Burg Agma.

2R. Aḥa b. Ḥanina sagte: Zwölf Stunden hat der Tag; in der ersten Stunde wurde sein Staub gesammelt, in der zweiten wurde er zu einem Klumpen geformt, in der dritten wurden seine Glieder gedehnt, in der vierten wurde ihm die Seele eingehaucht, in der fünften stellte er sich auf seine Füße, in der sechsten legte er [den Tieren] Namen hei, in der siebenten wurde ihm Ḥava zugesellt, in der achten legten sie sich ins Bett zu zweien und verließen es zu vieren, in der neunten wurde ihm das Verbot erteilt, in der zehnten sündigte er, in der elften wurde über ihn Gericht gehalten, in der zwölften wurde er verjagt und er ging fort, denn es heißt: und der Mensch, in Herrlichkeit übernachtet er nicht.

3Rami b. Ḥama sagte: Ein wildes Tier hat nur dann Gewalt über einen Menschen, wenn er ihm wie ein Vieh erscheint, denn es heißt: er wird beherrscht , wenn er wie ein Vieh erscheint.

4R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Als der Heilige, gepriesen sei er, den Menschen erschaffen wollte, erschuf er vorher eine Klasse von Dienstengeln und sprach zu ihnen: Ist es euer Wille, daß wir einen Menschen in unserem Ebenbilde erschaffen? Diese fragten ihn: Herr der Welt, wie sind seine Handlungen? Er erwiderte ihnen: So und so sind seine Handlungen.

5Darauf sprachen sie zu ihm: Herr der Welt, was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und das Menschenkind, daß du nach ihm schauest! Da langte er mit seinem kleinen Finger zwischen sie und verbrannte sie. Ebenso geschah es auch mit der zweiten Klasse. Die dritte Klasse sprach vor ihm: Herr der Welt, was nützte es den ersten, daß sie vor dir geredet haben; dein ist die ganze Welt, tue das, was dir auf deiner Welt zu tun beliebt.

6Als das Zeitalter der Sintflut und das Zeitalter der Spaltung heranreichten, deren Handlungen ausarteten, sprachen sie vor ihm: Herr der Welt, hatten die ersten, die vor dir geredet, nicht Recht!? Er erwiderte ihnen: Und bis zum Greisenalter bin ich derselbe, und bis zum Ergrauen will ich es auf mich laden &c.

7R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Adam der Urmensch war von einem Ende der Welt bis zum anderen, denn es heißt: seit dem Tage, wo Gott den Menschen auf der Erde erschaffen hat, von einem Ende des Himmels bis zum anderen. Nachdem er aber gesündigt hatte, legte der Heilige, gepriesen sei er, seine Hand auf ihn und verminderte ihn, denn es heißt: hinten und vorn hast du mich gebildet und du legtest auf mich deine Hand.

8R. Elea͑zar sagte: Adam der Urmensch reichte von der Erde bis zum Himmel, denn es heißt: seit dem Tage, wo Gott den Menschen auf der Erde erschaffen hat, von einem Ende des Himmels bis zum anderen. Nachdem er aber gesündigt hatte, legte der Heilige, gepriesen sei er, seine Hand auf ihn und verkleinerte ihn, denn es heißt: hinten und vorn hast du mich gebildet &c. – Die [Auslegungen des] Schriftverses widersprechen ja einander!? – Beide Maße sind identisch.

9Ferner sagte R. Jehuda im Namen Rabhs: Adam der Urmensch sprach aramäisch, denn es heißt: wie teuer sind mir, o Gott, deine Gedanken.

10So sagte auch Reš Laqiš: Es heißt: das ist das Buch über die Nachkommen Adams; dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, ihm jedes Zeitalter und seine Gelehrten, jedes Zeitalter und seine Weisen zeigte; als er aber zum Zeitalter R. A͑qibas herankam, freute er sich über seine Gesetzeskunde und war betrübt über seinen Tod und sprach: wie teuer sind mir, o Gott, deine Gedanken .

11Ferner sagte R. Jehuda im Namen Rabhs: Adam der Urmensch war ein Minäer, denn es heißt: da rief Gott der Herr den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du; wohin hat sich dein Herz abgewendet? R. Jiçḥaq sagte: Er war Epispast, denn es heißt: sie haben wie ein Mensch mein Bündnis übertreten, und ferner heißt es: mein Bündnis hat er zerstört.

12R. Naḥman sagte: Er war ein Gottesleugner, denn hier heißt es: [wie ein Mensch] mein Bündnis übertreten, und dort heißt es: da wird man dann antworten: Weil sie das Bündnis des Herrn, des Gottes ihrer Väter, verlassen haben.

13Dort haben wir gelernt: R. Elie͑zer sagte: Befleißige dich, die Tora zu lernen, [und wisse,] was du dem Gottesleugner zu erwidern hast. Hierzu sagte R. Joḥanan: Dies gilt nur von einem nichtjüdischen Gottesleugner, ein jisraélitischer Gottesleugner aber würde dadurch in seiner Gottlosigkeit noch mehr bestärkt werden.

14R. Joḥanan sagte: An allen Stellen, aus welchen die Minäer ihre Beweise entnehmen, findet sich die Antwort daneben. Wir wollen einen Menschen in unserem Ebenbilde machen. – Da schuf Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde. – Wohlan, wir wollen hinabfahren und daselbst ihre Sprache verwirren. – Da stieg der Herr hinab, um die Stadt und den Turm zu besehen. – Daselbst hatten sich ihm Gott offenbart. – Dem Gott, der mich erhört hat in der Zeit meiner Drangsal. –

15Denn wo wäre irgend eine große Nation, die Götter hätte, die ihr nahe sind, wie der Herr, unser Gott, so oft wir ihn anrufen. – Und wo gleicht deinem Volke Jisraél irgend eine andere Nation auf Erden, die ein Gott sich zum Volke zu erkaufen gegangen war. – Bis Thronsessel hingestellt wurden. – Und ein Hochbetagter sich niederließ. –

16Wozu sind jene nötig? – Nach einer Lehre R. Joḥanans, denn K. Joḥanan sagte: Der Heilige, gepriesen sei er, tue nichts, bevor er sich mit seinem oberen Gefolge berät, denn es heißt: dieser Spruch beruht auf dem Beschlüsse der Wachengel, und im Gespräche der Heiligen beratschlagt. –

17Erklärlich ist dies hei all jenen [Schriftversen], wie ist dies aber bei den aufgestellten Thronsesseln zu erklären!? – Einer für ihn und einer für David. Es wird nämlich gelehrt: Einer für ihn und einer für David – so R. A͑qiba. R. Jose sprach zu ihm: A͑qiba, wie lange noch wirst du die Göttlichkeit profanieren!? Vielmehr, einer für die Gerechtigkeit und einer für die Milde. –

18Hat er [diese Erwiderung] anerkannt oder hat er sie nicht anerkannt? – Komm und höre: Einer für die Gerechtigkeit und einer für die Milde – so R. A͑qiba. R. Elea͑zar b. A͑zarja sprach zu ihm: A͑qiba, was hast du mit der Agada zu tun, begib dich lieber zu [den Lehren über die Unreinheit durch] Aussatz und Bezeltung. Vielmehr, einer als Stuhl und einer als Schemel. Einer als Stuhl, zum Sitzen, und einer als Schemel, zum Auflegen der Füße.

19R. Naḥman sagte: Wer den Minäern zu antworten versteht, wie R. Idith, tue dies, wer aber nicht, antworte ihnen überhaupt nicht. Ein Minäer sprach einst zu R. Idith: Es heißt: und zu Moše sprach er: Steige zum Herrn hinauf; es sollte ja heißen: zu mir!? Dieser erwiderte: Dies [sagte] Meṭaṭron, dessen Name dem Namen seines Herrn gleicht, wie es heißt: denn mein Name ist in ihm. –

20Demnach sollte man ihn anbeten!? – Es heißt: sei nicht widerspenstig gegen ihn, verwechsle mich nicht mit ihm. – Wieso heißt es demnach: denn er wird eure Übertretungen nicht verzeihen !? Dieser erwiderte: Bei meiner Treu, wir wollen ihn nicht einmal als Faktotum anerkennen, denn es heißt: da sprach er zu ihm: Wenn du nicht in Person mitgehst &c.

21Ein Minäer sprach einst zu R. Jišma͑él b. Jose: Es heißt: der Herr aber ließ auf Sedom und A͑mora Schwefel und Feuer regnen vom Herrn aus; es sollte ja heißen: von ihm aus!? Da sprach ein Wäscher zu ihm: Laß ihn, ich will ihm antworten. Es heißt: da sprach Lemekh zu seinen Frauen: A͑da und Çila, höret meine Worte, Frauen Lemekhs; es sollte ja heißen: meine Frauen; du mußt also erklären, dies sei die erzählende Form der Schrift, ebenso ist es auch hierbei die erzählende Form der Schrift. Jener fragte ihn: Woher weißt du dies? – Ich hörte dies in einem Vortrage R. Meírs,

22R. Joḥanan sagte nämlich, der Vortrag R. Meírs zerfiel in drei Teile: ein Drittel Halakha, ein Drittel Agada und ein Drittel Gleichnisse. Ferner sagte R. Joḥanan: Dreihundert Fuchsfabeln hatte R. Meír, während uns sich nur die erhalten hat, [in der drei Schriftverse] vorkommen.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.