Sanhedrin — Blatt 39a

1Die Väter aßen saure Trauben und die Zähne der Kinder werden stumpf. Eine richtige Wage und richtige Gewichtsteine. Der Fromme wird aus der Not erlöst, und der Gottlose kommt an seine Stelle .

2Der Kaiser sprach zu R. Gamliél: Euer Gott ist ein Dieb, denn es heißt: da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, und er schlief ein . Da sprach seine Tochter zu ihm: Laß ihn, ich will ihm Antwort geben. Hierauf sprach sie zu jenem: Stelle mir einen Vogt zur Verfügung. Jener fragte sie: Wozu brauchst du ihn? – Räuber überfielen uns diese Nacht; sie nahmen uns einen silbernen Pokal und ließen uns einen goldenen Pokal zurück. Er erwiderte ihr: Mögen solche doch jeden Tag kommen! – War es etwa Adam nicht lieb, daß man ihm eine Rippe fortgenommen und dafür eine Magd zur Bedienung gegeben hat!?

3Darauf erwiderte er ihr: Ich meine es so: er sollte sie ihm doch öffentlich genommen haben!? Hierauf sprach sie zu ihm: Holt mir ein Stück rohes Fleisch. Da holte man es ihr und sie nahm es unter den Arm, holte es hervor und sprach zu ihm: Iß davon! Er erwiderte ihr: Es ist mir ekelhaft. Da sprach sie zu ihm: Bei Adam dem Urmenschen verhielt es sich ebenso; hätte man ihm [die Rippe] öffentlich genommen, so wäre ihm [das Weib] ekelhaft.

4Der Kaiser sprach zu R. Gamliél: Ich weiß, was euer Gott tut und wo er sich befindet. Darauf seufzte dieser und stöhnte. Jener fragte: Weshalb dies? Dieser erwiderte: Ich habe einen Sohn in den überseeischen Ländern und habe Sehnsucht nach ihm; ich wünschte, daß du mir ihn zeigtest. Jener sprach: Weiß ich denn, wo er weilt!? Da erwiderte dieser: Du weißt nicht, was auf der Erde vorgeht, und was auf dem Himmel vorgeht, willst du wissen!?

5Der Kaiser sprach zu R. Gamliél: Es heißt: er zählt die Zahl der Sterne; was ist dies für eine Großtat, auch ich kann die Sterne zählen!? Da holte er Quitten und legte sie in ein Sieb, und indem er sie schüttelte, sprach er zu ihm: Zähle sie! Jener sprach: Halte sie ruhig. Dieser erwiderte: Die [Sterne am] Himmel bewegen sich ja ebenfalls.

6Manche erzählen, er habe zu ihm wie folgt gesprochen: Mir ist die Anzahl der Sterne bekannt. Dieser erwiderte ihm: Sage mir, wieviel Backenzähne und Schneidezähne du hast. Da steckte jener die Hand in den Mund und zählte sie. Darauf sprach dieser zu ihm: Du weißt nicht, was in deinem Munde ist, und was auf dem Himmel ist, willst du wissen!

7Der Kaiser sprach zu R. Gamliél: Wer die Berge erschuf, erschuf nicht den Wind, denn es heißt: denn fürwahr, er hat die Berge gebildet und den Wind geschaffen. – Beim Menschen heißt es ja ebenfalls er schuf und er bildete, demnach wäre auch bei diesem zu erklären, wer das eine [Glied] erschuf, erschuf das andere nicht!?

8Zwei verschiedene Löcher hat der menschliche Körper auf einem Räume von einer Handbreite; willst du etwa auch hierbei sagen, wer das eine erschuf, erschuf das andere nicht, denn es heißt: der das Ohr gepflanzt hat, sollte nicht hören, der das Auge gebildet, sollte der nicht sehen!? Jener erwiderte: Freilich. Dieser entgegnete: Sollten sie bei seinem Tode Freundschaft geschlossen haben!?

9Einst sprach ein Magier zu Amemar: Deine obere Hälfte gehört Ormuzd und deine untere Hälfte gehört Ahriman. Dieser erwiderte ihm: Wieso gestattet demnach Ahriman dem Ormuzd, das Wasser durch sein Gebiet abfließen zu lassen?

10Der Kaiser sprach zu R. Tanḥum: Komm, wir wollen alle zu einem Volke werden. Dieser erwiderte ihm: Gut, aber wir, die wir beschnitten sind, können nicht wie ihr werden, daher müßt ihr euch beschneiden lassen und wie wir werden. Jener entgegnete: Recht hast du zwar, wer aber den König besiegt, den werfe man in den Tierkäfig. Hierauf warf man ihn in den Tierkäfig, und [die Tiere] fraßen ihn nicht. Da sprach ein Minäer; Sie fressen ihn deshalb nicht, weil sie nicht hungrig sind. Hierauf warfen sie ihn selbst hinein, und sie fraßen ihn auf.

11Der Kaiser sprach zu R. Gamliél: Ihr sagt, unter zehn [Personen] weile die Göttlichkeit, wie viele Göttlichkeiten gibt es denn!? Da rief dieser den Diener und schlug ihn auf den Hals, [indem er zu ihm sprach:] Weshalb scheint die Sonne in das Haus des Kaisers!? Er erwiderte: Die Sonne scheint ja über die ganze Welt! – Wenn die Sonne, einer der vielen Diener vor dem Heiligen, gepriesen sei er, über die ganze Welt scheint, um wieviel mehr die Göttlichkeit selbst.

12Ein Minäer sprach zu R. Abahu: Euer Gott ist ein Spaßmacher, denn er sprach zu Jeḥezqel: lege dich auf deine linke Seite, und darauf folgt: lege dich auf deine rechte Seite. Da kam ein Jünger und fragte ihn nach dem Grunde [des Gesetzes] vom Siebentjahre. Er erwiderte: Ich will euch etwas sagen, befriedigend für euch beide.

13Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu den Jisraéliten: Säet sechs Jahre und das siebente Jahr lasset [den Boden] brach, damit ihr wisset, daß das Land mir gehöre. Sie aber handelten nicht so, sondern sündigten, und sie wurden verbannt. Der Gang dieser Welt ist wie folgt. Wenn eine Provinz sich gegen einen König aus Fleisch und Blut vergeht, so tötet er, wenn er ein Tyrann ist, die ganze [Einwohnerschaft], und wenn er milde ist, nur die Hälfte; ist er aber sehr milde, so bestraft er nur die Großen unter ihnen durch Züchtigungen. Ebenso strafte der Heilige, gepriesen sei er, Jeḥezqel, um die Sünden der Jisraéliten wegzuspülen.

14Ein Minäer sprach zu R. Abahu: Euer Gott ist ja ein Priester, denn es heißt: sie sollen mir eine Hebe entrichten, wo nahm er das Tauchbad, als er Moše bestattet hatte; wenn etwa im Wasser, so heißt es ja: wer hat mit seiner hohlen Hand das Wasser gemessen!?

15Dieser erwiderte: Er tauchte im Feuer unter, wie es heißt: denn fürwahr, der Herr wird im Feuer kommen. – Ist denn das Untertauchen im Feuer gültig!? Dieser erwiderte: Im Gegenteil, das Untertauchen maßte ja vornehmlich im Feuer erfolgen, denn es heißt: alles aber, was das Feuer nicht verträgt, müßt ihr durch das Wasser gehen lassen.

16Ein Minäer sprach zu R. Abina: Es heißt: und wo gleicht auf Erden deinem Volke Jisraél irgend eine andere Nation; wo ist denn euer Vorzug, ihr gehört ja mit zu uns, denn es heißt: alle Völker sind wie nichts vor ihm. Dieser erwiderte ihm: Die eurigen bekunden über uns:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.