Sanhedrin — Blatt 43a
1und die Kinder Jisraél-taten, wie Gott dem Moše befohlen hatte. –
2Worauf deuten demnach [die Worte:] und sie bewarfen ihn mit Steinen!? – Diese sind für die folgende Lehre zu verwenden: Sie bewarfen ihn mit Steinen, ihn, nicht aber sein Gewand; mit einem Steine, wenn er bei einem Steine tot ist, so genügt einer.
3Und sowohl [die Einzahl] Stein als auch [die Mehrzahl] Steine ist nötig. Würde der Allbarmherzige nur Stein geschrieben haben, so könnte man glauben, wenn er durch einen nicht tot ist, hole man keinen anderen, um ihn zu töten, daher heißt es Steine. Und würde der Allbarmherzige nur Steine geschrieben haben, so könnte man glauben, man hole von vornherein zwei, daher heißt es Stein. –
4Jener Autor folgert dies ja aber [aus einer Wortanalogie]!? – Er meint es in dem Falle, wenn wir dies nicht aus der Schrift gewußt hätten: hätten wir es nicht aus der Schrift selber gewußt, so könnten wir es durch eine Wortanalogie folgern, da wir es aber aus der Schrift wissen, so ist die Wortanalogie nicht nötig.
5R. Aši erklärte: Moše saß im levitischen Lager, und der Allbarmherzige sprach zu ihm: führe den Lästerer hinaus, also außerhalb des levitischen Lagers; außerhalb des Lagers, außerhalb des jisraélitischen Lagers. Und sie führten den Lästerer hinaus, sie vollbrachten es. –
6Bezüglich der Vollbringung heißt es ja ausdrücklich: und die Kinder Jisraél taten, wie Gott dem Moše befohlen hatte!? – Dies ist wegen des Stutzens und des Hinabstoßens nötig.
7Die Jünger sprachen zu R. Aši: Wofür sind nach deiner Erklärung all die [Wiederholungen] bringe hinaus zu verwenden, die beim zu verbrennenden Farren gebraucht werden!? – Ein Einwand.
8EINER STEHT &C. R. Hona sagte: Es ist mir klar, daß sowohl der Stein, mit dem er gesteinigt wird, als auch der Galgen, an dem er aufgehängt wird, als auch das Schwert, mit dem er getötet wird, als auch das Sudarium, mit dem er erdrosselt wird, sämtlich auf Kosten der Gemeinde angeschafft werden, denn man kann ja zu ihm nicht sagen, daß er [diese Dinge] selber besorge und sich töte;
9aber folgendes fragte R. Hona: auf wessen Kosten wird das Sudarium zum Schwenken und das Pferd zum Hinrennen, um ihn zurückzuhalten, angeschafft: auf seine, da dies zu seiner Rettung erfolgt, oder auf Kosten des Gerichtes, da dieses verpflichtet ist, für seine Rettung zu sorgen?
10Ferner: R. Ḥija b. Aši sagte im Namen R. Ḥisdas, daß man dem zur Hinrichtung Hinausgeführten einen Becher Wein mit etwas Weihrauch vermischt reiche, damit ihm das Bewußtsein verwirrt werde, wie es heißt: gebt Rauschtrank dem, der am Untergehen ist, und Wein solchen, deren Seele betrübt ist, und hierzu wird gelehrt, daß vornehme Frauen in Jerušalem diesen zu spenden und zu bringen pflegten; auf wessen Kosten wird dies besorgt, wenn die vornehmen Frauen ihn nicht spenden? – Davon ist es entschieden einleuchtend, daß er auf Kosten der Gemeinde zu besorgen ist, denn es heißt gebt, also von ihrem.
11R. Aḥa b. R. Hona fragte R. Šešeth: Wie ist es, wenn einer von den Schülern sagt, er habe etwas zu seinen Gunsten vorzubringen, und stumm wird? Da wehrte R. Šešeth dies mit der Hand ab: demnach könnte sich ja auch jemand am Ende der Welt befinden. – Da sagt es niemand, während er es in diesem Falle sagt; wie ist es nun? –
12Komm und höre: R. Jose b. Ḥanina sagte, wenn einer von den Schülern für Freisprechung stimmt und darauf stirbt, sei es ebenso, als befände er sich lebend auf seinem Platze. Nur wenn er für Freisprechung stimmt, sonst aber nicht. –
13Wenn er für Freisprechung eintritt, ist es mir auch klar, fraglich ist es nur, wenn er dies nur gesagt hat.
14UND AUCH WENN ER SELBER &C. Also selbst das erste und das zweite Mal, und [dem widersprechend] wird gelehrt, das erste und das zweite Mal führe man ihn zurück, einerlei ob seine Worte erheblich sind oder nicht, von weiter ab führe man ihn nur dann zurück, wenn seine Worte erheblich sind, sonst aber nicht!?
15R. Papa erwiderte: Beziehe dies auf das zweite Mal und weiter. –
16Woher weiß man dies? Abajje erwiderte: Man gebe ihm ein Paar Gelehrte mit; sind seine Worte erheblich, so ist es recht, sonst aber nicht. –
17Sollte man sie ihm doch von vornherein mitgeben!? – Da er verängstigt ist, so kann er nicht alles sagen, was er vorzubringen hat.
18BEFINDET MAN IHN FÜR FREISPRECHUNG, SO ENTLÄSST MAN IHN, WENN ABER NICHT, SO FÜHRT MAN IHN ZUR STEINIGUNG HINAUS. VORHER RUFT EIN HEROLD AUS: N., DER SOHN DES N., WIRD ZUR STEINIGUNG HINAUSGEFÜHRT, WEIL ER JENES UND JENES VERBRECHEN BEGANGEN HAT, UND N. UND N. SIND ZEUGEN; WER ETWAS ZU SEINER VERTEIDIGUNG WEISS, KOMME UND BRINGE ES VOR.
19GEMARA. Abajje sagte: Er muß auch ausrufen: An jenem Tage, in jener Stunde und an jenem Orte; damit derjenige, der sie als Falschzeugen überführen kann, komme und dies tue.
20VORHER RUFT EIN HEROLD AUS. Also nur [unmittelbar] vorher, früher aber nicht, und [dem widersprechend] wird gelehrt: Am Vorabend des Pesaḥfestes henkte man Ješu. Vierzig Tage vorher hatte der Herold ausgerufen: Er wird zur Steinigung hinausgeführt, weil er Zauberei getrieben und Jisraél verführt und abtrünnig gemacht hat; wer etwas zu seiner Verteidigung zu sagen hat, der komme und bringe es vor. Da aber nichts zu seiner Verteidigung vorgebracht wurde, so henkte man ihn am Vorabend des Pesaḥfestes!?
21U͑la erwiderte: Glaubst du denn, daß für ihn überhaupt eine Verteidigung anzustreben war, er war ja ein Verführer und der Allbarmherzige sagt: du sollst seiner nicht schonen, und seine Schuld nicht verheimlichen, vielmehr war es bei Ješu anders, da er der Regierung nahe stand.
22Die Rabbanan lehrten: Fünf Jünger hatte Ješu: Mathaj, Naqaj, Neçer, Bunni und Thoda. Als man Mathaj vorführte, sprach er zu ihnen: Wie sollte Mathaj hingerichtet werden, es heißt ja: wann [mathaj] werde ich kommen und vor dem Antlitz Gottes erscheinen? Sie erwiderten ihm: Jawohl, Mathaj soll hingerichtet werden, denn es heißt: wann [mathaj] wird er getötet wenden und sein Name untergehen.
23Als man Naqaj vorführte, sprach er zu ihnen: Wie sollte Naqaj hingerichtet werden, es heißt ja: den Unschuldigen [naqi] und den Gerechten sollst du nicht umbringen!? – Jawohl, Naqaj soll hingerichtet werden, denn es heißt: insgeheim mordet naqi .
24Als man Neçer vorführte, sprach er: Wie sollte Neçer hingerichtet werden, es heißt ja: ein Zweig [neçer] wird aus seiner Wurzel hervorbrechen!? Sie erwiderten ihm: Jawohl, Neçer soll hingerichtet werden, denn es heißt: du aber bist aus deinem Grabe hinausgeworfen worden, wie ein verabscheuter Zweig [neçer].
25Als man Bunni vorführte, sprach er: Wie sollte Bunni hingerichtet werden, es heißt ja: Jisraél ist mein Sohn [beni], mein Erstgeborener!? Sie erwiderten ihm: Jawohl, Bunni soll hingerichtet werden, denn es heißt: ich werde deinen erstgeborenen Sohn [bin-kha] töten.
26Als man Thoda vorführte, sprach er: Wie sollte Thoda hingerichtet werden, es heißt ja: ein Psalm für Dankopfer[toda]!? Sie erwiderten ihm: Jawohl, Thoda soll hingerichtet werden, denn es heißt: wer ein Dankopfer [toda] schlachtet, ehrt mich.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.