Sanhedrin — Blatt 45a
1GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Einem Manne bedecke man vorn einen Körperteil, einem Weibe bedecke man zwei Körperteile, sowohl vorn als auch hinten, weil sie ganz Scham ist – so R. Jehuda; die Weisen sagen, ein Mann werde nackt gesteinigt und ein Weib werde nicht nackt gesteinigt. –
2Was ist der Grund der Rabbanan!? – Die Schrift sagt: sie sollen ihn steinigen; was heißt ihn;
3wollte man sagen, ihn und nicht sie, so beißt es ja: so sollst du jenen Mann oder jene Frau hinausführen; vielmehr besagt das ihn: nur ihn ohne Gewand, sie aber mit einem Gewände. R. Jehuda aber erklärt: ihn, ohne Gewand, einerlei ob Mann oder Frau. –
4Demnach berücksichtigen die Rabbanan [sündhafte] Gedanken, R. Jehuda aber nicht, und wir wissen ja von ihnen, daß sie entgegengesetzter Ansicht sind!? Wir haben nämlich gelernt: Der Priester erfaßt sie am Gewände, wenn es zerreißt, so ist nichts dabei, wenn es sich auftrennt, ist nichts dabei, sodaß er ihren Busen entblößt, und löst ihr Haar auf. R. Jehuda sagt, hat sie einen schönen Busen, so entblöße er ihn nicht, hat sie schönes Haar, so löse er es nicht auf!
5Rabba erwiderte: Da aus dem Grunde, weil sie das Gericht als unschuldig verlassen könnte, und die jungen Priester könnten durch sie in Lüsternheit geraten, hierbei aber wird sie ja hingerichtet. Wolltest du erwidern: [auch hierbei] könnte durch sie die Lüsternheit zu einer anderen aufgestachelt werden, so sagte ja Rabba, es sei bekannt, daß der böse Trieb Gewalt habe nur über das, was man mit den Augen sieht!?
6Raba entgegnete: Befindet sich denn nur R. Jehuda im Widersprüche mit sich selbst und nicht auch die Rabbanan!? Vielmehr, erklärte Raba, R. Jehuda befindet sich nicht im Widerspruche mit sich selbst, wie wir bereits erklärt haben,
7und die Rabbanan befinden sich ebenfalls nicht im Widerspruche mit sich selbst, denn da sagt die Schrift: damit alle Frauen sich warnen lassen und nicht wieder Unzucht treiben, hierbei aber gibt es ja keine größere Warnung als dies.
8Wolltest du einwenden, man sollte sie mit beidem bestrafen, so sagte ja R. Naḥman im Namen des Rabba b. Abuha: Die Schrift sagt: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, wähle für ihn einen leichten Tod. –
9Es wäre also anzunehmen, daß über die Lehre R. Naḥmans Tannaím streiten? – Nein, alle halten sie von der Lehre R. Naḥmans, und hierbei besteht ihr Streit in folgendem: einer ist der Ansicht, die [Vermeidung der] Schande ist einem lieber als die Erleichterung der körperlichen Qual, und einer ist der Ansicht, die Erleichterung der körperlichen Qual ist einem lieber als die [Vermeidung der] Schande.
10DIE STEINIGUNGSSTEILE WAR ZWEI MANNESHÖHEN HOCH. EINER DER ZEUGEN STÖSST IHN HÜFTLINGS HINAB; FÄLLTER AUF DAS HERZ, SO DREHE MAN IHN HÜFTLINGS UM. IST ER TOT, SO IST DER PFLICHT GENÜGT,
11WENN ABER NICHT, SO NIMMT DER ANDERE EINEN STEIN UND WIRFT IHM AUF DAS HERZ; IST ER DANN TOT, SO IST DER PFLICHT GENÜGT, WENN ABER NICHT, SO ERFOLGT SEINE STEINIGUNG DURCH GANZ JISRAÉL, WIE ES HEISST: die Zeugen sollen zuerst die Hand gegen ihn erheben, um ihn zu töten, und darnach das ganze Volk.
12GEMARA. Es wird gelehrt: Und seine eigene Höhe, das sind also drei. – Ist denn eine solche [Höhe] erforderlich, ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Wie eine Grube so [tief] ist, daß sie den Tod zur Folge hat, nämlich zehn Handbreiten, ebenso auch alles andere, wenn es so [tief] ist, daß es den Tod zur Folge hat, nämlich zehn Handbreiten!?
13R. Naḥman erwiderte im Namen des Rabba b. Abuha: Die Schrift sagt: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, wähle für ihn einen leichten Tod. – Demnach sollte sie höher sein!? – [Die Leiche] würde verunstaltet werden.
14EINER DER ZEUGEN STÖSST IHN HINAB. Die Rabbanan lehrten: Woher, daß es durch hinabstoßen erfolgt war? Es heißt: geschleudert werden. Woher, daß durch Steinigung? Es heißt: gesteinigt werden.
15Woher, daß durch Steinigung und Hinabstoßen? Es heißt: gesteinigt oder geschleudert werden. Woher, daß der Pflicht genügt war, wenn er durch das Hinabstoßen getötet werde? Es heißt: geschleudert werden. Woher, daß es durch hinabstoßen erfolgt war?
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.