Sanhedrin — Blatt 46b

1SIE HIELTEN KEINE TRAUER, SONDERN TRUGEN NUR IHR LEID, DENN DAS LEID TRÄGT MAN NUR IM HERZEN.

2GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Würde es geheißen haben: Verbrechen begangen, und sollst ihn aufhängen, so würde ich gesagt haben, zuerst aufhängen und nachher töten, wie es die Regierung macht, es heißt aber: getötet und aufgehenkt, zuerst töte man ihn, nachher hänge man ihn auf. Wie verfährt man dabei? Man hält das Urteil bis Sonnenuntergang zurück, sodann fällt man es und richtet ihn hin; hierauf hängt man ihn auf, indem einer ihn aufknüpft und ein anderer ablöst, nur um dem Gebote des Aufhängens zu genügen.

3Die Rabbanan lehrten: Holz, man könnte glauben, sowohl ein loser als auch ein am Boden haftender, so heißt es: sondern begraben, nur einer, der nur des Begrabens benötigt, ausgenommen dieser, der noch des Abhauens und des Begrabens benötigt.

4R. Jose erklärte: Nur einer, der nur des Begrabens benötigt, ausgenommen einer, der noch des Herausziehens und des Begrabens benötigt. – Und die Rabbanan!? – Das Herausziehen ist nichts.

5DIES HEISST: DIESER WURDE DESHALB GEHENKT, WEIL &C. GELÄSTERT HAT. Es wird gelehrt: R. Meír sagte ein Gleichnis: Einst waren zwei Zwillingsbrüder in einer Stadt, einer wurde zum Könige eingesetzt und einer wurde Straßenräuber. Da befahl der König, und man henkte ihn. Wer ihn aber sah, sagte: Da hängt der König. Da befahl der König, und man nahm ihn herunter.

6R. MEÍR SAGTE &C. Wieso geht dies hieraus hervor? Abajje erwiderte: Als ob jemand sagt: es fällt nicht leicht. Raba entgegnete ihm: So sollte er sagen: mein Kopf ist mir schwer, mein Arm ist mir schwer!? Vielmehr, erklärte Raba, als ob jemand sagt: die Welt ist mir leicht. –

7Aber dies ist ja an sich nötig!? – Es könnte ja Lästerer heißen, während es Lästerung heißt. – Vielleicht deutet dies nur darauf hin!? – Demnach könnte es ja qilath heißen, wenn es aber qilelath [Lästerung] heißt, so ist hieraus beides zu entnehmen.

8UND NICHT NUR HIERBEI &C. R. Joḥanan sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Woher, daß, wer seinen Toten über Nacht liegen läßt, ein Verbot übertrete? Es heißt: (begraben) sollst du ihn begraben; hieraus, daß, wer seinen Toten über Nacht liegen läßt, ein Verbot begehe.

9Manche lesen: R. Joḥanan sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Wo finden wir in der Tora eine Andeutung für die Bestattung? Es heißt: (begraben) sollst du ihn begraben; hier findet sich in der Tora eine Andeutung für die Bestattung.

10Der König Sapor sprach zu R. Ḥama: Wieso ist die Bestattung aus der Tora zu entnehmen? Da schwieg er und wußte ihm nichts zu antworten. R. Aḥa b. Ja͑qob sagte: Die Welt ist den Toren anvertraut worden; er könnte ihm ja erwidert haben: [Es heißt:] denn bestatten. – Vielleicht [besagt dies] nur,

11daß man für ihn einen Sarg fertige!? – [Es heißt auch:] sollst du ihn bestatten . – Dies würde ihm nicht eingeleuchtet haben. –

12Sollte er ihm erwidert haben: aus dem, daß die Frommen bestattet wurden. – Dies war vielleicht nur ein Brauch. – Aus dem, daß der Heilige, gepriesen sei er, Moše bestattete!? – Er wollte vom Brauche nicht abweichen. –

13Komm und höre: Und ganz Jisraél wird ihn beklagen, und man wird ihn bestatten!? – Es sollte vom Brauche nicht abgewichen werden. –

14Sie werden nicht beklagt und nicht bestattet werden , als Mist auf dem Boden sollen sie dienen!? – Es sollte bei ihnen vom Brauche abgewichen werden.

15Sie fragten: Erfolgt die Bestattung wegen der Schändung oder als Sühne? –

16In welcher Hinsicht ist dies von Bedeutung? – Wenn jemand sagt, er wolle nicht, daß man ihn bestatte. Wenn du wegen der Schändung sagst, so ist dies nicht zulässig, wenn du aber als Sühne sagst, so sagte er ja, daß er keine Sühne haben wolle. Wie ist es nun? –

17Komm und höre: Die Frommen wurden ja ebenfalls bestattet; brauchten denn, wenn man sagen wollte, dies erfolge als Sühne, die Frommen einer Sühne? – Freilich, es heißt: denn es gibt keinen Frommen auf Erden, der nur Gutes täte und nicht sündigte. –

18Komm und höre: und ganz Jisraél wird ihn beklagen und man wird ihn bestatten; wenn man sagen wollte, dies sei eine Sühne, so sollten auch die anderen bestattet werden, damit sie Sühne erlangen!? – Dieser, der ein Frommer war, sollte Sühne erlangen, die anderen aber sollten keine Sühne erlangen. –

19Komm und höre: Sie werden nicht betrauert und nicht bestattet werden. – Sie werden keine Sühne erlangen.

20Sie fragten: Erfolgt die Trauer zur Ehrung der Lebenden oder zur Ehrung des Toten? – In welcher Hinsicht ist dies von Bedeutung? – Wenn jemand sagt, daß man über ihn keine Trauer halte; oder auch, ob man sich nach den Hinterbliebenen richte. –

21Komm und höre: Da kam Abraham, um Sara zu beklagen und sie zu beweinen. Wieso hatte man, wenn du sagen wolltest, es erfolge zur Ehrung der Lebenden, zur Ehrung Abrahams Sara liegen lassen!? – Sara selbst war es lieb, daß Abraham durch sie geehrt werde. –

22Komm und höre: Und ganz Jisraél wird ihn beklagen und man wird ihn bestatten; waren denn jene, wenn du nun sagen wolltest, zur Ehrung der Lebenden, der Ehrung würdig!? – Den Frommen ist es lieb, daß die Menschen durch sie geehrt werden. –

23Komm und höre: Sie werden nicht beklagt und nicht bestattet werden. – Den Frommen ist es nicht lieb, durch Frevler geehrt zu werden. –

24Komm und höre: In Frieden wirst du sterben, und wie man über deine Väter, die vorigen Könige, die vor dir waren, gebrannt hat, so wird man auch über dich brennen, und man wird über dich klagen: Ach, Gebieter! Dies könnte ihm doch gleich sein, wenn du sagen wolltest, es erfolge zur Ehrung der Lebenden. – Er sprach zu ihm, wie folgt: Jisraél wird durch dich geehrt sein, wie es durch deine Vorfahren geehrt war. –

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.