Sanhedrin — Blatt 47a
1Komm und höre: Der in seinen Augenverächtlich und verschmäht ist, das ist Ḥizqijahu, König von Jehuda, der die Gebeine seines Vaters auf einer Strickbahre schleifen ließ; wieso tat er dies, wenn du sagen wolltest, es erfolge zur Ehrung der Lebenden!? –
2Um seinem Vater Sühne zu verschaffen. – Sollte er denn, um seinem Vater Sühne zu verschaffen, die Ehrung Jisraéls beeinträchtigt haben!? – Jisraél selbst war es lieb, daß um seinethalben ihre Ehrung beeinträchtigt würde. –
3Komm und höre: Er sprach zu ihnen: haltet über mich keine Trauerreden in den kleinen Städtchen. Dies konnte ihm doch gleich sein, wenn du sagen wolltest, es erfolge zur Ehrung der Lebenden!? – Er wünschte, daß Jisraél durch ihn in größeren Massen geehrt werde. –
4Komm und höre: Läßt man ihn zu seiner Ehrung liegen, um für ihn Sarg und Totengewand zu holen, so übertritt man kein Verbot. Doch wohl zur Ehrung des Toten!? – Nein, zur Ehrung der Lebenden. –
5Darf man denn zur Ehrung der Lebenden den Toten über Nacht liegen lassen!? – Freilich; wenn der Allbarmherzige sagt: sein Leichnam soll nicht über Nacht am Holze bleiben, so ist dies nur, wie beim Gehenkten, zum Zwecke der Schändung verboten, nicht aber in diesem Falle, wo dies keine Schändung ist. –
6Komm und höre: Läßt man ihn zu seiner Ehrung über Nacht liegen, um seinetwegen [Leute aus den] Städten zu versammeln, um für ihn Klagefrauen zu holen, um für ihn Sarg und Totengewand zu holen, so übertritt man kein Verbot, denn dies alles erfolgt nur zur Ehrung des Toten. – Er meint es wie folgt: was zur Ehrung der Lebenden geschieht, gilt nicht als Schändung des Toten. –
7Komm und höre: R. Nathan sagt: Es ist ein gutes Zeichen für den Toten, wenn er nach dem Tode bestraft wird. Stirbt er ohne beklagt oder ohne bestattet zu werden, oder verschleppt ihn ein wildes Tier, oder schlägt Regen auf seine Bahre nieder, so ist dies ein gutes Zeichen für den Toten. Schließe hieraus, daß dies zur Ehrung das Toten erfolgt. Schließe hieraus.
8MAN BEGRUB IHN NICHT &C. Weshalb dies? – Weil man keinen Frevler neben einem Frommen begraben darf. R. Aḥa b. Ḥanina sagte nämlich: Woher, daß man nicht einen Frevler neben einem Frommen begraben dürfe? Es heißt: als sie nun eben einen Mann begraben wollten, erblickten sie plötzlich eine Streifschar. Da warfen sie den Mann in Eliša͑s Gruft. Als aber der Mann die Gebeine Eliša͑s berührte, ward er wieder lebendig und stellte sich auf seine Füße.
9R. Papa entgegnete ihm: Vielleicht deshalb, damit in Erfüllung gehe [der Schriftvers:] möchte mir denn ein doppelter Anteil an deinem Geiste zuteil werden !? Jener erwiderte ihm: Wenn dem so wäre, was sollte die Lehre, daß er sich zwar auf seine Füße stellte, jedoch nicht heimkehrte!? –
10Wieso heißt es demnach: möchte mir denn ein doppelter Anteil an deinem Geiste zuteil werden, wo finden wir denn, daß er [zwei] Tote belebt hätte!? R. Joḥanan erwiderte: Er heilte Na͑man von seinem Aussatze, der den Tod aufwiegt, wie es heißt: laß sie nicht werden wie ein Toter.
11Und wie man nicht einen Frevler neben einem Frommen begraben darf, ebenso darf man nicht einen schweren Frevler neben einem leichten Frevler begraben. – Sollte man demnach vier Begräbnisplätze errichtet haben!? – Es gab eine überlieferte Lehre von zwei Grabstätten.
12U͑la sagte im Namen R. Joḥanans: Wenn jemand Talg gegessen und dieserhalb ein Opfer reserviert hat, dann abtrünnig wird und sich darauf bekehrt, so wird [das Opfer], da es verdrängt war, vollständig verdrängt.
13Desgleichen wird auch gelehrt: R. Jirmeja sagte im Namen R. Abahus im Namen R. Joḥanans: Wenn jemand Talg gegessen und dieserhalb ein Opfer reserviert hat, dann blöde und wieder gesund wurde, so wird [das Opfer], da es einmal verdrängt war, vollständig verdrängt.
14Und beides ist nötig. Würde er nur das erste gelehrt haben, so könnte man glauben, weil er sich willig verdrängt hat, nicht aber [beim Irrsinnigen], bei dem es von selbst gekommen ist, der somit nur einem Schlafenden gleicht.
15Und würde er nur das andere gelehrt haben, so könnte man glauben, weil er nicht in der Lage ist zurückzutreten, nicht aber da, wo er zurücktreten kann. Daher ist beides nötig.
16R. Joseph sagte: Auch wir haben demgemäß gelernt: Ist da Geheiligtes vorhanden, so ist es, wenn Geheiligtes für den Altar, verenden zu lassen, und wenn Geheiligtes für den Reparaturfonds, auszulösen. Dagegen wandten wir ein: Weshalb sind sie verenden zu lassen, sobald [die Einwohner] getötet werden, erlangen sie ja Sühne, somit sollten [die Opfer] Gott dargebracht werden!? Doch wohl deshalb, weil wir sagen: da sie einmal verdrängt waren, werden sie vollständig verdrängt.
17Abajje entgegnete ihm: Glaubst du etwa, daß, wer in seiner Gottlosigkeit stirbt, Sühne erlange; wer in seiner Gottlosigkeit stirbt, erlangt keine Sühne. So lehrte auch R. Šema͑ja: Man könnte glauben, er dürfe sich auch dann an seinen Eltern verunreinigen, wenn sie sich von den Bräuchen der Gemeinde abgesondert haben, so heißt es: in seinem Volke, nur wenn sie nach den Bräuchen ihres Volkes handeln.
18Raba erwiderte ihm: Wieso kannst du den, der wegen seiner Gottlosigkeit hingerichtet wird, mit dem vergleichen, der in seiner Gottlosigkeit stirbt!? Wer in seiner Gottlosigkeit auf gewöhnliche Weise stirbt, erlangt keine Sühne, wer aber wegen seiner Gottlosigkeit hingerichtet wird, erlangt, da er auf Ungewöhnliche Weise stirbt, wohl Sühne.
19Dies ist auch zu beweisen, denn es heißt: Ein Psalm Asaphs: Gott, Heiden sind in dein Eigentum eingefallen, haben deinen heiligen Tempel verunreinigt &c. Sie haben die Leichen deiner Knechte den Vögeln unter dem Himmel zu fressen gegeben und das Fleisch deiner Frommen den wilden Tieren. Welche heißen nun ‘Knechte’ und welche ‘Fromme’? Wahrscheinlich sind unter ‘Fromme’ wirklich Fromme zu verstehen, und unter ‘Knechte’ solche, die sich etwas zuschulden kommen ließen, sobald sie aber getötet wurden, ‘Knechte’ heißen.
20Abajje entgegnete ihm: Wieso vergleichst du
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.