Sanhedrin — Blatt 52b

1Wie steht der Gelehrte zu einem Menschen aus dem gemeinen Volke? Anfangs erscheint er ihm wie ein goldener Pokal, unterhielt er sich mit ihm, so erscheint, er ihm wie ein silberner Pokal, genoß er etwas von ihm, so erscheint er ihm wie ein irdenes Gefäß, das, wenn es zerbricht, keinen Wert mehr hat.

2Imarta, die Tochter des Ṭali, war Priesterstochter und trieb Hurerei. Da ließ R. Ḥama b. Ṭobija sie mit Reisigbündeln umgeben und verbrennen.

3R. Joseph sagte: Er irrte sich zweifach: er irrte inbetreff der Lehre R. Mathnas, und er irrte inbetreff der folgenden Lehre: Du sollst dich an die levitischen Priester und an den Richter wenden, der zu dieser Zeit vorhanden sein wird; gibt es einen Priester, so gibt es auch ein Gericht, und gibt es keinen Priester, so gibt es auch kein Gericht.

4R. ELIE͑ZER B. ÇADOQ ERZÄHLTE: EINST TRIEB EINE PRIESTERSTOCHTER HUREREI &C. R. Joseph sagte: Es war ein Saduzäisches Gericht. —

5Hat er es ihnen denn auf diese Weise erzählt und haben sie ihm denn diese Antwort gegeben, es wird ja gelehrt: R. Elie͑zer b. Çadoq erzählte: Ich erinnere mich aus meiner Kinderzeit, als ich noch auf der Schulter meines Vaters ritt, wie man einst eine Priesterstochter, die gehurt hatte, holte, sie mit Reisigbündeln umgab und verbrannte. Jene erwiderten ihm: Du warst dann ein Kind, und man holt keinen Beweis von einem Kinde!? — Es waren zwei verschiedene Ereignisse. —

6Welches erzählte er ihnen zuerst: wollte man sagen, das erste, so erzählte er ihnen ein Ereignis aus seiner Großjährigkeit und sie beachteten es nicht, wie sollten sie eines aus seiner Kindheit beachten!? —

7Vielmehr, das andere erzählte er ihnen zuerst, und sie erwiderten ihm, er sei dann ein Kind gewesen; als er ihnen aber darauf das Ereignis aus seiner Großjährigkeit erzählte, erwiderten sie ihm, das damalige Gericht sei [im Gesetze] unkundig gewesen.

8FOLGENDES IST DAS VERFAHREN BEI DER ENTHAUPTUNG. MAN SCHLÄGT IHM DEN KOPF MIT EINEM SCHWERTE AB, WIE ES DIE REGIERUNG ZU MACHEN PFLEGT. R. JEHUDA SAGT, DIES SEI EINE SCHÄNDUNG, VIELMEHR LEGT MAN IHN MIT DEM KOPFE AUF EINEN BLOCK UND SCHLÄGT IHN MIT EINEM BEILE AB. JENE ENTGEGNETEN IHM: ES GIBT KEINE SCHÄNDENDERE TODESART ALS DIESE.

9GEMARA. Es wird gelehrt: R. Jehuda erwiderte den Weisen: Auch ich weiß, daß dies eine schändende Todesart sei, was aber kann ich tun; die Tora sagt: nach ihren Satzungen sollt ihr nicht wandeln. —

10Und die Rabbanan!? — Da [die Hinrichtung durch] das Schwert schon in der Tora vorkommt, so haben wir dies nicht von ihnen gelernt.

11Es wird auch gelehrt, daß man über Könige verbrenne, und dies sei nicht als emoritische Sitte zu betrachten. Wieso darf man verbrennen, es heißt ja: nach ihren Satzungen sollt ihr nicht wandeln!? Vielmehr haben wir dies nicht von ihnen gelernt, da es heißt: wie man über deine Väter verbrannt hat &c., ebenso haben wir es auch hierbei nicht von ihnen gelernt, da [die Hinrichtung durch] das Schwert schon in der Tora vorkommt.

12Im nächsten Abschnitte haben wir gelernt: Folgende werden enthauptet: der Mörder und die Einwohner einer abtrünnigen Stadt. Allerdings heißt es von der abtrünnigen Stadt: durch das Schwert, woher dies aber vom Mörder? —

13Es wird gelehrt: Er soll gerächt werden; ich würde nicht gewußt haben, was hier unter Rache zu verstehen sei, wenn es aber heißt: ich will über euch ein Schwert bringen, das Rache nehmen soll für den Bundesbruch, so sage man, die Rache erfolge durch das Schwert. —

14Vielleicht durchbohre man ihn!? — Es heißt: durch die Schneide des Schwertes. —

15Vielleicht durchspalte man ihn!? R. Naḥman erwiderte im Namen des Rabba b. Abuha: Die Schrift sagt: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, wähle für ihn einen leichten Tod. —

16Wir wissen dies von dem Falle, wenn jemand einen Sklaven getötet hat, woher dies von dem Falle, wenn einen Freien? —

17Ist dies etwa nicht [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn jemand einen Sklaven getötet hat, so wird er durch das Schwert hingerichtet, wenn aber einen Freien, durch Erdrosselung!? —

18Allerdings nach demjenigen, welcher sagt, die Erdrosselung sei eine leichtere [Todesart], was ist aber nach demjenigen zu erwidern, welcher sagt, die Erdrosselung sei eine schwerere [Todesart]!? —

19Dies geht aus folgender Lehre hervor: Und du sollst das unschuldig vergossene Blut aus deiner Mitte hinwegtilgen; die Blutvergießenden werden mit dem genickbrochenen Kalbe verglichen: wie bei diesem [die Tötung] mit dem Schwerte und vom Halse aus erfolgt, ebenso jene, mit dem Schwerte und vom Halse aus. —

20Demnach sollte es, wie es bei diesem mit einem Beile und vom Nacken aus erfolgt, auch bei jenen mit einem Beile und vom Nacken aus erfolgen!? R. Naḥman erwiderte im Namen des Rabba b. Abuha: Die Schrift sagt: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, wähle für ihn einen leichten Tod.

21FOLGENDES IST DAS VERFAHREN BEI DER ERDROSSELUNG. MAN VERSENKT IHN IN MIST BIS AN DIE KNIE, WICKELT EIN HARTES SUDARIUM IN EIN WEICHES UND DREHT ES IHM UM DEN HALS, UND EINER ZIEHT [DAS EINE ENDE] AN SICH UND EIN ANDERER [DAS ANDERE ENDE] AN SIGH, BIS IHM DIE SEELE AUSGEHT.

22GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Wenn ein Mann, ausgenommen ein Minderjähriger, ehebrechen wird mit der Frau eines Mannes, ausgenommen die Frau eines Minderjährigen, mit der Frau seines Nächsten, ausgenommen die Frau Andersgläubiger,

23so soll er getötet werden, durch Erdrosselung. Du sagst, durch Erdrosselung, vielleicht ist dem nicht so, sondern durch eine aller anderen in der Tora genannten Todesarten? Ich will dir sagen; wenn in der Tora irgendwo vom Tode ohne nähere Bezeichnung gesprochen wird, so darfst du nicht die schwerere [Todesart] annehmen, sondern die leichtere — so R. Jošija.

24R. Jonathan sagte: Nicht weil [die Erdrosselung] leichter ist, vielmehr ist, wenn irgendwo in der Tora vom Tode ohne nähere Angabe gesprochen wird, die Erdrosselung zu verstehen.

25Rabbi erklärte: Es wird von einem Tode durch den Himmel gesprochen, und es wird von einem Tode durch Menschen gesprochen, wie nun der Tod durch den Himmel keine [äußere] Spur hinterläßt, ebenso ist auch der [unbezeichnete] Tod durch Menschen ein solcher, der keine [äußere] Spur hinterläßt. —

26Vielleicht durch Verbrennung!? — Wenn der Allbarmherzige sagt, daß die [hurende] Priesterstochter durch Verbrennung hinzurichten sei, so ist wohl eine andere nicht durch Verbrennung hinzurichten. —

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.