Sanhedrin — Blatt 61b
1er sei nicht anders als sie, und das ‘ja’ sei nur eine Verspottung.
2Von den [einander widersprechenden] Lehren aber handelt eine von dem Falle, wenn ein einzelner verleitet wird, und einer von dem Falle, wenn mehrere verleitet werden. Ein einzelner tritt nicht zurück und läßt sich von ihm beirren, mehrere aber treten zurück und lassen sich von ihm nicht beirren.
3R. Joseph sprach: Woher entnehme ich dies? Es heißt: du sollst ihm nicht willfahren und ihm nicht gehorchen, wenn er ihm aber willfahrt und ihm gehorcht, so ist er strafbar.
4Abajje wandte gegen ihn ein: Wird denn unterschieden zwischen einem Falle, wenn mehrere verleitet werden, und einem Falle, wenn einer verleitet wird, es wird ja gelehrt: Wenn dein Bruder, der Sohn deiner Mutter, dich überreden sollte; einerlei ob es einer ist, der überredet wird, oder ob es mehrere sind, nur hat die Schrift den einzelnen von den mehreren und die mehreren vom einzelnen getrennt.
5Den einzelnen von den mehreren, daß man es mit seiner Person strenger und mit seinem Vermögen leichter nehme,
6die mehreren vom einzelnen, daß man es mit ihrer Person leichter und mit ihrem Vermögen strenger nehme.
7Also nur in dieser Hinsicht sind sie von einander verschieden, in jeder anderen Hinsicht aber gleichen sie einander!?
8Vielmehr, erklärte Abajje, dies in dem Falle, wenn einer sich selbst verleitet, jenes in dem Falle, wenn er durch andere verleitet wird; wenn von selbst, so tritt er davon zurück, wenn durch andere, so folgt er ihnen.
9Abajje sagte: Woher entnehme ich dies? Es heißt: du sollst ihm nicht willfahren und ihm nicht gehorchen, wenn er ihm aber willfahrt und gehorcht, so ist er strafbar.
10Raba erklärte: Beide [Lehren] handeln von dem Falle, wenn er durch andere verleitet wird, nur spricht eine von dem Falle, wenn er ihm genau angegeben hat: das ißt er, das trinkt es, das ist sein gutes Wirken, das ist sein schlechtes Wirken, und eine von dem Falle, wenn er ihm nicht genau angegeben hat: das ißt er, das trinkt er &c.
11Raba sagte: Woher entnehme ich dies? Es heißt: von den Göttern der Völker, die rings um euch her wohnen, sei es nun in deiner Nähe &c. Welchen Unterschied gibt es zwischen Nahen und Fernen? Vielmehr meint er es wie folgt: aus der Eigenschaft der Nahen kannst du die Eigenschaft der Fernen lernen.
12Doch wohl in dem Falle, wenn er ihm genau bezeichnet hat: das ißt er, das trinkt er, das ist sein gutes Wirken, das ist sein schlechtes Wirken. Schließe hieraus.
13R. Aši erklärte: Die zweite Lehre spricht von einem abtrünnigen Jisraéliten.
14Rabina erklärte: Er lehrt: nicht nur dies, sondern auch das.
15Es wurde gelehrt: Wer einem Götzen aus Liebe oder aus Furcht dient, ist, wie Abajje sagt, schuldig, und wie Raba sagt, frei.
16Abajje sagt, er sei schuldig, denn er diente ihm ja; Raba sagt, er sei frei, denn er ist nur dann [schuldig], wenn er ihn als Gott anerkannt hat, sonst aber nicht.
17Abajje sagte: Woher entnehme ich dies? Wir haben gelernt: Der Götzendiener, einerlei, ob er ihm dient &c. Doch wohl einerlei, ob er ihm aus Liebe oder Furcht dient. —
18Und Raba!? — Er kann dir erwidern: nein, dies erkläre man so, wie es R. Jirmeja erklärt hat.
19Ferner sagte Abajje: Woher entnehme ich dies? Es wird gelehrt: Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen, vor ihnen darfst du dich nicht niederwerfen, wohl aber darfst du dich vor einem Menschen deinesgleichen niederwerfen; man könnte glauben, auch vor einem, der angebetet wird, wie Haman, so heißt es: du sollst ihnen nicht dienen. Haman aber wurde ja aus Furcht verehrt. —
20Und Raba!? — Wie Haman und nicht wie Haman; wie Haman, wie er sich selber als Gott ausgegeben hatte, und nicht wie Haman, denn bei Haman erfolgte es aus Furcht, während hier von dem Falle gesprochen wird, wenn es nicht aus Furcht erfolgt.
21Ferner sagte Abajje: Woher entnehme ich dies? Es wird gelehrt: Der gesalbte Hochpriester [bringt sein Opfer] wegen des Götzendienstes, wie Rabbi sagt, wenn er sich in der Handlung geirrt hat, und wie die Weisen sagen, wenn ihm das ganze Gesetz entfallen war;
22sie stimmen jedoch überein, daß er dessentwegen gleich einem Privaten eine Ziege darbringe; ferner stimmen sie überein, daß er kein Schuldopfer im Falle eines Zweifels darbringe.
23Was heißt nun beim Götzendienste irrtümlich: wollte man sagen, wenn er sich [vor einem Götzentempel] im Glauben, es sei ein Bethaus, niedergeworfen hat, so hat er ja sein Herz dem Himmel zugewendet; wollte man sagen, wenn er sich vor einer Fürstenbüste niedergeworfen hat,
24so ist dies ja, wenn er sie als Gott anerkannt hat, vorsätzlich,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.