Sanhedrin — Blatt 65b

1R. Zera wandte ein: Ausgenommen ist das Falschzeugnis, weil dabei keine Tätigkeit ausgeübt wird. Weshalb nun, hierbei hängt es ja nicht vom Herzen ab!?

2Raba erwiderte: Anders ist es beim Falschzeugnis, weil es hierbei hauptsächlich von der Stimme abhängt. —

3Gilt denn die Stimme nach R. Joḥanan nicht als Tätigkeit, es wird ja gelehrt, wer durch Laute [ein dreschendes Tier vom Fressen] zurückhält oder [Tiere verschiedener Art ] antreibt, sei, wie R. Joḥanan sagt, schuldig, und wie Reš Laqiš sagt, frei.

4R. Joḥanan sagt, er sei schuldig, weil die Bewegung der Lippen als Tätigkeit gilt, Reš Laqiš sagt, er sei frei, weil die Bewegung der Lippen nicht als Tätigkeit gilt!?

5Vielmehr, erklärte Raba, anders ist es heim Falschzeugnis, weil es hierbei hauptsächlich vom Sehen abhängt.

6Die Rabbanan lehrten: Ein Totenbeschwörer ist, wer aus (zwischen) den Gelenken und aus (zwischen) den Achselhöhlen sprechen läßt; ein Wahrsager ist, wer einen Knochen des Jaddua͑ in den Mund nimmt, und dieser spricht von selbst.

7Man wandte ein: Deine Stimme wird sein, wie die eines Totengeistes aus der Erde; demnach spricht er ja wie gewöhnlich!? — Nein, er steigt auf, setzt sich zwischen die Gelenke und spricht. —

8Komm und höre: Da sprach die Frau zu Šaúl: Einen Geist sah ich aus der Erde aufsteigen; wahrscheinlich spricht er ja wie gewöhnlich!? — Nein, er setzt sich zwischen die Gelenke und spricht.

9Die Rabbanan lehrten: Beim Totenbeschwörer ist es einerlei, ob er [den Geist] durch Zauberei heraufsteigen läßt, oder einen Schädel befragt. — Welchen Unterschied gibt es zwischen diesem und jenem? — Beim Heraufsteigen durch Zauberei steigt er nicht auf gewöhnliche Weise herauf, auch nicht am Šabbath, beim Befragen eines Schädels steigt er auf gewöhnliche Weise herauf, auch am Šabbath. —

10‘Steigt er herauf’, wohin denn, er liegt ja vor ihm!? — Lies vielmehr: er antwortet auf gewöhnliche Weise, auch antwortet er am Šabbath.

11Auch folgende Frage richtete der gottlose Tyrannus Rufus an R. A͑qiba: Wodurch unterscheidet sich dieser Tag von allen übrigen Tagen? Dieser entgegnete: Wodurch unterscheidest du dich von allen anderen Menschen? Jener erwiderte: Dies ist der Wille meines Herrn. — Auch bezüglich des Šabbaths ist es der Wille des Herrn.

12Jener erwiderte: Folgendes frage ich dich: wieso ist es erwiesen, daß dieser Tag Šabbath ist. Dieser erwiderte: Dies beweist der Fluß Šabbatjon, dies beweist die Totenbeschwörung und dies beweist das Grab deines Vaters, aus dem am Šabbath kein Rauch aufsteigt. Jener sprach: Du hast ihn geschändet, beschimpft und gelästert.

13Die Totenbeschwörung ist ja identisch mit dem Befragen eines Toten!? —

14Vom Befragen eines Toten wird gelehrt: Und der sich an die Toten wendet, das ist derjenige, der hungert und auf einem Begräbnisplatze übernachtet, damit der Geist der Unreinheit auf ihm ruhe.

15Wenn R. A͑qiba an diesen Vers herankam, weinte er, [indem er sprach:] Wenn auf den, der hungert, damit der Geist der Unreinheit auf ihm ruhe, der Geist der Unreinheit sich niederläßt, um wieviel mehr sollte dies der Fall sein, wenn jemand hungert, damit der Geist der Reinheit auf ihm ruhe. Was aber ist zu tun, daß unsere Sünden es verursacht haben, denn es heißt: denn eure Sünden trennten zwischen euch und eurem Gott.

16Raba sagte: Wenn die Frommen wollten, könnten sie eine Welt erschaffen, denn es heißt: denn eure Sünden trennten &c.

17Rabba schuf einst einen Menschen und sandte ihn zu R. Zera; als dieser aber mit ihm sprach und er keine Antwort gab, sprach er: Du bist also von den Genossen, kehre zu deinem Staube zurück.

18R. Ḥanina und R. Oša͑ja befaßten sich jeden Vorabend des Šabbaths mit dem Studium des Buches von der Schöpfung und schufen ein Drittlingskalb, das sie dann verzehrten.

19Die Rabbanan lehrten: Zauberer ist, wie R. Šimo͑n sagt, der sieben Arten von Zaubermittelnüber seine Augen führt; die Weisen sagen, einer, der anderen eine Augentäuschung vorzaubert; R. A͑qiba sagt, einer, der die Zeiten und Stunden ausrechnet, indem er spricht: heute ist es gut eine Reise anzutreten; morgen ist es gut zu kaufen; im Vorjahre des Brachjahres pflegt der Weizen gut zu sein; das Ausreißen der Erbsen schützt vor Schlecht werden.

20Die Rabbanan lehrten: Als Zeichendeuter gilt derjenige, der sagt, sein Brot sei ihm aus dem Munde gefallen, sein Stock sei ihm aus der Hand gefallen, sein Sohn rufe ihm von hinten zu, ein Rabe krächze ihm zu, ein Hirsch durchquere ihm den Weg, eine Schlange befinde sich zu seiner Rechten und ein Fuchs zu seiner Linken.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.