Sanhedrin — Blatt 68a
1Lernte R. A͑qiba es denn von R. Jehošua͑, es wird ja gelehrt: Als R. Elie͑zer erkrankte, besuchten ihn R. A͑qiba und seine Genossen; er saß auf seinem Himmelbette, während sie im Vorsaale saßen.
2Es war gerade ein Vorabend des Šabbaths, und sein Sohn Hyrkanos trat ein, um ihm die Tephillin abzunehmen; da schrie er ihn an, und dieser entfernte sich mit einem Verweise. Hierauf sprach er zu seinen Genossen: Ich glaube, daß das Bewußtsein meines Vaters verwirrt ist. Da rief jener: Sein Bewußtsein und seiner Mutter Bewußtsein sind verwirrt. Sie achten nicht auf Dinge, auf die die Steinigung gesetzt ist, und sorgen für Dinge, die nur des Feierns wegen verboten sind.
3Als die Weisen sahen, daß er bei Bewußtsein war, traten sie ein und setzten sich vor ihn in einer Entfernung von vier Ellen.
4Da fragte er sie: Wozu seid ihr gekommen? — Wir sind gekommen, um das Gesetz zu lernen. Er entgegnete: Weshalb seid ihr bis jetzt nicht gekommen? Sie erwiderten ihm: Wir hatten keine Zeit. Er entgegnete: Es würde mich wundern, wenn sie eines natürlichen Todes sterben sollten! R. A͑qiba sprach zu ihm: Welcher ist mir beschieden? Er erwiderte ihm: Deiner wird schwerer sein als ihrer.
5Hierauf legte er seine beiden Arme aufs Herz und sprach: Wehe euch, meine beiden Arme, ihr gleicht zwei Torarollen, die zusammengerollt bleiben. Viel Tora habe ich gelernt und viel Tora habe ich gelehrt; viel Tora habe ich gelernt, jedoch meinen Lehrern nicht einmal so viel abgenommen, wie ein Hund, der aus dem Meere leckt; viel Tora habe ich gelehrt, jedoch haben meine Schüler mir nur so viel abgenommen, wie der Stift dem Sminkrohre.
6Und nicht nur das, ich lehre auch dreihundert Lehren über den weißen Aussatzfleck, ohne daß mich jemals einer darüber befragt hätte. Und nicht nur das, ich lehre auch dreihundert Lehren — manche lesen: dreitausend Lehren — über das Gurkenpflanzen, ohne daß mich jemals einer darüber befragt hätte, außer A͑qiba b. Joseph.
7Einst befand ich mich nämlich mit ihm auf dem Wege, da sprach er zu mir: Meister, lehre mich etwas über das Gurkenpflanzen. Da sprach ich etwas, und das ganze Feld ward voll mit Gurken. Hierauf sprach er zu mir: Meister, du hast mir ihre Pflanzung gezeigt, zeige mir auch ihre Entwurzelung. Da sprach ich etwas, und sie wurden alle auf eine Stelle gesammelt.
8Alsdann fragten sie ihn: Wie verhält es sich mit einem Balle, einem Leisten, einem Amulett, einem Perlenbeutel und einem kleinen Gewichtsstücke? Dieser erwiderte: Sie sind verunreinigungsfähig und werden rein wie sie sind. —
9Wie verhält es sich mit einem Schuh, der sich noch auf dem Leisten befindet? Dieser erwiderte: Er ist rein. Und beim [Aussprechen des Wortes] ‘rein’ schied seine Seele aus. Hierauf stellte sich R. Jehošua͑ (auf seine Füße) hin und sprach: Der Bann sei aufgelöst.
10Am Ausgange des Šabbaths begegnete ihm R. A͑qiba [auf dem Wege] zwischen Cäsarea und Lud; da schlug er sich auf den Leib, sodaß sein Blut auf die Erde rann. Bei der Reihe begann er und sprach: Mein Vater, mein Vater, Jisraéls Wagen und Reiter; viel besitze ich des Geldes, jedoch habe ich keinen Wechsler, der es mir wechseln könnte.
11Hieraus also, daß er es von R. Elie͑zer gelernt hatte!? — Er lernte es von R. Elie͑zer, jedoch erfaßte er es nicht, darauf lernte er es von R. Jehošua͑, der es ihm auch verständlich machte. —
12Wieso tat er dies, wir haben ja gelernt, man sei, wenn man dabei eine Tätigkeit ausübt, schuldig!? — Anders ist es, wenn es des Studiums wegen erfolgt. Der Meister sagte nämlich: Du sollst nicht lernen, es zu tun; es zu tun, darfst du nicht lernen, wohl aber darfst du lernen, um es zu verstehen und zu lehren.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.