Sanhedrin — Blatt 6b

1wurde die Verhandlung geschlossen, so darf kein Vergleich mehr vorgeschlagen werden.

2R. Elie͑zer, Sohn R. Jose des Galiläers, sagte: Man darf keinen Vergleich vorschlagen; wer einen Vergleich vorschlägt, ist ein Sünder, und wer den Vergleichenden preist, ist ein Lästerer. Hierüber heißt es: wer raubt und preist, lästert den Herrn;

3vielmehr muß das Recht den Berg durchbohren, denn es heißt: denn das Gericht ist Gottes. Ebenso sagte auch Moše, das Recht durchbohre den Berg; Ahron aber liebte den Frieden, jagte nach Frieden und stiftete Frieden zwischen den Menschen, wie es heißt: Wahrhaftige Weisung war in seinem Munde, und kein Falsch auf seinen Lippen zu finden; in Frieden und Geradheit wandelte er nach mir und hielt viele vor Sünden zurück.

4R. Elie͑zer erklärte: Wieso kann jemand, der eine Seá Weizen geraubt, gemahlen, gebacken und davon die Teighebe abgesondert hat, dann den Segen sprechen, er spricht ja keinen Segen, sondern eine Lästerung; über diesen heißt es: wer raubt und preist, lästert den Herrn.

5R. Meír erklärte: [Das Wort] boçea͑ [raubt] deutet auf Jehuda, denn es heißt: da sprach Jehuda zu seinen Brüdern: Welchen Gewinn [beça͑] haben wir, wenn wir unseren Bruder erschlagen; wer Jehuda preist, der lästert [Gott], und über ihn heißt es: wer raubt und preist, lästert den Herrn.

6R. Jehošua͑ b. Qorḥa sagte, es sei Gebot, einen Vergleich anzustreben, denn es heißt: mit Wahrheit, Recht und Frieden richtet in euren Toren; wo Recht, ist ja kein Frieden, und wo Frieden, ist ja kein Recht! Wo sind Frieden und Recht beisammen? Beim Vergleiche.

7Desgleichen heißt es von David: und David übte Recht und Mildtätigkeit; wo Recht, ist ja keine Mildtätigkeit, und wo Mildtätigkeit, ist ja kein Recht! Wo sind nun Recht und Mildtätigkeit beisammen? Beim Vergleiche.

8Folgende Auslegung nach dem ersten Tanna: Hat er seine Entscheidung getroffen, dem Unschuldigen Recht gegeben und dem Schuldigen Unrecht gegeben, und wenn er sieht, daß der Arme zur Zahlung verurteilt wurde, die Zahlung aus seiner Tasche leistet, so ist dies Recht und Mildtätigkeit,

9Recht für den einen und Mildtätigkeit für den anderen: Recht für den einen, indem er ihm zu seinem Gelde verholfen hat, Mildtätigkeit für den anderen, indem er für ihn aus seiner Tasche bezahlt hat. Desgleichen heißt es von David: und David übte Recht und Mildtätigkeit für sein ganzes Volk; Recht für den einen, indem er ihm zu seinem Gelde verhalf, Mildtätigkeit für den anderen, indem er für ihn aus seiner Tasche bezahlte.

10Rabbi wandte ein: Wieso für sein ganzes Volk, es sollte ja heißen: für die Armen!? Vielmehr, erklärte Rabbi, heißt es ‘Recht und Mildtätigkeit’, auch wenn er nicht aus seiner Tasche bezahlt, Recht für den einen und Mildtätigkeit für den anderen: Recht für den einen, indem er ihm zu seinem Gelde verholfen hat, Mildtätigkeit für den anderen, indem er Raub aus seiner Hand entfernt hat.

11R. Šimo͑n b. Menasja sagte: Wenn zwei vor dir zu Gericht erschienen und du ihre Worte noch nicht gehört hast, oder wenn du sie auch gehört hast, jedoch nicht weißt, wer Recht hat, so darfst du zu ihnen sagen: geht und vergleicht euch, wenn du aber ihre Worte gehört hast und weißt, wer Recht hat, so darfst du zu ihnen nicht mehr sagen: geht und vergleicht euch, denn es heißt: wie wenn man Wasser entfesselt, beginnt der Zank, bevor er losbricht, gib den Streit auf; bevor der Streit losbricht, kannst du ihn aufgeben, ist er losgebrochen, so kannst du ihn nicht mehr aufgeben.

12Reš Laqiš sagte: Wenn zwei [vor dir] zu Gericht erscheinen, der eine sanft und der andere heftig, und du ihre Worte nicht gehört hast, oder wenn du sie auch gehört hast, jedoch nicht weißt, wer Recht hat, so darfst du zu ihnen sagen: ich stehe nicht zu eurer Verfügung, denn der Heftige könnte Unrecht kriegen und den anderen verfolgen, sobald du aber ihre Worte gehört hast und weißt, wer Recht hat, darfst du zu ihnen nicht mehr sagen: ich stehe nicht zu eurer Verfügung, denn es heißt: scheuet euch vor niemand.

13R. Jehošua͑ b. Qorḥa sagte: Woher, daß, wenn ein Schüler vor seinem Lehrer sitzt und etwas zu Gunsten des Armen und zu Ungunsten des Reichen vorzubringen hat, er es nicht verschweigen darf? Es heißt: scheuet euch vor niemand, und R. Ḥanin erklärte: Halte deine Worte vor niemand zurück. Die Zeugen müssen wissen, über wen sie Zeugnis ablegen, vor wem sie Zeugnis ablegen, und wer sie dereinst zur Rechenschaft ziehen wird, denn es heißt: so sollen sich die beiden Männer, die den Streit haben, vor den Herrn stellen.

14Die Richter müssen wissen, wen sie richten, vor wem sie richten und wer sie dereinst zur Rechenschaft ziehen wird, denn es heißt: Gott steht in der Gottesversammlung. Desgleichen heißt es bei Jehošaphat: und er sprach zu den Richtern: Seht zu, was ihr tut, denn ihr richtet nicht vor Menschen, sondern vor Gott. Vielleicht sagt der Richter: was soll mir diese Plage, so heißt es: er ist hei euch beim Rechtsprechen; der Richter richte sich nur danach, was seine Augen sehen. –

15Wann erfolgt der Schluß der Verhandlung? R. Jehuda erwiderte im Namen Rabhs: [Sobald der Richter spricht:] du N. hast Unrecht und du N. hast Recht. Rabh sagte: Die Halakha ist wie R. Jehošua͑ b. Qorḥa. – Dem ist ja aber nicht so, R. Hona war ein Schüler Rabhs, und wenn man zu R. Hona zu Gericht kam, pflegte er zu fragen: Wollt ihr eine gerichtliche Entscheidung oder wollt ihr einen Vergleich!? – Unter ‘Gebot’, von dem R. Jehošua͑ b. Qorḥa spricht, ist zu verstehen,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.