Sanhedrin — Blatt 7a
1es sei Gebot, sie zu fragen: Wollt ihr eine gerichtliche Entscheidung oder wollt ihr einen Vergleich? – Das ist ja die Ansicht des ersten Autors!? – Sie streiten darüber, ob dies Gebot sei; R. Jehošua͑ b. Qorḥa ist der Ansicht, dies sei Gebot, und der erste Autor ist der Ansicht, dies sei nur freigestellt. –
2Das ist ja die Ansicht des R. Šimo͑n b. Menasja!? – Sie streiten über [den Passus:] ‘wenn du ihre Worte gehört hast und weißt, wer Recht hat, so darfst du zu ihnen nicht mehr sagen: geht und vergleicht euch’.
3Er streitet somit gegen R. Tanḥum b. Ḥanilaj, denn R. Tanḥum b. Ḥanilaj sagte, dieser Schriftvers beziehe sich auf das Ereignis mit dem [goldenen] Kalbe, denn es heißt: da sah Ahron und baute vor ihm einen Altar . – Was sah er? R. Binjamin b. Jephet erwiderte im Namen R. Elea͑zars: Er sah Hur vor sich hingeschlachtet liegen;
4da sagte er: Wenn ich ihnen jetzt nicht gehorche, so verfahren sie mit mir, wie sie mit Hur verfahren haben, sodann würde durch mich in Erfüllung gehen [der Schriftvers:] wenn im Heiligtume des Herrn Priester und Prophet ermordet wird, und für sie würde es keine Gutmachung mehr geben. Lieber mögen sie daher das Kalb anbeten, und möglicherweise erlangen sie eine Gutmachung durch Buße. –
5Wofür verwenden jene Tannaím den Schriftvers: wie wenn man Wasser entfesselt, beginnt der Zank!? – Für eine Lehre R. Hamnunas, denn R. Hamnuna sagte: Das Gericht über den Menschen beginnt mit [der Vernachlässigung des] Torastudiums, denn es heißt: wie wenn man Wasser entfesselt, beginnt der Zank. R. Hona sagte: Der Streit gleicht einem Wasserstrome, der sich allmälig erweitert.
6Abajje der Ältere sagte: Er gleicht den Stegbrettern, sobald man sie hinlegt, verbleiben sie da.
7Einst sagte jemand: Heil dem, der [Schmähungen] hört und schweigt, hundert Übel gehen an ihm vorüber. Da sprach Šemuél zu R. Jehuda: Dies befindet sich in der Schrift: wie wenn man Wasser entfesselt, beginnt der Zank: Beginn von hundert Übeln.
8Einst sagte jemand: Wegen zweimal oder dreimal wird ein Dieb nicht hingerichtet. Da sprach Šemuél zu R. Jehuda: Dies befindet sich in der Schrift: So spricht der Herr: Wegen der drei Sünden Jisraéls, wegen der vier will ich es nicht mehr rückgängig machen.
9Einst sagte jemand: Sieben Gruben für den Tugendhaften, eine für den Übeltäter. Da sprach Šemuél zu R. Jehuda: Dies befindet sich in der Schrift: Siebenmal fällt der Fromme und steht wieder auf, der Gottlose aber stürzt mit einem Male.
10Einst sagte jemand: Wem vom Gerichte das Gewand abgenommen wird, singe ein Lied und gehe seines Weges. Da sprach Šemuél zu R. Jehuda: Dies befindet sich in der Schrift: Und auch das ganze Volk wird befriedigt zu seiner Behausung zurückkehren.
11Einst sagte jemand: Wenn sie schlummert, sinkt der Korb. Da sprach Šemuél zu R. Jehuda: Dies befindet sich in der Schrift: Durch Faulheit senkt sich das Gebälk &c.
12Einst sagte jemand: Ein Mann, auf den ich vertraut hatte, schwang seinen Kolben und stellte sich [gegen mich]. Da sprach Šemuél zu R. Jehuda: Dies befindet sich in der Schrift: Auch der, mit dem ich in Frieden lebte, auf den ich vertraute &c.
13Einst sagte jemand: Als unsere Liebe noch stark war, schliefen wir auf der Breite eines Schwertes, jetzt aber, wo unsere Liebe nicht mehr stark ist, ist uns ein Bett von sechzig Ellen nicht ausreichend. R. Hona sprach: Dies befindet sich in der Schrift. Zuerst heißt es: und dort werde ich mich dir offenbaren und mit dir reden von der Deckplatte aus, und hierzu wird gelehrt, die Bundeslade habe [eine Höhe von] neun und die Deckplatte von einer Handbreite gehabt, das sind also zehn:
14später heißt es: und das Gebäude, das der König Šelomo für den Herrn errichtete, war sechzig Ellen lang, zwanzig breit und dreißig Ellen hoch; und zuletzt heißt es: so spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron und die Erde meiner Füße Schemel; was für ein Haus wollt ihr für mich erbauen &c.
15Wieso ist es erwiesen, daß scheuen die Bedeutung Ansammeln habe? R. Naḥman erwiderte: Die Schrift sagt: Wein wirst du weder trinken noch einkellern. R. Aḥa b. Ja͑qob sagte: Hieraus: sie bereitet im Sommer ihr Brot, sammelt in der Erntezeit ihre Speise. R. Aḥa, Sohn des R. Iqa, sagte: Hieraus: wer im Sommer sammelt, ist ein kluger Sohn.
16R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Ein Richter, der ein gerechtes Urteil der Wahrheit wegen fällt, veranlaßt, daß die Göttlichkeit unter Jisraél weile, denn es heißt: Gott steht in der Gottesversammlung, inmitten von Göttern hält er Gericht. Jeder Richter aber, der kein gerechtes Urteil der Wahrheit wegen fällt, veranlaßt, daß die Göttlichkeit von Jisraél weiche, denn es heißt: wegen der Unterdrückung Elender, wegen des Seufzens der Armen will ich mich erheben, spricht der Herr &c.
17Ferner sagte R. Šemuél b. Naḥmani im Namen R. Jonathans: Wenn ein Richter gegen das Recht von einem nimmt und dem anderen gibt, so nimmt der Heilige, gepriesen sei er, seine Seele von ihm, denn es heißt: beraube nicht den Armen, denn er ist arm,, und zermalme nicht den Elenden im Tore, denn der Herr wird ihren Streit führen und wird die, die sie berauben, des Lebens berauben.
18Ferner sagte R. Šemuél b. Naḥmani im Namen R. Jonathans: Der Richter stelle sich stets vor, als liege ihm ein Schwert zwischen seinen Hüften und sei die Hölle unter ihm offen,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.