Sanhedrin — Blatt 70b

1denn es gibt nichts, was über den Menschen so sehr Wehklage bringt, wie der Wein. R. Jehuda sagt, es war Weizen, denn ein Kind versteht nicht eher Vater und Mutter zu sprechen, als bis es den Geschmack des Getreides gekostet hat. R. Neḥemja sagt, es war ein Feigenbaum, denn womit ihr Verderb erfolgt war, damit wurde es ihnen wieder gut gemacht, wie es heißt: und sie nähten Feigenblätter zusammen.

2Worte des Königs Lemuél, Ausspruch, den ihm seine Mutter einschärfte. R. Joḥanan sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Dies lehrt, daß seine Mutter ihn an einen Pfahl band und zu ihm sprach: Was, mein Sohn, und was, du Sohn meines Leibes, und was, du Sohn meines Gelübdes. Was, mein Sohn: alle wissen, daß dein Vater gottesfürchtig war, nun würde man sagen, seine Mutter habe dies verursacht.

3Und was, du Sohn meines Leibes: alle Frauen im Hause deines Vaters sahen, sobald sie schwanger geworden waren, das Gesicht des Königs nicht mehr, ich aber drängte mich vor und trat zu ihm ein, um einen tüchtigen und hübschen Sohn zu bekommen.

4Und was, du Sohn meines Gelübdes: alle Frauen im Hause deines Vaters gelobten [und sprachen:] möge mir doch ein für die Regierung geeigneter Sohn beschieden sein, ich aber gelobte und sprach: möge mir doch ein tüchtiger, in der Tora bewanderter und für die Prophetie geeigneter Sohn beschieden sein.

5Nicht für die Könige, o Lemuél, nicht geziemt es den Königen, Wein zu trinken. Sie sprach zu ihm: Was hast du mit den Königen zu schaffen, die Wein trinken, sich berauschen und sprechen: was soll uns Gott [lama el]. Noch Rauschtrank den Fürsten; dem alle Geheimnisse der Welt bekannt sind, mag Wein trinken und sich berauschen. Manche erklären: Der, zu dessen Tür alle Fürsten der Welt sich früh aufmachen, mag Wein trinken und sich berauschen.

6R. Jiçḥaq sagte: Woher, daß Šelomo später seiner Mutter beipflichtete? Es heißt: ich bin dümmer als ein Mann und Menschenverstand ist nicht bei mir. Ich bin dümmer als ein Mann, als Noaḥ, von dem es heißt: und Noaḥ, der Landmann, fing an. Und Menschenverstand ist nicht bei mir, das ist Adam der Urmensch.

7HAT ER ES BEI EINEM GASTMAHLE GELEGENTLICH EINER GOTTGEFÄLLIGEN HANDLUNG GEGESSEN. R. Abahu sagte: er ist nur dann strafbar, wenn er es in einer ausschließlich aus zuchtlosen Menschen bestehenden Gesellschaft gegessen hat. —

8Wir haben ja gelernt, wenn er es bei einem Gastmahle gelegentlich einer gottgefälligen Handlung gegessen hat, gelte er nicht als mißratener und widerspenstiger Sohn; nur wenn gelegentlich einer gottgefälligen Handlung, wenn aber nicht, [gilt er als solcher,] auch wenn [die Gesellschaft] nicht ganz aus zuchtlosen Menschen besteht!? — Folgendes lehrt er uns: selbst wenn sie ganz aus zuchtlosen Menschen besteht, wird er, da es gelegentlich einer gottgefälligen Handlung erfolgt, [zur Völlerei] nicht hingezogen.

9ODER GELEGENTLICH DER INTERKALATION DES NEUMONDES. Demnach brachte man da Fleisch und Wein hinauf, dagegen wird ja aber gelehrt, daß man da nur bei Getreide- und Erbsenbrot zusammentrete!? — Folgendes lehrt er uns: obgleich man da nur bei Getreide- und Erbsenbrot zusammentritt, er aber Fleisch und Wein mitgenommen hat, wird er, da er sich mit einer gottgefälligen Handlung befaßt, [zur Völlerei] nicht hingezogen.

10Die Rabbanan lehrten: Zur Interkalation des Neumondes treten nicht weniger als zehn Personen zusammen, ferner tritt man da nur bei Getreide- und Erbsenbrot zusammen, ferner nur am Abend vor der Interkalation, ferner nicht am Tage, sondern nur nachts. — Es wird ja aber gelehrt, daß man hierzu nicht nachts, sondern nur am Tage zusammentrete!? — Wie R. Ḥija zu seinen Söhnen zu sagen pflegte: Geht früh hinein und kommt früh heraus, damit die Leute euch bemerken.

11ODER ALS ZWEITEN ZEHNTEN IN JERUŠALEM. Da er nach Vorschrift ißt, so wird er nicht [zur Völlerei] hingezogen.

12ODER AAS, TOTVERLETZTES, EKEL- UND KRIECHTIERE. Raba sagte: Hat er Geflügelfleisch gegessen, so gilt er nicht als mißratener und widerspenstiger Sohn. —

13Wir haben ja aber gelernt, wenn er Aas, Totverletztes, Ekel- und Kriechtiere gegessen hat, gelte er nicht als mißratener und widerspenstiger Sohn. Wohl aber, wenn er [Fleisch] reiner Tiere gegessen hat!? — Unsere Mišna lehrt dies nur von der Ergänzung.

14ODER ETWAS, WODURCH ER EIN GEBOT AUSGEÜBT ODER EIN VERBOT ÜBERTRETEN HAT. Ein Gebot, gelegentlich der Tröstung von Leidtragenden; ein Verbot, an einem Gemeinde-Fasttage. —

15Weshalb dies? — Die Schrift sagt: er hört nicht auf unsere Stimme, auf unsere Stimme, nicht aber auf die Stimme Gottes.

16HAT ER JEDE ANDERE SPEISE GEGESSEN, ABER KEIN FLEISCH, JEDES ANDERE GETRÄNK GETRUNKEN, ABER KEINEN WEIN &C. Hat er jede andere Speise gegessen, aber kein Fleisch, dies schließt die qei͑lische Feige ein; hat er jedes andere Getränk getrunken, aber keinen Wein, dies schließt Honig und Milch ein.

17Es wird nämlich gelehrt: Wer eine qei͑lische Feige gegessen und Honig und Milch getrunken hat und darauf in den Tempel eingetreten ist, ist

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.