Sanhedrin — Blatt 71a

1strafbar

2ER GILT NUR DANN ALS MISSRATENER UND WIDERSPENSTIGER SOHN, WENN ER FLEISCH GEGESSEN UND WEIN GETRUNKEN HAT. Die Rabbanan lehrten: Hat er jede andere Speise gegessen, aber kein Fleisch, jedes andere Getränk getrunken, aber keinen Wein, so gilt er nicht als mißratener und widerspenstiger Sohn; mur wenn er Fleisch gegessen und Wein getrunken hat, denn es heißt: ein Schlemmer und ein Saufbold.

3Und obgleich es hierfür keinen Beweis gibt, so gibt es doch eine Andeutung, denn es heißt: sei nicht unter den Weinsäufern und unter den Fleischverprassern. Ferner heißt es: denn der Säufer und der Prasser verarmt, und Schläfrigkeit gibt Lumpen zur Kleidung. R. Zera sagte: Wenn jemand im Lehrhause schlummert, so wird seine Tora zerlumpt, denn es heißt: Schläfrigkeit gibt Lumpen zur Kleidung.

4HAT ER VON SEINEM VATER GESTOHLEN UND ES IM GEBIETE SEINES VATERS VERZEHRT, ODER VON FREMDEN UND ES IM GEBIETE VON FREMDEN VERZEHRT, ODER VON FREMDEN UND ES IM GEBIETE SEINES VATERS VERZEHRT, SO GILT ER DADURCH NICHT ALS MISSRATENER UND ABTRÜNNIGER SOHN; NUR WENN ER VON SEINEM VATER GESTOHLEN UND ES IM GEBIETE VON FREMDEN GEGESSEN HAT. R. JEHUDA SAGT, NUR WENN ER VON SEINEM VATER UND SEINER MUTTER GESTOHLEN HAT.

5GEMARA. Wenn er von seinem Vater gestohlen und im Gebiete seines Vaters gegessen hat, so war er, obgleich er dazu Gelegenheit hat, ängstlich;

6wenn er von Fremden gestohlen und es im Gebiete von Fremden gegessen hat, so ist ihm, obgleich er nicht ängstlich war, dazu nicht oft die Gelegenheit geboten, und um so weniger, wenn er von Fremden gestohlen und es im Gebiete seines Vaters gegessen hat, denn dazu ist ihm nicht oft die Gelegenheit geboten, auch war er ängstlich.

7Nur dann, wenn er von seinem Vater gestohlen und es im Gebiete von Fremden gegessen hat, denn dazu hat er oft Gelegenheit, auch war er nicht ängstlich.

8R. JOSE B. R. JEHUDA SAGT, NUR WENN ER VON SEINEM VATER UND SEINER MUTTER GESTOHLEN HAT. Woher hatte es denn seine Mutter, was die Frau besitzt, gehört ja ihrem Ehemanne!? R. Jose b. Ḥanina erwiderte: Von einer Mahlzeit, die bereits für seinen Vater und seine Mutter hergerichtet war. —

9Aber R. Ḥanan b. Molada sagte ja im Namen R. Honas, er sei nur dann strafbar, wenn er Fleisch billig gekauft und gegessen hat, Wein billig gekauft und getrunken hat!? — Sage vielmehr: vom Gelde, das zu einer Mahlzeit für seinen Vater und für seine Mutter bestimmt war.

10Wenn du aber willst, sage ich: wenn jemand es ihr zugeeignet hat unter der Bedingung, daß ihr Mann keinen Anspruch darauf habe.

11WENN SEIN VATER ESWILL UND SEINE MUTTER NICHT, ODER WENN SEIN VATER ES NICHT WILL UND SEINE MUTTER WOHL, SO GILT ER NICHT ALS MISSRATENER UND WIDERSPENSTIGER SOHN; NUR WENN BEIDE ES WOLLEN. R. JEHUDA SAGTE: IST SEINE MUTTER FÜR SEINEN VATER NICHT GEEIGNET, SO GILT ER NICHT ALS MISSRATENER UND WIDERSPENSTIGER SOHN.

12GEMARA. Was heißt ‘nicht geeignet’: wollte man sagen, wenn [auf ihre Heirat] die Ausrottung oder der Tod durch das Gericht gesetzt ist, so ist er ja immerhin sein Vater und sie seine Mutter!? —

13Vielmehr, er spricht von der [physischen] Gleichheit mit seinem Vater. Ebenso wird auch gelehrt: R. Jehuda sagte: Gleicht seine Mutter nicht seinem Vater in Stimme, Aussehen und Statur, so gilt er nicht als mißratener und widerspenstiger Sohn. — Aus welchem Grunde? — Die Schrift sagt: er hört nicht auf unsere Stimme, und wie demnach die Stimme gleichmäßig sein muß, so müssen auch Aussehen und Statur gleichmäßig sein. —

14Wessen Ansicht vertritt demnach folgende Lehre: [Der Fall vom] mißratenen und widerspenstigen Sohne ist nie geschehen und wird nie geschehen; er ist nur deshalb niedergeschrieben worden, damit man für die Schriftforschung eine Belohnung erhalte. Wessen also? Die des R. Jehuda. —

15Wenn du willst, sage ich: die des R. Šimo͑n, denn es wird gelehrt: R. Šimo͑n sagte: Sollten etwa Vater und Mutter einen zur Steinigung hinausführen, weil er ein Tritemor Fleisch gegessen und ein Log italischen Wein getrunken hat? Dies ist vielmehr [ein Fall,] der nie geschehen ist und nie geschehen wird; er ist nur deshalb niedergeschrieben worden, damit man für die Schriftforschung eine Belohnung erhalte. R. Jonathan sagte: Ich sah einen solchen und saß auf seinem Grabe. —

16Wessen Ansicht vertritt folgende Lehre: [Der Fall von der] abtrünnigen Stadt ist nie geschehen und wird nie geschehen; er ist nur deshalb niedergeschrieben worden, damit man für die Schriftforschung eine Belohnung erhalte. Wessen also? Die des R. Elie͑zer, denn es wird gelehrt: R. Elie͑zer sagte: Eine Stadt, in der auch nur eine Mezuza vorhanden ist, kann nicht als abtrünnige Stadt erklärt werden. —

17Aus welchem Grunde? — Die Schrift sagt: alles in ihr Erbeutete sollt ihr auf ihren Marktplatz zusammentragen und im Feuer verbrennen, und wenn da eine Mezuza vorhanden ist, so ist dies nicht möglich, denn es heißt: ihr dürft nicht ebenso verfahren mit dem Herrn, eurem Gott. R. Jonathan sagte: Ich sah eine solche und saß auf ihrem Trümmerhaufen. —

18Wessen Ansicht vertritt folgende Lehre: [Der Fall vom] aussätzigen Hause ist nie geschehen und wird nie geschehen; er ist nur deshalb niedergeschrieben worden, damit man für die Schriftforschung eine Belohnung erhalte. Wessen also? Die des R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n, denn es wird gelehrt: R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n sagt, das Haus sei nur dann [der Aussatz] in der Größe von zwei Graupenkörnern erscheint, an zwei Steinen, an zwei Wänden, in einem Winkel, zwei Graupenkörner lang und ein Graupenkorn breit. —

19Was ist der Grand des R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n? Es heißt: Wand und es heißt Wände; welche Wand gleicht Wänden? Ein Winkel.

20Es wird gelehrt: R. Elie͑zer b. Çadoq sagte: Im Gebiete von A͑za war ein Ort, den man ‘Aussätzige Ruine’ nannte. R. Šimo͑n aus Kephar A͑kko erzählte: Einst ging ich nach Galiläa und sah da einen Ort, den man kennzeichnete, und man sagte mir, da seien aussätzige Steine hingeschafft worden.

21IST EINER VON IHNEN EINHÄNDIG, LAHM, STUMM, BLIND ODER TAUB, SO GILT ER NICHT ALS MISSRATENER UND WIDERSPENSTIGER SOHN, DENN ES HEISST: sein Vater und seine Mutter sollen ihn ergreifen, KEINE EINHÄNDIGEN; sie sollen ihn hinausführen, KEINE LAHMEN; sie sollen sprechen, KEINE STUMMEN; dieser, unser Sohn, KEINE BLINDEN; er hört nicht auf unsere Mahnung, KEINE TAUBEN.

22MAN WARNE IHN VOR DREI [PERSONEN] UND GEISSELE IHN; WIEDERHOLTE ER SEINE AUSARTUNG, SO IST ER DURCH DREIUNDZWANZIG [RICHTER] ABZUURTEILEN. ER IST NUR DANN ZU STEINIGEN, WENN DIE DREI ERSTEREN ZUGEGEN SIND, DENN ES HEISST: dieser, unser Sohn, DIESER IST ES, DER VOR EUCH GEGEISSELT WORDEN IST.

23GEMARA. Hieraus wäre also zu entnehmen, daß man sich an den Wortlaut der Schrift halte? — Anders ist es hierbei,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.