Sanhedrin — Blatt 73b
1[so könnte man glauben,] bei dem einen, weil es widernatürlich ist, und bei dem anderen, weil es bemakelt wird, nicht aber bei anderen Inzestfällen, wo dies weder widernatürlich noch die Bemakelung sehr bedeutend ist; daher schrieb der Allbarmherzige [das Wort] Sünde.
2Würde der Allbarmherzige nur [das Wort] Sünde geschrieben haben, so könnte man glauben, auch in Fällen, wo nur ein gewöhnliches Verbot ausgeübt werden würde, daher heißt es todeswürdiges.
3Und würde der Allbarmherzige nur [das Wort] todeswürdiges geschrieben haben, so könnte man glauben, nur wenn darauf der Tod durch das Gericht gesetzt ist, nicht aber, wenn die Ausrottungsstrafe; daher schrieb der Allbarmherzige auch [das Wort] Sünde. –
4Sollte doch der Allbarmherzige nur [die Worte] todeswürdige Sünde geschrieben haben, wozu sind Knabe und Mädchen nötig!? – Dem ist auch so, nur schließt von Knabe und Mädchen eines den Götzendienst und eines ein Tier und [die Entweihung des] Šabbaths aus. –
5Wozu ist [das eine] nötig nach R. Šimo͑n b. Joḥaj, welcher sagt, wenn jemand Götzendienst treiben will, halte man ihn mit seinem Leben zurück!? – Eines schließt ein Tier und eines schließt die Entweihung des Šabbaths aus.
6Man könnte nämlich glauben, daß man die Entweihung des Šabbaths von der Entweihung [Gottes durch] den Götzendienst folgere. –
7Wie ist es aber nach R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n zu erklären, welcher sagt, daß man auch den, der den Šabbath entweihen will, mit seinem Leben zurückhalte, weil man die Entweihung des Šabbaths von der Entweihung [Gottes durch] den Götzendienst folgere!? – Das eine schließt das Tier aus und das andere steht nur nebenbei, denn da der Allbarmherzige Knabe geschrieben hat, schrieb er auch Mädchen .
8«R. Jehuda sagt, auch wenn sie ruft: laßt ihn, damit er mich nicht töte.» Worüber streiten sie?
9Raba erwiderte: Über den Fall, wenn sie auf ihre Bemakelung genau achtet, und dies nur deshalb zulassen will, weil sie befürchtet, er würde sie töten. Die Rabbanan sind der Ansicht, der Allbarmherzige hat dabei ihre Bemakelung berücksichtigt, und diese achtet ja darauf; R. Jehuda aber ist der Ansicht, der Allbarmherzige sagte deshalb, daß man ihn töte, weil sie sich sonst dem Tode preisgeben würde, diese aber gibt sich ja dem Tode nicht preis.
10R. Papa sprach zu Abajje: Auch wenn ein Hochpriester eine Witwe [notzüchtigt], bemakelt er sie ja!? Dieser erwiderte: Mit einer bedeutenden Bemakelung hat es der Allbarmherzige streng genommen, mit einer unbedeutenden nicht.
11« Sünde deutet auf die mit der Ausrottungsstrafe belegten Verbrechen.» Ich will auf einen Widerspruch hinweisen: In folgendem Falle ist die für Mädchen festgesetzte Geldbuße zu zahlen: wenn jemand seiner Schwester beigewohnt hat!?
12Die Rabbanan erzählten dies R. Ḥisda, [und er er widerte:] Sobald er eine Anschmiegung vollzogen hat, hat er sie ja bemakelt und darf somit nicht mehr getötet werden, während er zur Geldbuße erst nach Vollendung des Beischlafes verpflichtet ist. –
13Einleuchtend ist dies nach demjenigen, welcher sagt, unter ‘Anschmiegung’ sei die bloße Berührung zu verstehen, wie ist es aber nach demjenigen zu erklären, welcher sagt, unter ‘Anschmiegung’ sei das Hineinbringen der Eichel zu verstehen!?
14Vielmehr, erklärte R. Ḥisda, wenn er sie vorher auf widernatürliche Weise und nachher auf natürliche Weise beschlafen hat.
15Raba erklärte, wenn sie ihn läßt, damit er sie nicht töte, und zwar nach R. Jehuda.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.