Sanhedrin — Blatt 82a
1Wie ist es, wenn Eiferer ihn nicht niedergestoßen haben? Rabh hatte aber diese Lehre vergessen. Darauf las man R. Kahana im Traume vor: Treubruch hat Jehuda begangen, und Greuel sind in Jisraél und zu Jerušalem verübt worden, denn Jehuda hat das Heilige des Herrn entweiht, indem er die Tochter eines fremden Gottes liebgewonnen und beschlafen hat. Darauf kam er [zu Rabh] und erzählte ihm, was man ihm [im Traume] vorgelesen hat;
2da erinnerte sich Rabh seiner Lehre: Treubruch hat Jehuda begangen, das ist der Götzendienst; denn so heißt es: Treubruch habt ihr an mir begangen, ihr vom Hause Jisraél. Spruch des Herrn. Greuel sind in Jisraél und zu Jerušalem verübt worden, das ist die Päderastie, denn so beißt es: du sollst nicht einen Mann beschlafen, wie man eine Frau beschläft, dies ist ein Greuel. Denn Jehuda hat das Heilige des Herrn entweiht, das ist die Hurerei, denn so heißt es: es soll keine der Unzucht Geweihte geben. Und die Tochter eines fremden Gottes beschlafen, das ist die Beschlafung einer Nichtjüdin.
3Und darauf folgt: der Herr wird dem, der dies tut, Wächter und Antwortende ausrotten. Ist er Schriftgelehrter, so wird er keinen Geweckten unter den Weisen und keinen Antwortenden unter den Schülern haben; ist er Priester, so wird er keinen Sohn haben, der dem Herrn der Heerscharen ein Opfer darbringt.
4R. Ḥija b. Abuja sagte: Wenn jemand eine Nichtjüdin beschläft, so ist es ebenso als hätte er sich mit dem Götzen verschwägert, denn es heißt: und die Tochter eines fremden Gottes beschlafen; hat denn der fremde Gott eine Tochter? Vielmehr ist darunter das Beschlafen einer Nichtjüdin zu verstehen.
5Ferner sagte R. Ḥija b. Abuja: Auf dem Schädel Jehojaqims steht geschrieben: dies und noch etwas anderes. Einst fand der Großvater des R. Perida einen Schädel, der an den Toren von Jerušalem lag, auf dem geschrieben war: dies und noch etwas anderes. Da begrub er ihn, dieser kam aber wieder hervor; darauf begrub er ihn wiederum, und er kam abermals hervor. Da sprach er: Das ist der Schädel Jehojaqims, von dem es heißt: wie man einen Esel begräbt, wird er begraben werden; man wird ihn fortschleifen und draußen vor den Toren Jerušalems hinwerfen.
6Da sprach er: Er war ja König, und es ist nicht schicklich, daß er geschändet werde. Hierauf hüllte er ihn in Seide und legte ihn in eine Kiste. Als darauf seine Frau kam und [den Schädel] sah, erzählte sie es ihren Nachbarinnen, und als ihr diese sagten, er sei von seiner ersten Frau, die er nicht vergessen könne, warf sie ihn in den Ofen und verbrannte ihn. Als er heimkam, sprach er: Das ist es, was auf ihm geschrieben stand: dies und noch etwas anderes.
7Als R. Dimi kam, sagte er: Das Gericht der Ḥasmonäer bestimmte, wer eine Nichtjüdin beschläft, sei schuldig wegen [Beschlafens] einer Menstruierenden, Sklavin, Nichtjüdin und Ehefrau.
8Als Rabin kam, sagte er: Wegen [Beschlafens] einer Menstruierenden, Sklavin, Nichtjüdin und Hure; eine Ehefrau aber gibt es bei ihnen nicht. – Und jener!? – Ihre Ehefrauen prostituieren sie nicht.
9R. Ḥisda sagte: Wenn jemand fragen kommt, so entscheide man ihm nicht [demgemäß]. Ebenso wird auch gelehrt: Rabba b. Bar Ḥana sagte im Namen R. Joḥanans: Wenn jemand fragen kommt, so entscheide man ihm nicht [demgemäß].
10Und noch mehr, wenn Pinḥas den Zimri nach seiner Zurückziehung getötet hätte, so würde er seinetwegen hingerichtet worden sein; und würde Zimri sich umgewandt und Pinḥas getötet haben, so würde er seinetwegen nicht hingerichtet worden sein, denn jener war ja ein Verfolger.
11Da sprach Moše zu den Stämmen Jisraéls &c. Der Stamm Šimo͑n kam zu Zimri, dem Sohne Salus, und sprach zu ihm: Jene befassen sich mit Todesstrafangelegenheiten, du aber sitzest und schweigst! Was tat er? Er stand auf und versammelte vierundzwanzig Tausend von Jisraél und ging zu der Kozbi und forderte sie auf, ihm Gehör zu schenken. Sie entgegnete ihm: Ich bin die Tochter eines Königs und mein Vater befahl mir, nur dem Größten unter ihnen Gehör zu schenken. Da erwiderte er ihr: Ich bin ebenfalls Stammesfürst, außerdem bin ich noch bedeutender, denn ich entstamme dem Zweitgebornen, jener aber dem Drittgebornen.
12Darauf faßte er sie bei den Zöpfen, brachte sie vor Moše und sprach zu ihm: Sohn A͑mrams, ist diese verboten oder erlaubt? Und wer hat dir, wenn du sagst, sie sei verboten, die Tochter Jithros [zu heiraten] erlaubt!? Da entschwand ihm die Halakha, und das ganze Volk brach in ein Weinen aus. Deshalb heißt es: und sie weinten an der Tür des Offenbarungszeltes. Es heißt ferner: da sah Pinḥas, der Sohn Elea͑sars.
13Was sah er? Rabh erwiderte: Er sah das Ereignis und erinnerte sich der Halakha. Da sprach er zu ihm: Oheim, du hast mich ja bei deinem Herabsteigen vom Berge Sinaj gelehrt, daß, wenn jemand eine Aramäerin beschläft, Eiferer ihn niederstoßen. Er erwiderte ihm: Der Leser des Briefes mag auch der Vollstrecker sein.
14Šemuél erklärte: Er sah, daß: es gibt weder Weisheit noch Einsicht noch Rat gegenüber dem Herrn; wenn der Name Gottes entweiht wird, erweise man auch einem Lehrer keine Ehre. R. Jiçḥaq erklärte: Er sah, daß ein Engel kam und im Volke eine Verheerung anrichtete.
15Da trat er aus der Gemeinde hervor und ergriff einen Speer; hieraus, daß man nicht mit einem Gewehre ins Lehrhaus eintreten dürfe. Er zog ihn heraus, schliff ihn und steckte ihn in den Ärmel,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.