Sanhedrin — Blatt 90b
1Hierauf heißt es: und so erging es ihm, denn das Volk zertrat ihn im Tore, sodaß er starb. – Vielleicht hat ihm dies der Fluch Eliša͑s eingebracht, denn R. Jehuda sagte im Namen Rabhs, sogar der grundlose Fluch eines Gelehrten gehe in Erfüllung!? – Es könnte ja heißen: zertrat ihn, sodaß er starb, wenn es aber heißt: am Tore, so besagt dies: wegen der Angelegenheit des Tores.
2R. Joḥanan sagte: Wo ist die Auferstehung der Toten in der Tora angedeutet? Es heißt: ihr sollt davon die für den Herrn bestimmte Hebe Ahron, dem Priester, übergeben; sollte Ahron denn ewig leben!? Und ist er denn überhaupt ins Land mitgekommen, daß man ihm die Hebe übergeben sollte!? Vielmehr lehrt dies, daß er dereinst leben und Jisraél ihm die Hebe übergeben wird. Hier ist also die Auferstehung der Toten in der Tora angedeutet.
3In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Ahron, wie Ahron Genosse war, ebenso auch seinen Kindern, nur wenn sie Genossen sind.
4R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Woher, daß man einem zum gemeinen Volke gehörenden Priester keine Hebe geben dürfe? Es heißt: und er gebot dem Volke, den Bewohnern Jerušalems, den Priestern und den Leviten den ihnen gebührenden Anteil zu liefern, damit sie am Gesetze des Herrn festhalten könnten; wer am Gesetze des Herrn festhält, erhält einen Anteil, wer am Gesetze des Herrn nicht festhält, erhält keinen Anteil.
5R. Aḥa h. Ada sagte im Namen R. Jehudas: Wenn jemand einem zum gemeinen Volke gehörenden Priester die Hebe gibt, so ist es ebenso, als hätte er sie vor einen Löwen geworfen; wie man bei einem Löwen nicht weiß, ob er [sein Opfer] zertreten und sofort essen wird, oder er es zertreten und nicht sofort essen wird, ebenso weiß man bei einem zum gemeinen Volke gehörenden Priester nicht, ob er [die Hebe] in Reinheit essen wird oder in Unreinheit essen wird.
6R. Joḥanan sagte: Er setzt ihn auch dem Tode aus, denn es heißt: und deshalb sterben, wenn sie es entweihen. In der Schule des R. Elie͑zer b. Ja͑qob wurde gelehrt: Er lädt ihm auch ein Schuldvergehen auf, denn es heißt: sie werden ihnen ein Schuldvergehen aufladen, wenn sie ihre heiligen Gaben verzehren.
7Es wird gelehrt: R. Simaj sagte: Wo ist die Auferstehung der Toten in der Tora zu finden? Es heißt: ich habe mit ihnen sogar ein Abkommen getroffen, daß ich ihnen das Land Kenaa͑n geben werde; es heißt nicht euch, sondern ihnen. Hier ist also die Auferstehung der Toten in der Tora angedeutet.
8Die Saduzäer fragten R. Gamliél: Woher ist zu entnehmen, daß der Heilige, gepriesen sei er, die Toten beleben wird? Dieser erwiderte ihnen: Aus der Tora, aus den Propheten und aus den Hagiographen. Sie erkannten es aber nicht an.
9Aus der Tora, denn es heißt: da sprach der Herr zu Moše: Du wirst dich bald nun zu deinen Vorfahren legen und aufstehen. Jene entgegneten ihm: Vielleicht [lese man:] und aufstehen wird dieses Volk und sich abwenden.
10Aus den Propheten, denn es heißt: deine Toten werden wieder lebendig werden, meine Leichen werden auferstehen. Erwachet und jauchzet, die ihr im Staube liegt, denn ein Tau des Lichtes ist dein Tau, und die Erde wird die Schatten [ans Licht] bringen. – Vielleicht sind hier die Toten gemeint, die Jeḥezqel belebt hatte.
11Aus den Hagiographen, denn es heißt: und dein Gaumen wie der beste Wein, der meinem Geliebten glatt herunterfließt; er läßt murmeln die Lippen der Schlafenden. – Vielleicht aber ist nur ein Bewegen der Lippen zu verstehen. Dies nach R. Joḥanan, denn R. Joḥanan sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Jehoçadaq: Wenn man eine Halakha im Namen [eines Toten] in dieser Welt spricht, so murmeln seine Lippen im Grabe, denn es heißt: er läßt murmeln die Lippen der Schlafenden.
12Bis er ihnen folgenden Schriftvers anführte: Bezüglich dessen der Herr euren Vätern geschworen hat, es ihnen zu geben; es heißt nicht euch, sondern ihnen. Hier ist also die Auferstehung der Toten in der Tora zu finden.
13Manche sagen, er habe ihnen folgenden Schriftvers angeführt: Ihr aber, die ihr treulich an dem Herrn, eurem Gott, festhieltet, seid heute noch alle am Leben, wie ihr heute alle am Lehen seid, ebenso werdet ihr in der zukünftigen Welt am Leben sein.
14Die Römer fragten R. Jehošua͑ b. Ḥananja: Woher, daß der Heilige, gepriesen sei er, die Toten beleben wird, und daß er weiß, was später geschehen wird? Da deutete er ihnen beides aus dem folgenden Schriftverse: Es heißt: Und der Herr sprach zu Moše: Du wirst dich bald nun zu deinen Vorfahren legen und aufstehen, und es wird dieses Volk sich abwenden. –
15Vielleicht [lese man:] und aufstehen wird dieses Volk und sich abwenden!? Er erwiderte ihnen: Immerhin habt ihr die Hälfte, daß er nämlich weiß, was später geschehen wird. Ebenso wird auch gelehrt: R. Joḥanan sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Woher, daß der Heilige, gepriesen sei er, die Toten beleben wird, und daß er weiß, was später geschehen wird? Es heißt: du wirst dich bald nun zu deinen Vorfahren legen und aufstehen &c.
16Es wird gelehrt: R. Elie͑zer b. R. Jose erzählte: Durch das Folgende habe ich die Bücher der Samaritaner, welche sagen, die Auferstehung der Toten sei nicht in der Tora zu finden, als gefälscht nachgewiesen. Ich sprach zu ihnen: Ihr habt eure Tora gefälscht ohne dadurch etwas gewonnen zu haben. Ihr sagt, die Auferstehung der Toten sei nicht in der Tora zu finden, es heißt ja: vertilgt, ja vertilgt soll diese Seele werden, ihre Sünde haftet an ihr; vertilgt, ja vertilgt, auf dieser Welt; ihre Sünde haftet an ihr, wann? Doch wohl in der zukünftigen Welt.
17H. Papa sprach zu Abajje: Sollte er ihnen doch beides aus [den Worten] vertilgt, ja vertilgt gedeutet haben!? – Die Tora gebraucht die gewöhnliche Redewendung der Menschen.
18[Hierüber streiten] folgende Tannaím: Vertilgt, ja vertilgt; vertilgt, auf dieser Welt, ja vertilgten der zukünftigen Welt – so R. A͑qiba. R. Jišma͑él sprach zu ihm: Es heißt ja bereits: dem Herrn fluchte er, er soll weggetilgt werden, gibt es denn drei Welten!? Vielmehr, soll weggetilgt werden, auf dieser Welt; vertilgt, in der zukünftigen Welt; ja vertilgt, die Tora gebraucht die gewöhnliche Redeweise der Menschen. –
19Wofür verwenden sowohl R. Jišma͑él als auch R. A͑qiba [die Worte:] ihre Sünde haftet an ihr!? – Für folgende Lehre: Man könnte glauben, selbst wenn er Buße getan hat, so heißt es: ihre Sünde haftet an ihr; ich sage es nur von dem Falle, wenn ihre Sünde ihr anhaftet.
20Die Königin Kleopatra sprach zu R. Meír: Ich weiß, daß die Toten auferstehen werden, denn es heißt: sie werden aus der Stadt hervorblühen wie die Pflanzen aus der Erde; werden sie aber nackt auferstehen oder mit den Gewändern? Er erwiderte ihr: Dies ist [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere, von einem Weizenkorn, zu folgern: wenn ein Weizenkorn, das nackt begraben wird, in viele Gewänder gehüllt hervorkommt, um wieviel mehr die Frommen, die in ihren Gewändern begraben werden.
21Der Kaiser sprach zu R. Gamliél: Ihr sagt, daß die Toten lebendig werden; sie werden ja in Staub verwandelt: kann denn Staub leben!?
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.