Sanhedrin — Blatt 91a
1Da sprach seine Tochter zu ihm: Laß du ihn, ich will ihm antworten: Wir haben zwei Töpfer in unserer Stadt, einer fertigt [Gefäße] aus Wasser und einer fertigt sie aus Ton; wer von ihnen ist lobenswerter? Dieser erwiderte: Derjenige, der sie aus Wasser fertigt. Sie entgegnete: Wenn er [Menschen] aus Wasser erschafft, um wieviel mehr aus Ton.
2In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Dies ist [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere, von einem Glasgefäße, zu folgern: wenn ein Glasgefäß, das durch den Hauch eines [Menschen aus] Fleisch und Blut gefertigt wurde, wenn es zerbricht, wieder hergestellt werden kann, um wieviel mehr [ein Mensch aus] Fleisch und Blut, der durch den Hauch des Heiligen, gepriesen sei er, erschaffen wurde.
3Einst sprach ein Minäer zu R. Ami: Ihr sagt, daß die Toten lebendig werden: sie werden ja in Staub verwandelt: kann denn Staub leben!? Dieser erwiderte: Ich will dir ein Gleichnis sagen, womit dies zu vergleichen ist. Einst befahl ein König aus Fleisch und Blut seinen Dienern, ihm große Paläste auf einem Platze zu bauen, wo weder Wasser noch Erde vorhanden ist. Sie gingen hin und bauten sie, aber nach einigen Tagen fielen sie wieder zusammen. Hierauf befahl er ihnen, sie abermals auf einen Platz zu bauen, wo Erde und Wasser vorhanden sind. Diese erwiderten ihm: Wir können es nicht.
4Da zürnte er ihnen, indem er zu ihnen sprach: Ihr habt auf einem Platze gebaut, wo weder Wasser noch Erde vorhanden war, um wieviel mehr werdet ihr es da können, wo Wasser und Erde vorhanden sind. Wenn du dies nicht glaubst, so gehe in das Tal und betrachte die Maus, die heute zur Hälfte Fleisch und zur Hälfte Erde ist, morgen aber entwickelt sie sich und ist ganz und gar Fleisch. Vielleicht glaubst du, solches geschehe erst nach langer Zeit, so steige auf einen Berg und beobachte: heute siehst du da nicht eine Schnecke, morgen aber regnet es, und er ist voll Schnecken.
5Einst sprach ein Minäer zu Gebiha b. Pesisa: O über euch, ihr Schuldbeladenen, die ihr sagt, die Toten werden lebendig; wenn sogar die Lebenden sterben, wie sollten die Verstorbenen lebendig werden!? Dieser erwiderte ihm: O über euch, ihr Schuldbeladenen, die ihr sagt, die Toten werden nicht lebendig; wenn sogar, die noch nicht waren, leben, um wieviel mehr, die bereits waren. Jener sprach: Du nennst mich Schuldbeladenen, wenn ich dir einen Fußtritt versetze, schlage ich dir deinen Buckel gerade. Dieser erwiderte: Tust du dies, so bist du ein guter Arzt und erhältst eine große Belohnung.
6Die Rabbanan lehrten: Am vierundzwanzigsten Nisan wurden die Zollpächter aus Judäa und Jerušalem entfernt. Einst kamen nämlich die Einwohner von Afrika und führten einen Streit mit den Jisraéliten vor Alexander dem Mazedonier, indem sie sagten, das Land Kenaa͑n gehöre ihnen, denn es heißt: das Land Kenaa͑n in seiner Ausdehnung; Kenaa͑n war nämlich der Stammvater von jenen Leuten.
7Da sprach Gebiha b. Pesisa zu den Weisen: Erlaubt es mir, und ich will gehen und mit ihnen den Streit vor Alexander dem Mazedonier führen; besiegen sie mich, so saget: ihr habt nur einen Gemeinen unter uns besiegt, und besiege ich sie, so saget: die Tora Mošes hat euch besiegt. Da erlaubten sie es ihm, und er ging und führte den Streit mit ihnen.
8Er sprach zu ihnen: Woher wollt ihr dies beweisen? Sie erwiderten ihm: Aus der Tora. Er entgegnete ihnen: Auch ich will euch nur mit einem Beweise aus der Tora erwidern. Es heißt: verflucht sei Kenaa͑n, als niedrigster Sklave soll er seinen Brüdern dienen. Wem gehört, wenn ein Sklave Güter erwirbt, der Sklave und wem gehören die Güter? Und noch mehr, ihr habt uns seit vielen Jahren nicht gedient.
9Hierauf sprach der König Alexander zu ihnen: Gebt ihnen Antwort. Sie sprachen zu ihm: Gewähre uns eine Frist von drei Tagen. Da gewährte er ihnen diese Frist. Nachdem sie aber nach einer Antwort gesucht und keine gefunden hatten, liefen sie fort und ließen ihre Felder bebaut und ihre Weinberge bepflanzt zurück. Jenes Jahr war gerade ein Siebentjähr.
10Wiederum ereignete es sich einst, daß die Einwohner von Miçrajim kamen und einen Streit mit den Jisraéliten vor Alexander dem Mazedonier führten, indem sie zu ihnen sagten: Es heißt: und der Herr hatte den Leuten bei den Miçrijim Gunst verschafft, sodaß sie ihnen liehen. Gebt uns nun das Silber und das Gold zurück, das ihr von uns genommen habt.
11Da sprach Gebiha b. Pesisa zu den Weisen: Erlaubt es mir, und ich will gehen und mit ihnen den Streit vor Alexander [dem Mazedonier] führen; besiegen sie mich, so saget: ihr habt nur einen Gemeinen unter uns besiegt, und besiege ich sie, so saget, die Tora unseres: Meisters Moše hat euch besiegt. Da erlaubten sie es ihm, und er ging und führte den Streit mit ihnen.
12Er sprach zu ihnen: Woher wollt ihr dies beweisen? Sie erwiderten ihm: Aus der Tora. Er entgegnete ihnen: Auch ich will euch nur mit einem Beweise aus der Tora erwidern. Es heißt: und der Aufenthalt der Kinder Jisraél in Miçrajim betrug vierhundertunddreißig Jahre. Bezahlet uns nun den Arbeitslohn für sechzig Myriaden [Menschen], die ihr vierhundertunddreißig Jahre in Miçrajim zur Knechtschaft angehalten habt.
13Hierauf sprach Alexander der Mazedonier zu ihnen: Gebt ihnen Antwort. Sie sprachen zu ihm: Gewähre uns eine Frist von drei Tagen. Da gewährte er ihnen diese Frist. Nachdem sie aber nach einer Antwort gesucht und keine gefunden hatten, ließen sie ihre Felder bebaut und ihre Weinberge bepflanzt zurück und liefen fort. Jenes Jahr war gerade ein Siebentjahr.
14Wiederum ereignete es sich einst, daß die Nachkommen von Jišma͑él und Qeṭura kamen und einen Streit mit den Jisraéliten vor Alexander dem Mazedonier führten, indem sie zu ihnen sagten: Das Land Kenaa͑n gehört uns und euch, denn es heißt: das sind die Nachkommen Jišma͑éls, des Sohnes Abrahams, und ferner heißt es: das sind die Nachkommen Jiçḥaqs, des Sohnes Abrahams.
15Da sprach Gebiha b. Pesisa zu den Weisen: Erlaubt es mir, und ich will gehen und mit ihnen den Streit vor Alexander dem Mazedonier führen; besiegen sie mich, so saget: ihr habt nur einen Gemeinen unter uns besiegt, und besiege ich sie, so saget: die Tora unseres Meisters Moše hat euch besiegt. Da erlaubten sie es ihm, und er ging und führte den Streit mit ihnen.
16Er sprach zu ihnen: Woher wollt ihr dies beweisen? Sie erwiderten ihm: Aus der Tora. Er entgegnete ihnen: Auch ich will euch nur mit einem Beweise aus der Tora erwidern. Es heißt: Abraham übergab all seine Habe dem Jiçḥaq, aber den Söhnen der Kebsweiber, die Abraham hatte, gab Abraham Geschenke. Wenn nun ein Vater bei Lebzeiten unter seine Kinder Legate verteilt und den einen vom anderen fortschickt, haben sie dann irgend welche Ansprüche an einander!? – Welche Geschenke waren es? R. Jirmeja b. Abba erwiderte: Er übergab ihnen die Namen der Unreinheit.
17Antoninus sprach zu Rabbi: Körper und Seele können sich ja beide von der Strafe befreien, indem der Körper sagen kann, die Seele habe gesündigt, denn seitdem sie von ihm fort ist, liegt er ja wie ein Stein im Grabe, und die Seele sagen kann, der Körper habe gesündigt, denn seitdem sie von ihm fort ist, schwebt sie ja wie ein Vogel in der Luft umher. Dieser erwiderte ihm: Ich will dir ein Gleichnis sagen, womit dies zu vergleichen ist. Einst hatte ein König aus Fleisch und Blut
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.