Sanhedrin — Blatt 91b
1schöne Früchte in seinem Obstgarten, in dem er zwei Wächter angestellt hatte, einen lahmen und einen blinden. Da sprach der Lahme zum Blinden: Ich sehe schöne Frühfrüchte im Garten; komm, laß mich auf dir reiten, und wir holen sie uns und essen. Hierauf setzte sich der Lahme auf den Blinden, und sie holten sie und aßen.
2Nach Verlauf von Tagen kam der Eigentümer des Obstgartens und fragte sie, wo denn die schönen Frühfrüchte hingekommen seien. Der Lahme erwiderte: Habe ich denn Füße, um gehen zu können? Der Blinde erwiderte: Habe ich denn Augen, um sehen zu können? Was tat er nun? Er setzte den Lahmen auf den Blinden und bestrafte sie zusammen.
3Ebenso verfährt auch der Heilige, gepriesen sei er; er holt die Seele und bringt sie in den Körper, sodann bestraft er sie zusammen, wie es heißt: er ruft den Himmel droben und die Erde, um mit seinem Volke zu rechten; er ruft den Himmel droben, das ist die Seele, und die Erde, um mit seinem Volke zu rechten, das ist der Körper.
4Antoninus fragte Rabbi: Weshalb geht die Sonne im Osten auf und im Westen unter? Dieser sprach: Verhielte es sich umgekehrt, so würdest du dasselbe gefragt haben. Jener entgegnete: Folgendes frage ich dich: weshalb geht sie im Westen unter?
5Dieser erwiderte: Um ihren Schöpfer zu begrüßen, denn es heißt: das Heer des Himmels verneigt sich vor dir. Jener fragte: Sollte sie doch bis zur Hälfte des Himmels herankommen, ihren Gruß entbieten und sich dann zurückziehen!? – Wegen der Tagelöhner und der Reisenden.
6Ferner fragte Antoninus Rabbi: Wann kommt die Seele in den Menschen, beim Bedenken oder bei der Bildung [des Embryos]? Dieser erwiderte: Bei der Bildung. Jener entgegnete: Ist es denn möglich, daß ein Stück Fleisch ungesalzen drei Tage ohne übelriechend zu werden sich hält!? Vielmehr, beim Bedenken. Rabbi sagte: Dies lehrte mich Antoninus, und ein Schriftvers unterstützt ihn, denn es heißt: dein Gedenken bewahrte meinen Geist.
7Ferner fragte Antoninus Rabbi: Seit wann herrscht der böse Trieb im Menschen, seit seiner Bildung oder seit seiner Ankunft? Dieser erwiderte: Seit seiner Bildung. – Demnach artet er schon im Leibe seiner Mutter aus und kommt dann heraus!? Vielmehr, seit seiner Ankunft. Rabbi sagte: Dies lehrte mich Antoninus, und ein Schriftvers unterstützt ihn, denn es heißt: vor der Tür lauert die Sünde.
8Reš Laqiš wies auf einen Widerspruch hin: Es heißt: unter ihnen Blinde und Lahme, Schwangere und Wöchnerinnen zusammen, dagegen heißt es: dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird jauchzen; denn in der Wüste brechen Wasser hervor und Fluten in der Steppe. Wie ist dies nun zu erklären? Sie werden mit ihren Gebrechen auferstehen und genesen.
9U͑la wies auf einen Widerspruch hin: Es heißt: vernichten wird er den Tod auf immer und Gott, der Herr, wird die Tränen von allen Gesichtern abwischen, dagegen heißt es: als Hundertjährige werden die Jünglinge sterben; nicht soll es dort einen Säugling geben!? Das ist kein Widerspruch; eines gilt von den Jisraéliten, und eines gilt von den weltlichen Völkern. – Was sollen da die weltlichen Völker!? – Diejenigen, von denen es heißt: Fremde werden eure Herden weiden, und Fremdlinge werden eure Ackerleute und eure Winzer sein.
10R. Ḥisda wies auf einen Widerspruch hin: Es heißt: der Mond wird sich schämen und die Sonne zu schänden werden, denn der Herr der Heerscharen wird König sein, dagegen heißt es: das Licht des Mondes wird dem Lichte der Sonne gleichen und das Licht der Sonne wird siebenfach sein, wie das Licht der sieben Tage!? Das ist kein Widerspruch; eines gilt von den messianischen Tagen und eines gilt von der zukünftigen Welt. –
11Nach Šemuél aber, welcher sagt, zwischen dieser Welt und den messianischen Tagen gebe es keinen anderen Unterschied als die Knechtschaft der Regierung!? – Das ist kein Widerspruch; eines gilt vom Lager der Frommen, und eines gilt vom Lager der Göttlichkeit.
12Raba wies auf einen Widerspruch hin: Es heißt: ich töte und mache lebendig, und es heißt: ich verwunde und schaffe Heilung!? – Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: zuerst belebe ich, die ich getötet habe, nachher heile ich, die ich verwundet habe.
13Die Rabbanan lehrten: Ich töte und mache lebendig; man könnte glauben, er töte den einen und mache den anderen lebendig, wie es gewöhnlich in der Welt zugeht, so heißt es: ich verwunde und schaffe Heilung; wie die Verwundung und die Heilung an derselben Person erfolgt, ebenso erfolgt auch die Tötung und die Belebung an derselben Person. Hieraus entnehme man eine Erwiderung gegen diejenigen, welche sagen, die Auferstehung der Toten sei nicht in der Tora zu finden.
14Es wird gelehrt: R. Meír sagte: Wo ist die Auferstehung der Toten in der Tora zu finden? Es heißt: damals wird Moše mit den Jisraéliten folgendes Lied dem Herrn singen; es heißt nicht sang, sondern wird singen. Hier ist also die Auferstehung der Toten in der Tora zu finden. Ebenso heißt es: damals wird Jehošua͑ dem Herrn einen Altar bauen; es heißt nicht baute, sondern wird bauen. Hier ist also die Auferstehung der Toten in der Tora zu finden. –
15Es heißt ja aber auch: damals wird Šelomo dem Kemoš, dem Scheusale der Moabiter, eine Anhöhe errichten; ist etwa auch hier zu erklären, er werde errichten!? – Vielmehr, die Schrift rechnete es ihm an, als hätte er sie errichtet.
16R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Wo ist die Auferstehung der Toten in der Tora zu finden? Es heißt: Heil denen, die in deinem Hause weilen, immerwährend werden sie dich preisen. Sela; es heißt nicht: sie priesen dich, sondern: sie werden dich preisen. Hier ist also die Auferstehung der Toten in der Tora zu finden. Ferner sagte R. Jehošua͑ b. Levi: Wer [dem Herrn] in dieser Welt einen Lobgesang anstimmt, dem ist es beschieden, dies auch in der zukünftigen Welt zu tun, denn es heißt: Heil denen, die in deinem Hause weilen, immerwährend werden sie dich preisen.
17R. Ḥija b. Abba sagte im Namen R. Joḥanans: Wo ist die Auferstehung der Toten in der Tora zu finden? Es heißt: die Stimme deiner Späher, sie erheben ihre Stimme, gemeinsam werden sie jauchzen &c.; es heißt nicht sie jauchzen, sondern sie werden jauchzen. Hier ist also die Auferstehung der Toten in der Tora zu finden. Ferner sagte R. Ḥija b. Abba im Namen R. Joḥanans: Dereinst werden alle Propheten gemeinsam ein Lied anstimmen, denn es heißt: die Stimme deiner Späher, sie erheben ihre Stimme, gemeinsam werden sie jauchzen.
18R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Wenn jemand einem Schüler eine Halakha vorenthält, so ist es ebenso, als hätte er ihm das Erbe seiner Väter geraubt, denn es heißt: ein Gesetz verordnete uns Moše, zum Erbbesitze für die Gemeinde Ja͑qobs; sie ist seit den sechs Schöpfungstagen ein Erbbesitz für ganz Jisraél. R. Ḥana b. Bizna sagte im Namen R. Šimo͑n des Frommen: Wenn jemand einem Schüler eine Halakha vorenthält, so verfluchen ihn sogar die Geburten im Leibe ihrer Mutter, denn es heißt:wer Getreide zurückhält,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.