Sanhedrin — Blatt 94a
1Diese waren bedeutender als er und er war bedeutender als sie. Diese waren bedeutender als er, denn diese waren Propheten, er aber war kein Prophet; er war bedeutender als sie, denn er sah [die Erscheinung], sie aber sahen sie nicht. –
2Wenn sie nichts sahen, weshalb erschraken sie nun? – Obgleich sie selber sie nicht sahen, so sah sie ihr Geist. Rabina sagte: Hieraus ist zu entnehmen, daß, wenn jemand sich ängstigt, sein Geist etwas sieht, obgleich er [physisch] nichts sieht. –
3Was mache er nun? – Er hüpfe vier Ellen von seinem Platze, oder er lese das Šema͑. Wenn er sich aber auf einer schmutzigen Stelle befindet, so spreche er wie folgt: Die Ziege beim Schlächter ist fetter als ich.
4Groß ist die Herrschaft und der Friede ohne Ende &c. R. Tanḥum sagte: Bar Qappara trug hierüber in Sepphoris vor: Weshalb ist das Mem in der Mitte eines Wortes überall offen, dieses aber geschlossen? Der Heilige, gepriesen sei er, wollte Ḥizqija zum Messias und Sanḥerib zu Gog und Magog
5machen, da sprach die Eigenschaft der Gerechtigkeit vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, wenn du David, den König von Jisraél, der viele Lieder und Lobgesänge vor dir angestimmt hat, nicht zum Messias gemacht hast, wie willst du nun Ḥizqija, dem du all diese Wundertaten erwiesen hast, ohne daß er vor dir ein Lied angestimmt hätte, zum Messias machen!? Daher blieb es geschlossen.
6Darauf begann die Erde und sprach vor ihm: Herr der Welt, ich werde für diesen Frommen ein Lied anstimmen; mache ihn doch zum Messias. Alsdann hub sie an und sprach ein Lied vor ihm, wie es heißt: Vom Saume der Erde her vernahmen wir Lobgesänge: Herrlichkeit für den Frommen &c.
7Hierauf sprach der Fürst der Welt vor ihm: Herr der Welt, willfahre diesem Frommen seinen Wunsch. Da ertönte eine Hallstimme und sprach: Mein Geheimnis für mich, mein Geheimnis für mich. Darauf sprach der Prophet: Wehe mir, wehe mir; wie lange noch! Da ertönte eine Hallstimme und sprach: Räuber rauben, Raub rauben die Räuber. Dies erklärte Raba, nach anderen R. Jiçḥaq: Bis die Räuber und die Berauber der Räuber gekommen sein werden.
8Ausspruch über Duma. Aus Sei͑r ruft man mir zu: Wächter, wie spät ist es in der Nacht, Wächter, wie spät ist es in der Nacht &c. R. Joḥanan sagte: Der Engel, der über die Geister gesetzt ist, heißt Duma; alle Geister versammelten sich nämlich vor Duma und sprachen zu ihm: Wächter, wie spät ist es in der Nacht, Wächter, wie spät ist es in der Nacht? Der Wächter spricht: Der Morgen ist gekommen, aber auch die Nacht. Wenn ihr fragen wollt, so kommt nur wieder und fragt.
9Im Namen des R. Papjas wurde gelehrt: Es ist beschämend für Ḥizqija und sein Kollegium, daß sie kein Lied angestimmt hatten, bis die Erde angehoben und eines anstimmte, denn es heißt: vom Saume der Erde her vernahmen wir Lobgesänge; Herrlichkeit für den Frommen &c. Desgleichen heißt es: und Jithro sprach: Gepriesen sei der Herr, daß er euch befreit hat. Hierzu wurde im Namen des R. Papjas gelehrt: Es ist beschämend für Moše und seine sechzig Myriaden, daß sie den Namen Gottes nicht gepriesen hatten, bis Jithro kam und ihn pries.
10Und Jithro freute sich. [Hierüber streiten] Rabh und Šemuél; Rabh erklärt, er ließ ein scharfes Schwert über seinen Leib fahren; Šemuél erklärt, sein ganzer Leib zog sich in Falten zusammen. Rabh sagte: Das ist es, was die Leute sagen: Vor einem Proselyten in der zehnten Generation beschäme keinen Aramäer.
11Darum wird Gott, der Herr der Heerscharen, in sein Fett die Darre senden. Was heißt: In sein Fett die Darre? – Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Es komme Ḥizqijahu, der acht Namen hat, und übe Rache an Sanḥerib, der ebenfalls acht Namen hat. Ḥizqija, denn es heißt: ein Kind wird uns geboren, ein Sohn wird uns gegeben und die Herrschaft kommt auf seine Schulter, und man nennt ihn: Wunder, Rat, Gott, Held, Vater, Ewiger, Fürst, Frieden. – Er heißt ja auch Ḥizqija!? – [Dies bedeutet:] Gott stärke ihn. Eine andere Erklärung: Ḥizqija, er befestigte die Jisraéliten mit ihrem Vater im Himmel.
12Sanḥerib heißt: Tiglath Piléser, [Tilgath] Pilnéser, Šalmanéser. Pul, Sargon, großer und erlauchter Osnappar. – Er hieß ja aber auch Sanḥerib!? – [Dies bedeutet:] sein Reden ist Gezänk. Eine andere Erklärung: Er redete und schnaubte Worte gegen den Höchsten.
13R. Joḥanan sagte: Weshalb war es diesem Frevler beschieden, Osnappar, der große und erlauchte genannt zu werden? Weil er vom Jisraéllande nicht herabwürdigend gesprochen hat, denn es heißt: bis ich komme und euch in ein Land bringe, das eurem Lande gleicht.
14Rabh und Šemuél [streiten hierüber]; einer sagt, er war ein weiser König, und einer sagt, er war ein törichter König. Einer sagt, er war ein weiser König, wenn er ihnen nämlich gesagt hätte, in ein besseres Land als das eurige, so würden sie gesagt haben, er lüge; einer sagt, er war ein törichter König, denn dies ist ja keine Großtat. –
15Wo führte er sie hin? Mar Zuṭra sagte, nach Afrika; R. Ḥanina sagte, nach den Selugbergen. Die Jisraéliten aber sprachen herabwürdigend vom Jisraéllande. Als sie nämlich nach Šuš kamen, sagten sie, dieses gleiche unserem Lande; als sie nach A͑lmin kamen, sagten sie, es gleiche der ewigen Stadt; als sie nach Šuš Tre kamen, sagten sie, dieses sei doppelt [so schön.]
16Und unter seiner Herrlichkeit wird ein Brand entbrennen wie Feuerbrand. R. Joḥanan sagte: Unter seiner Herrlichkeit, nicht aber seine Herrlichkeit selbst. R. Joḥanan nannte nämlich seine Kleider: ‘meine Herrlichkeit’. R. Elea͑zar erklärte: Unter seiner Herrlichkeit, wörtlich, wie bei der Verbrennung der Söhne Ahrons; wie bei diesen nur die Seelen verbrannten und die Körper erhalten blieben, ebenso verbrannte auch hierbei die Seele und der Körper blieb erhalten.
17Im Namen des R. Jehošua͑ b. Qorḥa wurde gelehrt: Der Pareo͑ lästerte selber, daher bestrafte ihn der Heilige, gepriesen sei er, selber; Sanḥerib lästerte
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.