Sanhedrin — Blatt 95b

1denn es heißt: da zog Ja͑qob aus von Beér Šeba͑ und ging nach Ḥaran, und darauf heißt es: da kam er an einen Ort heran und übernachtete daselbst, denn die Sonne war untergegangen. Als er in Ḥaran angekommen war, sprach er: Es ist nicht schicklich, daß ich an einem Orte vorübergegangen bin, an dem meine Vorfahren ein Gebet verrichtet haben, ohne da ein Gebet verrichtet zu haben. Nachdem er umzukehren beschlossen hatte, zog sich ihm der Weg zusammen und er war sofort da.

2Eine andere Erklärung: Unter ‘herankommen’ ist das Beten zu verstehen, denn es heißt: du sollst für dieses Volk nicht bitten, keine Klage und kein Gebet für sie erheben, und mir mit Fürbitte nicht herankommen.

3Und er übernachtete daselbst, denn die Sonne war untergegangen. Nachdem er das Gebet verrichtet hatte, wollte er umkehren, da sprach der Heilige, gepriesen sei er: Dieser Fromme ist in meiner Wohnung eingekehrt; sollte er nun fortgehen, ohne übernachtet zu haben! Da ließ er die Sonne untergehen. Hierauf deutet der Schriftvers: und die Sonne ging ihm auf; ging sie denn nur für ihn allein auf, sie ging ja für die ganze Welt auf? Vielmehr, erklärte R. Jiçḥaq, die Sonne, die seinetwegen untergegangen war, ging auf.

4Woher, daß die Nachkommen Davids untergegangen sind? – Es heißt: als aber A͑thalja, die Mutier Aḥazjahus, erfuhr, daß ihr Sohn tot sei, machte sie sich auf und brachte die ganze königliche Familie um. – Aber Joaš war ja zurückgeblieben!? – Auch dort war Ebjathar zurückgeblieben, denn es heißt: nur ein Sohn Aḥimelekhs, des Sohnes Aḥiṭubs, namens Ebjathar, entkam. R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Wäre von Aḥimelekh, dem Sohne Aḥiṭubs, Ebjathar nicht entkommen, so würde auch von den Nachkommen Davids kein Entkommener und Entronnener zurückgeblieben sein.

5R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Der ruchlose Sanḥerib rückte gegen sie heran mit fünfundvierzigtausend Prinzen, die in goldenen Wagen saßen und Kebsweiber und Huren mit sich führten, und achtzigtausend mit Panzern gerüsteten Kriegshelden und sechzigtausend Mann mit Schwertern bewaffnet, die vor ihm gingen, und Reiterei. Ebenso rückten sie gegen Abraham heran, und ebenso werden sie dereinst beim Kriegszuge von Gog und Magog kommen.

6In einer Barajtha wird gelehrt: Sein Heer hatte eine Länge von vierhundert Parasangen, die Frontbreite seiner Pferde betrug vierzig Parasangen; sein ganzes Heer betrug zweihundertsechzigtausend Myriaden weniger eines. Abajje fragte: Weniger eines Tausends, weniger eines Hunderts oder weniger eines einzigen? – Dies bleibt unentschieden.

7Es wird gelehrt: Die erstenüberschritten [den Strom] schwimmend, denn es heißt: er wird Jehuda durchbrausen, es überfluten und überschwemmen; die mittelsten überschritten ihn stehend, denn es heißt: daß sie bis an den Hals reichen; die letzten hatten schon Staub an den Füßen, sie fanden im Strome nicht einmal Wasser zum Trinken und mußten es vielmehr aus einer anderen Stelle bringen, denn es heißt: ich grub und trank fremde Wasser &c. –

8Es heißt ja aber: in derselben Nacht aber ging ein Engel des Herrn aus und schlug im Lager von Ašur hundertfünfundachtzig Tausend; und als man sich des Morgens früh aufmachte, fand man sie alle als leblose Leichen!? R. Abahu erwiderte: Das waren nur die Truppenanführer.

9R. Aši sagte: Dies ist auch zu beweisen, denn es heißt: in sein Fett die Darre, nur die Fetten unter ihnen. Rabina sagte: Dies ist auch zu beweisen, denn es heißt: da sandte der Herr einen Engel, der vertilgte sämtliche Krieger, Heerführer und Oberste im Lager &c. Als er sich nun in den Tempel seines Gottes begab, fällten ihn dort welche, die von seinem eigenen Leibe gekommen waren, durchs Schwert. Schließe hieraus. –

10Womit erschlug er sie? R. Elie͑zer sagte: Er erschlug sie mit der Hand, denn es heißt: da erkannte Jisraél die große Hand, die Hand, die später Sanḥerib bestrafen sollte. R. Jehošua͑ sagte: Er erschlug sie mit dem Finger, denn es heißt: da sprachen die Zauberer zum Pareo͑: Das ist ein Finger Gottes, das ist der Finger, der später den ruchlosen Sanḥerib bestrafen sollte. R. Elie͑zer, Sohn R. Jose des Galiläers, sagte: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Gabriél: Ist deine Sichel ausgestreckt? Dieser sprach vor ihm: Herr der Welt, sie ist bereits seit den sechs Schöpfungstagen ausgestreckt. Es heißt nämlich: denn vor Schwertern sind sie flüchtig geworden &c.

11R. Šimo͑n b. Joḥaj sagte: Es war gerade die Reifezeit der Früchte, da sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu Gabriél: Wenn du ausgehst, um die Früchte reif zu machen, so stoße auf diese. Es heißt nämlich: Wenn er daherfährt, wird er euch fassen; denn Morgen für Morgen fährt er daher, am Tage und in der Nacht, und eitel Schauder wird das Empfangen solches Unterrichtes sein &c. R. Papa sagte: Das ist es, was die Leute sagen: im Vorübergehen lasse deinen Feind von dir hören.

12Manche sagen: Er blies ihnen in die Nase und sie starben, denn es heißt: er bläst sie an und sie verdorren. R. Jirmeja b. Abba sagte: Er schlug die Hände zusammen und sie starben, denn es heißt: auch ich schlage eine Hand gegen die andere und verschaffe meinem Grimme Ruhe. R. Jiçḥaq der Schmied sagte: Er öffnete ihnen die Ohren und sie hörten die Lobgesänge aus dem Munde der Tiere, wodurch sie starben denn es heißt: vor deiner Erhabenheit zerstieben die Völker. –

13Wieviel waren von ihnen zurückgeblieben? Rabh erwiderte: Zehn, denn es heißt: und der Rest der Bäume in seinem Walde wird zu zählen sein, daß ein Kind sie aufschreiben kann, und zehn ist es, was ein Kind schreiben kann. Šemuél erwiderte: Neun, denn es heißt: eine Nachlese wird von ihm übrig bleiben wie beim Abschlagen der Oliven: zwei, drei Beeren im obersten Wipfel, vier und fünf in den Ästen.

14R. Jehošua͑ b. Levi erwiderte: Vierzehn, denn es heißt: zwei, drei &c. vier und fünf. R. Joḥanan erwiderte: Fünf: Sanḥerib und seine beiden Söhne, Nebukhadneçar und Nebuzarádan. Von Nebuzarádan [wissen wir dies aus einer] Überlieferung. Von Nebukhadneçar heißt es: und der vierte gleicht in seinem Aussehen einem Göttersohne; woher würde er dies denn gewußt haben, wenn er einen solchen nicht gesehen hätte? Von Sanḥerib und seinen beiden Söhnen heißt es: und während er einst im Tempel seines Gottes Nisrokh anbetete, erschlugen ihn seine Söhne Adrammelekh und Saréçer durch das Schwert.

15R. Abahu sagte: Wäre es nicht ein geschriebener Schriftvers, so dürfte man es gar nicht aussprechen: An jenem Tage wird der Herr mit dem Schermesser, das jenseits des Stromes gedungen ist, dem Könige von Ašur Haupt- und Schamhaare abscheren, und auch der Bart wird eingehen.

16Der Heilige, gepriesen sei er, erschien ihm als Greis und sprach zu ihm: Was wirst du zu den Königen des Ostens und des Westens, deren Söhne du mitgenommen hattest, wenn du zu ihnen kommst, sagen? Dieser erwiderte: In dieser Angst befinde ich mich eben. (Er fragte:) Was soll ich nun tun? Er erwiderte ihm: Geh

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.