Sanhedrin — Blatt 96a

1und ändere dein Aussehen. – Wie mache ich dies? Er erwiderte ihm: Geh und hole mir eine Schere, und ich werde dich scheren. – Wo soll ich eine hernehmen? Er erwiderte ihm: Geh in jenes Haus und hole sie. Als er hineinging, traf er da Engel, die ihm wie Menschen erschienen, die Fruchtkerne mahlten.

2Da sprach er zu ihnen: Gebt mir eine Schere. [Sie erwiderten ihm:] Mahle ein Maß Fruchtkerne, so geben wir dir eine. Hierauf mahlte er ein Maß Fruchtkerne, und sie gaben ihm eine Schere. Als er zurückkam, war es bereits finster geworden; da sprach er zu ihm: Geh, hole Feuer. Da ging er fort und holte Feuer; und als er es anfachen wollte, wurde sein Bart in Brand gesetzt. Alsdann schor er ihm den Kopf und den Bart. Hierauf deutet der Schriftvers: und auch der Bart wird eingehen . R. Papa sagte: Das ist es, was die Leute sagen: Wenn du einem Aramäer [das Haar] abschneidest und es ihm gefällt, so stecke ihm den Bart in Brand, dann wirst duüber ihn nicht genug lachen können.

3Hierauf ging er fort und fand ein Brett von der Arche Noaḥs. Da sprach er: Das ist der große Gott, der Noaḥ vom Ertrinken rettete; (er sprach:) wenn ich jetzt Gelingen habe, so bringe ich dir meine beiden Söhne als Opfer dar. Als seine Söhne dies hörten, töteten sie ihn; hierauf deutet der Schriftvers: und während er einst im Tempel seines Gottes Nisrokh anbetete, erschlugen ihn seine Söhne Adrammelekh und Saréçer durch das Schwert &c.

4Da teilte er sich wider sie, er und seine Leute, in der Nacht und schlug sie &c. R. Joḥanan sagte: Der Engel, der sich Abraham einstellte, hieß Nacht, denn es heißt: und die Nacht, die da sprach: es wurde ein Knabe empfangen. R. Jiçḥaq der Schmied sagte: Es ereigneten sich ihm Dinge, wie sie in der Nacht geschahen, denn es heißt: vom Himmel her kämpften dir Sterne, von ihren Bahnen kämpften sie mit Sisra. Reš Laqiš sagte: Die [Erklärung] des Schmiedes ist besser als die des Schmiedessohnes.

5Er verfolgte sie bis Dan. R. Joḥanan sagte: Als dieser Fromme bis Dan herankam, schwand ihm seine Kraft, denn er sah, daß seine Kindeskinder dereinst in Dan Götzen dienen werden, wie es heißt: und er stellte das eine in Beth-él auf, das andere aber tat er nach Dan. Auch jener Frevler gewann an Kraft erst als er Dan erreicht hatte, denn es heißt: von Dan her läßt sich das Schnauben seiner Rosse vernehmen.

6R. Zera sagte: Obgleich R. Jehuda b. Bethera aus Nezibis sagen ließ, daß man gegen einen Greis, der unverschuldet seine Gesetzeskunde vergessen hat, aufmerksam sei, daß man mit den Halsadern vorsichtig sei, nach R. Jehuda, und daß man aufmerksam sei gegen die Söhne unwissender Leute, von denen Gesetzeskunde ausgeht, so darf man ihnen dennoch folgendes sagen:

7Du bleibst im Rechte, Herr, wenn ich mit dir hadern wollte; doch zur Rede möchte ich dich stellen, warum das Treiben der Frevler Gelingen hat, und warum alle, die treulos handeln, unangefochten bleiben? Du pflanztest sie ein, sie schlagen auch Wurzel, sie gedeihen, bringen auch Frucht. Was erwiderte man ihm? – Wenn du mit Fußgängern läufst und die dich schon ermüden, wie willst du mit Rossen um die Wette laufen. Und fühlst du dich im friedlichen Lande sicher, was willst du tun im Dickicht des Jardens?

8Ein Gleichnis. Einst sagte jemand, er könne drei Parasangen vor Pferden in einem Sumpfe laufen; als sich ihm darauf ein Fußgänger einstellte, vor dem er drei Mil auf trockenem Boden lief und müde wurde, sprach man zu ihm: Wenn dies vor einem Fußgänger der Fall ist, um wieviel mehr vor Pferden; wenn dies bei drei Mil der Fall ist, um wieviel mehr bei drei Parasangen; und wenn dies auf trockenem Boden der Fall ist, um wieviel mehr in einem Sumpfe.

9Ebenso verhält es sich auch bei dir: wenn du dich wunderst über die Belohnung, die ich jenem Frevler zuteil werden ließ, weil er mir zu Ehren vier Schritte lief, um wieviel mehr [wirst du dich wundern], wenn ich Abraham, Jiçḥaq und Ja͑qob, die vor mir wie die Pferde liefen, ihre Belohnung zukommen lassen werde. Hierauf deutet der Schriftvers: Wegen der Propheten ist mein Herz in meinem Innern gebrochen, es schlottern all meine Gebeine; ich bin wie ein Trunkener und wie ein Mann, den der Wein übermannt hat; vor dem Herrn und vor seinen heiligen Worten. –

10Welche vier Schritte sind es? – Es heißt: zu jener Zeit sandte Merodakh Baládan, der Sohn des Baládan, der König von Ašur, einen Brief &c. Sandte er etwa deshalb an Ḥizqijahu einen Brief und Geschenke, weil er gehört hatte, daß er krank war und zu Kräften gekommen sei? Vielmehr: und sich nach dem Wunderzeichen zu erkundigen, das im Lande geschehen war. R. Joḥanan sagte nämlich: Der Tag, an dem Aḥaz starb, hatte nur zwei Stunden,

11und als Ḥizqija krank und darauf gesund geworden war, gab ihm der Heilige, gepriesen sei er, jene zehn Stunden zurück, denn es heißt: ich will den Schatten am Sonnenzeiger des Aḥaz zehn Stufen zurückgehen lassen, über welche er gelaufen war; da ging die Sonne zehn Stufen, die sie am Sonnenzeiger herabgestiegen war, wieder zurück. Als er hierauf fragte, was dies zu bedeuten habe, erwiderte man ihm, Ḥizqija sei krank gewesen und genesen. Darauf sprach er: Es gibt einen solchen Mann, und ich sollte ihm keinen Gruß entbieten! Alsdann schrieben sie: Ein Gruß dem Könige Ḥizqija, ein Gruß der Stadt Jerušalem, ein Gruß dem großen Gott.

12Nebukhadneçar war der Kanzler Baládans und war damals nicht anweisend; als er kam, fragte er sie, was sie geschrieben hätten, und sie erwiderten ihm, so und so hätten sie geschrieben. Da sprach er zu ihnen: Ihr ruft ihn ‘großer Gott’, und nennt ihn zuletzt!? Schreibt vielmehr wie folgt: Ein Gruß dem großen Gott, ein Gruß der Stadt Jerušalem, ein Gruß dem König Ḥizqija. Da sprachen sie zu ihm: Der Leser des Briefes mag auch der Bote sein.

13Hierauf lief er ihm nach. Als er vier Schritte gelaufen war, kam [der Engel] Gabriél und hielt ihn zurück. R. Joḥanan sagte: Würde nicht Gabriél gekommen sein und ihn zurückgehalten haben, so würde es für die Feinde Jisraéls kein Mittel mehr gegeben haben. –

14Weshalb heißt er Baládan, Sohn Baládans? – Man erzählt, der König Baládan hatte das Aussehen eines Hundes bekommen, und sein Sohn wurde an seiner Stelle zum Könige eingesetzt; daher pflegte er seinen Namen und den Namen seines Vaters zu unterschreiben. Deshalb heißt es: ein Sohn ehrt seinen Vater und ein Sklave seinen Herrn.

15Ein Sohn ehrt seinen Vater, wie wir eben gesagt haben; ein Sklave seinen Herrn, denn es heißt: im fünften Monate aber, am zehnten des Monats, das ist das neunzehnte Regierungsjahr des Königs Nebukhadneçar, des Königs von Babel, rückte Nebuzarádan, der oberste der Leibwächter, der vor dem Könige von Babel Dienst hatte, nach Jerušalem und verbrannte den Tempel des Herrn und den Palast des Königs.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.