Sanhedrin — Blatt 96b
1Kam denn Nebukhadneçar nach Jerušalem, es heißt ja: und sie führten ihn zum Könige von Babel nach Ribhla, und R. Abahu sagte, es sei Antiochien!? Dies erklärten R. Ḥisda und R. Jiçḥaq b. Evdämi; einer erklärt, dessen Bild war in seinem Wagen eingraviert, und einer erklärt, er hatte ganz besondere Ehrfurcht vor ihm, sodaß es ihm schien, als stehe er vor ihm.
2Raba sagte: Eine Ladung von dreihundert Maultieren mit eisernen, Eisen zertrümmernden Beilen sandte Nebukhadneçar dem Nebuzarádan, und diese alle verschlang ein Torflügel von Jerušalem; denn es heißt: mit Beil und Hammer zerschlugen sie ihr Tafelwerk . Darauf wollte er umkehren, denn er dachte: ich fürchte, mir könnte es ebenso ergehen, wie Sanḥerib.
3Da ertönte eine Hallstimme und sprach: Springer, Sohn des Springers, springe, Nebuzarádan, denn es ist die Zeit herangereicht, daß das Heiligtum zerstört werde, daß der Tempel verbrannt werde. Ein Beil war ihm zurückgeblieben, mit diesem schlug er [auf das Tor] mit der Helmseite, und es wurde geöffnet, wie es heißt: er tut sich kund wie einer, der im Dickicht der Bäume Äxte emporhebt.
4Hierauf ging er mordend weiter, bis er an den Tempel herankam und ihn in Brand steckte; da hob er sich in die Höhe, man stieß ihn aber vom Himmel mit einem Fußtritte zurück, denn es heißt: der Herr hat die Kelter der jungfräulichen Tochter Jehuda getreten. Als hierauf jener hochmütig wurde, ertönte eine Hallstimme und sprach zu ihm: Ein totes Volk hast du getötet, einen verbrannten Tempel hast du verbrannt, gemahlenes Mehl hast du gemahlen. Es heißt nämlich: nimm die Mühle und mahle Mehl, tue den Schleier ab, hebe die Schleppe auf; entblöße die Schenkel und wate durch die Ströme; es heißt nicht: mahle Weizen, sondern Mehl.
5Darauf sah er das brausende Blut Zekharjas und fragte, was dies zu bedeuten habe; und sie erwiderten ihm, es sei verschüttetes Opferblut. Da sprach er zu ihnen: Holt mir [andere Tiere] her, ich will es untersuchen. Er schlachtete sie und [das Blut] war nicht gleich. Hierauf sprach er zu ihnen: Sagt es mir, sonst zerfetze ich euer Fleisch mit eisernen Kämmen.
6Sie erwiderten ihm: Dieser war Priester und Prophet; er weissagte den Jisraéliten die Zerstörung Jerušalems, und man tötete ihn. Da sprach er: Ich werde ihn beruhigen. Da holte er die Gelehrten und tötete sie; [das Blut] setzte sich aber nicht. Hierauf holte er die Schulkinder und tötete sie; es setzte sich aber nicht. Hierauf holte er die jungen Priester und tötete sie; es setzte sich aber nicht, Hierauf tötete er vierundneunzig Myriaden; es setzte sich aber nicht.
7Alsdann trat er heran und sprach: Zekharja, Zekharja, die besten unter ihnen habe ich bereits umgebracht; ist es dir lieb, daß ich sie alle töte? Da setzte es sich sofort. Hierauf kam ihm ein Bußgedanke in den Sinn, indem er dachte: wenn ihnen, die nur eine Seele umgebracht haben, dies geschah, was wird nun mir geschehen. Da lief er fort, sandte ein Testament nach Hause und wurde Proselyt.
8Die Rabbanan lehrten: Na͑man war Beisaßproselyt; Nebuzarádan war wirklicher Proselyt; Kindeskinder des Sisra lehrten das Gesetz in Jerušalem; Kindeskinder des Sanḥerib lehrten öffentlich das Gesetz. – Wer sind sie? – Šema͑ja und Ptolljon.
9Kindeskinder des Haman lehrten das Gesetz in Bene Beraq. Auch Kindeskinder jenes Frevlers wollte der Heilige, gepriesen sei er, unter die Fittiche der Göttlichkeit nehmen; da sprachen die Dienstengel vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, den, der dein Haus zerstört und deinen Tempel verbrannt hat, willst du nun unter die Fittiche der Göttlichkeit bringen!? Hierauf deutet der Schriftvers: wir wollten Babel heilen, aber es war nicht zu heilen, und U͑la sagte, dies beziehe sich auf Nebukhadneçar. R. Šemuél b. Naḥmani sagte: Damit sind die babylonischen Flüsse gemeint. Es wurde erklärt, es seien die der verdorrten Dattelpalmen in Babylonien.
10U͑la sagte: A͑mmon und Moab waren böse Nachbarn Jerušalems; als sie hörten, wie die Propheten die Zerstörung Jerušalems weissagten, sandten sie an Nebukhadneçar: Mache dich auf und komme. Er entgegnete: Ich fürchte, es könnte mir so ergehen, wie den ersten.
11Sie erwiderten ihm: der Mann ist nicht daheim; (er hat eine Reise in die Ferne angetreten.) Unter Mann ist der Heilige, gepriesen sei er, zu verstehen, denn es heißt: der Herr ist ein Mann des Krieges. Er entgegnete: Er ist in der Nähe und kommt bald zurück. Sie erwiderten ihm: Er hat eine Reise in die Ferne angetreten. Er entgegnete: Es befinden sich unter ihnen Fromme, die um Erbarmen flehen und ihn holen werden.
12Sie erwiderten ihm: den Geldbeutel hat er mit sich genommen. Unter Geld sind die Frommen zu verstehen, denn es heißt: ich erkaufte sie mir um fünfzehn Geldstücke und einen Ḥomer Gerste und einen Letekh Gerste.
13Er entgegnete: Die Frevler könnten Buße tun, um Erbarmen flehen und ihn holen. Sie erwiderten ihm: Er hat ihnen bereits eine Frist bestimmt. Denn es heißt: erst am Vollmondtag kehrt er wieder heim, und unter Vollmondtag ist eine festgesetzte Zeit zu verstehen, denn es heißt: am Vollmond, auf den Tag unseres Festes. Er entgegnete: Der Winter hat bereits begonnen und ich kann wegen des Schnees und des Regens nicht kommen.
14Sie erwiderten ihm: Komm über die Gipfel der Berge. Denn es heißt: sendet die Lämmer für den Beherrscher des Landes, von den Felsschluchten aus durch die Wüste zum Berge der Bewohner Çijons. Er entgegnete: Wenn ich komme, so habe ich keinen Platz, wo ich mich niederlassen könnte. Sie erwiderten ihm: Ihre Gräber sind besser als deine Paläste. Denn es heißt: zu jener Zeit, spricht der Herr, wird man die Gebeine der Könige von Jehuda und die Gebeine seiner Oberen, die Gebeine der Priester und die Gebeine der Propheten und die Gebeine der Bewohner Jerušaléms aus ihren Gräbern herausholen und sie hinbreiten der Sonne und dem Monde und dem ganzen Himmelsheere, die sie geliebt und denen sie gedient haben und denen sie nachgelaufen sind.
15R. Naḥman sprach zu R. Jiçḥaq: Hast du vielleicht gehört, wann der Sohn der Verfallenen kommen wird? Dieser fragte: Wer ist denn der Sohn der Verfallenen? Jener erwiderte: Der Messias. – Den Messias nennst du Sohn der Verfallenen!? Jener erwiderte: Freilich, denn es heißt:an jenem Tage werde ich die
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.