Sanhedrin — Blatt 97b
1wegen unserer zahlreichen Sünden aber sind schon manche von diesen verstrichen.
2Elijahu sprach zu R. Jehuda, dem Bruder R. Sala des Frommen: Die Welt hat nicht weniger als fünfundachtzig Jobelzyklen, und im letzten Jobel-Zyklus wird der Sohn Davids kommen. Dieser fragte: Am Anfang oder am Schlusse? Jener erwiderte: Ich weiß es nicht. – Wird er vollständig werden oder nicht? Jener erwiderte: Ich weiß es nicht. R. Aši erzählt, er habe ihm folgendes gesagt: Bis dahin hoffe nicht auf ihn, von dann ab aber kannst du auf ihn hoffen.
3R. Ḥanan b. Taḥlipha teilte R. Joseph mit: Ich traf einen Menschen, der eine in Quadratschrift und in der Heiligensprache geschriebene Rolle in seinem Besitze hatte, und auf meine Frage, woher er sie habe, erwiderte er mir, er hätte sich an das römische Heer vermietet und sie in einer römischen Verwahrungsstelle gefunden. Auf dieser stand geschrieben: Viertausendzweihunderteinundneunzig Jahre nach der Weltschöpfung wird die Welt verwaist sein; es folgen die Kriege der Seeungeheuer, die Kriege von Gog und Magog, und darauf die messianischen Tage; erst nach siebentausend Jahren wird der Heilige, gepriesen sei er, seine Welt von neuem errichten. R. Aḥa, Sohn des Raba, sagte: Es wurde gelehrt: nach fünftausend Jahren.
4Es wird gelehrt: R. Nathan sagte: Folgender Schriftvers durchbohrt und dringt bis in den Abgrund hinab: Für die Weissagung ist eine Frist bestimmt, sie eilt dem Ende entgegen und trügt nicht. Wenn sie sich verzögert, so harre ihrer, denn sie kommt gewiß und bleibt nicht aus.
5Nicht wie unsere Meister, die gedeutet haben [den Schriftvers]: Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit;
6und nicht wie R. Šimlaj, der gedeutet hat [den Schriftvers]: du speistest sie mit Tränenbrot und tränktest sie in reichem Maße mit Tränen;
7und nicht wie R. A͑qiba, der gedeutet hat [den Schriftvers]: denn nur noch eine kleine Frist währt es, so erschüttere ich Himmel und Erde.
8Denn das erste Reich währte siebzig Jahre, das zweite Reich währte zweiundfünfzig Jahre und das Reich des Bar-Kochba zwei und ein halbes Jahr. –
9Was heißt: sie eilt dem Ende entgegen und trügt nicht? R. Šemuél b. Naḥmani erwiderte im Namen R. Jonathans: Es schwinde der Geist derjenigen, die das Ende berechnen wollen; diese sagen nämlich, sobald das [von ihnen berechnete] Ende herangereicht, und er nicht gekommen ist, so komme er nicht mehr; vielmehr harre man seiner, denn es heißt: wenn sie sich verzögert, so harre ihrer. Vielleicht denkst du: wir harren wohl, er aber nicht, so heißt es: daher harrt der Herr, euch zu begnadigen, und er wird sich erheben, sich eurer zu erbarmen.
10Wenn nun wir harren und er ebenfalls harrt, wer hält es denn zurück? Die Eigenschaft der Gerechtigkeit hält es zurück. Weshalb harren wir nun, wenn es die Eigenschaft der Gerechtigkeit zurückhält? Um eine Belohnung zu erhalten, denn es heißt: Heil allen, die auf ihn harren.
11Abajje sagte: Die Welt hat in jedem Zeitalter nicht weniger als sechsunddreißig Fromme, die täglich das Gesicht der Göttlichkeit empfangen, denn es heißt: Heil allen, die auf ihn harren; ‘lo [ihn]’ hat den Zahlenwert sechsunddreißig. – Dem ist ja aber nicht so, Raba sagte ja, die Reihe [der Frommen] vor dem Heiligen, gepriesen sei er, betrage achtzehntausend Parasangen, denn es heißt: ringsum sind es achtzehntausend!? – Das ist kein Widerspruch: eines gilt von denen, die den leuchtenden Glanz schauen, und eines von denen, die nur den nichtleuchtenden Glanz schauen. –
12Sind sie denn so zahlreich, Ḥizqija sagt ja im Namen R. Jirmejas im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Ich sah die erhabenen Leute, ihrer sind nur wenige vorhanden; sind deren tausend, so gehöre ich und mein Sohn zu ihnen, sind deren hundert, so gehöre ich und mein Sohn zu ihnen, sind deren zwei, so sind es ich und mein Sohn!? –
13Das ist kein Widerspruch; eines gilt von denen, die nur mit Erlaubnis eintreten, und eines von denen, die ohne Erlaubnis eintreten.
14Rabh sagte: Alle [Angaben über das] Ende sind bereits vorüber; die Sache ist nur von Buße und guten Handlungen abhängig. Šemuél aber sagte: Es genügt, wenn der Leidtragende in seinem Leide verweilt. Hierüber [streiten auch] folgende Tannaím: R. Elie͑zer sagte: Wenn die Jisraéliten Buße tun, so werden sie erlöst, wenn aber nicht, so werden sie nicht erlöst. R. Jehošua͑ sprach zu ihm: Wenn sie keine Buße tun, werden sie nicht erlöst!? Vielmehr wird der Heilige, gepriesen sei er, gegen sie einen König auftreten lassen, der über sie böse Bestimmungen wie die des Haman verhängen wird, der sie zur Buße bringen und zum Besseren bekehren wird.
15Ein Anderes lehrt: R.Elie͑zer sagte: Wenn die Jisraéliten Buße tun, so werden sie erlöst, denn es heißt: kehret zurück, ihr abtrünnigen Söhne, ich will euere Abtrünnigkeit heilen. R. Jehošua͑ sprach zu ihm: Es heißt ja bereits: umsonst wurdet ihr verkauft, und ohne Geld sollt ihr erlöst werden. Umsonst wurdet ihr verkauft, wegen des Götzendienstes, und ohne Geld sollt ihr erlöst werden, ohne Buße und gute Handlungen.
16R. Elie͑zer erwiderte R. Jeḥošua͑: Es heißt ja bereits: kehret zu mir zurück, so will ich zu euch zurückkehren. R. Jehošua͑ entgegnete ihm: Es heißt ja bereits: ich habe euch mir angetraut, ich will euch holen, einen aus einer Stadt und zwei aus einem Geschlechte, und euch nach Çijon bringen.
17R. Elie͑zer erwiderte ihm: Es heißt ja bereits: in Stille und Ruhe soll euch geholfen werden. R. Jehošua͑ entgegnete R. Elie͑zer: Es heißt ja bereits: so spricht der Herr, der Erlöser Jisraéls, sein Heiliger, zu dem, der von jedem verachtet wird, der von den Völkern verabscheut wird, zu dem Sklaven von Tyrannen:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.