Sanhedrin — Blatt 99a
1Dem entspricht auch folgendes. Einst fragte ein Minäer den R. Abahu, wann der Messias kommen werde, und dieser erwiderte ihm: Wenn eure Leute von der Finsternis bedeckt sein werden. Jener entgegnete: Du fluchst mir also! Dieser erwiderte: Es ist ein Schriftvers: denn fürwahr, Finsternis bedeckt die Erde und tiefes Dunkel die Völker; doch über dir wird der Herr aufstrahlen und seine Herrlichkeit über dir erscheinen.
2Es wird gelehrt: R. Elie͑zer sagte: Die messianischen Tage werden vierzig Jahre anhalten, denn es heißt: vierzig Jahre habe ich Verdruß mit diesem Geschlechte. R. Elea͑zar b. A͑zarja sagte: Siebzig Jahre, denn es heißt: an jenem Tage wird Çor siebzig Jahre in Vergessenheit geraten, wie die Tage eines einzigen Königs; wer ist der einzige König? Der Messias.
3Rabbi sagte: Drei Generationen, denn es heißt: sie werden dich fürchten so lange die Sonne leuchtet und in Gegenwart des Mondes; Geschlecht auf Geschlechter . R. Hillel sagte: Die Jisraéliten haben keinen Messias mehr, denn sie haben ihn bereits in den Tagen Ḥizqijas verzehrt.
4R. Joseph sprach: Der Herr verzeihe R. Hillel; Ḥizqija lebte ja während des ersten Tempels, und während des zweiten Tempels weissagte Zekharja: Juble laut, Tochter Çijon, jauchze, Tochter Jerušalem; fürwahr, dein König wird bei dir einziehen; gerecht ist er und siegreich; arm ist er und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen, dem Jungen einer Eselin.
5Ein Anderes lehrt: R. Elie͑zer sagte: Die messianischen Tage werden vierzig Jahre anhalten, denn hier heißt es: er demütigte dich, ließ dich Hunger leiden und speiste dich, und dort heißt es: erfreue uns so viele Tage als du uns gedemütigt hast, so viele Jahre als wir Unglück erlebt haben.
6R. Dosa sagte: Vierhundert Jahre; denn hier heißt es: man wird sie knechten und hart bedrücken vierhundert Jahre lang, und dort heißt es: erfreue uns so viele Tage als du uns gedemütigt hast.
7Rabbi sagte: Dreihundertfünfundsechzig Jahre, die Zahl der Tage des Sonnenjahres, denn es heißt: denn einen Tag der Rache hatte ich in meinem Herzen, und mein Erlösungsjahr kommt herbei. –
8Was heißt: einen Tag der Rache hatte ich in meinem Herzen? R. Joḥanan erwiderte: Nur meinem Herzen habe ich es geoffenbart, nicht aber meinen anderen Organen. R. Šimo͑n b. Laqiš erwiderte: Nur meinem Herzen habe ich es geoffenbart, nicht aber den Dienstengeln.
9Abimi, Sohn des R. Abahu, lehrte: Die messianischen Tage werden für Jisraél siebentausend Jahre anhalten, denn es heißt: wie sich der Bräutigam mit seiner Braut freut, so wird sich der Herr, dein Gott, mit dir freuen.
10R. Jehuda sagte im Namen Šemuéls: Die messianischen Tage werden so lange anhalten, wie seit dem Tage, an dem die Welt erschaffen worden ist, bis jetzt, denn es heißt: so lange, als der Himmel über der Erde steht.
11R. Naḥman b. Jiçḥaq sagte: Wie seit den Tagen Noaḥs bis jetzt, denn es heißt: wie seit den Tagen Noaḥs gilt mir dies, wo ich geschworen habe.
12R. Ḥija b. Abba sagte im Namen R. Joḥanans: Alle Propheten zusammen weissagten nur von den messianischen Tagen, von der zukünftigen Welt aber [heißt es:] es hat außer dir, o Gott, kein Auge geschaut, was er dem tun wird, der auf ihn harrt. Er streitet somit gegen Šemuél, denn Šemuél sagte, zwischen dieser Welt und den messianischen Tagen gebe es keinen anderen Unterschied, als die Knechtschaft der Regierungen.
13Ferner sagte R. Ḥija b. Abba im Namen R. Joḥanans: Alle Propheten weissagten nur von den Bußfertigen, von den vollständig Frommen aber [heißt es:] es hat außer dir, o Gott, kein Auge geschaut. Er streitet somit gegen R. Abahu, denn R. Abahu sagte im Namen Rabhs, auf der Stufe, auf der die Bußfertigen stehen, stehen nicht die vollständig Frommen, denn es heißt: Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen; zuerst dem Fernen, nachher dem Nahen. Unter Fernen ist nämlich derjenige zu verstehen, der früher [Gott] fern war, und unter Nahen ist derjenige zu verstehen, der ihm [früher und] später nahe war.
14R. Joḥanan erklärte, unter Fernen sei derjenige zu verstehen, der der Sünde fern blieb, und unter Nahen sei derjenige zu verstehen, der der Sünde nahe war, und sich später von ihr entfernt hat.
15Ferner sagte R. Ḥija b. Abba im Namen R. Joḥanans: Alle Propheten zusammen weissagten nur von einem, der seine Tochter an einen Schriftgelehrten verheiratet, der für einen Schriftgelehrten das Geschäft beitreibt, und der Schriftgelehrte von seinem Vermögen genießen läßt; von den Schriftgelehrten selbst aber [heißt es:] es hat außer dir, o Gott, kein Auge geschaut.
16Worauf beziehen sich [die Worte]: es hat kein Auge geschaut? R. Jehošua͑ b. Levi erwiderte: Dies bezieht sich auf den seit den sechs Schöpfungstagen in seinen Trauben aufbewahrten Wein. Reš Laqiš erwiderte: Dies bezieht sich auf den E͑den, den noch nie ein Auge geschaut hat. Wenn du aber einwendest: wo wohnte Adam? Im Garten. Wenn du aber einwendest, der Garten sei mit dem E͑den identisch, so heißt es: und ein Strom ging von E͑den aus, den Garten zu bewässern.
17[WER SAGT,] DIE TORA SEI NICHT VOM HIMMEL &C. Die Rabbanan lehrten: Denn er hat das Wort des Herrn verachtet und sein Gebot gebrochen, vertilgt, ja vertilgt soll er werden; dies bezieht sich auf den, welcher sagt, die Tora sei nicht vom Himmel. Eine andere Erklärung: Denn das Wort des Herrn hat er verachtet; dies bezieht sich auf den Gottesleugner.
18Eine andere Erklärung: Denn das Wort des Herrn hat er verachtet; dies bezieht sich auf den, der in die Tora falsche Deutungen hineinbringt. Und sein Gebot gebrochen; dies bezieht sich auf den, der das Fleischbündnis bricht; vertilgt, ja vertilgt, vertilgt auf dieser Welt, ja, vertilgt, in der zukünftigen Welt. Hieraus folgerte R. Elie͑zer aus Modai͑m, wer die Heiligtümer entweiht, die Feste schändet, das Bündnis unseres Vaters Abraham bricht, in die Tora falsche Deutungen hineinbringt, seinen Genossen öffentlich beschämt, habe, selbst wenn Gesetzeskunde und gute Handlungen in seinem Besitze sind, keinen Anteil an der zukünftigen Welt.
19Ein Anderes lehrt: Denn das Wort des Herrn hat er verachtet; dies bezieht sich auf den, welcher sagt, die Tora sei nicht vom Himmel. Und selbst wenn einer sagt, die ganze Tora sei vom Himmel, mit Ausnahme von einem Verse, den nicht der Heilige, gepriesen sei er, gesagt hat, sondern Moše von sich aus, so beziehen sich auf ihn [die Worte:] denn er hat das Wort des Herrn verachtet. Und selbst wenn einer sagt, die ganze Tora sei vom Himmel, mit Ausnahme von einer Subtilität, oder von einem [Schlusse vom] Leichteren auf das Schwerere oder durch Wortanalogie, so beziehen sich auf ihn [die Worte:] denn er hat das Wort des Herrn verachtet.
20Es wird gelehrt: R. Meír sagte: Wenn jemand die Tora lernt und sie nicht lehrt, so beziehen sich auf ihn [die Worte:] denn er hat das Wort des Herrn verachtet. R. Nathan sagte: Wenn jemand die Mišna nicht beachtet. R. Nehoraj sagte: Wenn jemand in der Lage ist, sich mit der Tora zu befassen und sich mit ihr nicht befaßt.
21R. Jišma͑él sagte: Wenn jemand Götzendienst treibt. – Worauf beruht diese Auslegung? – In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Denn er hat das Wort des Herrn verachtet, die Worte, die er selber [zu Moše] am [Berge] Sinaj gesprochen hat: ich bin der Herr, dein Gott &c. du sollst keine anderen Götter vor mir haben &c.
22R. Jehošua͑ b. Qorḥa sagte: Wenn jemand die Tora studiert und sie nicht oft wiederholt, so ist es ebenso, als würde jemand säen ohne zu mähen. R. Jehošua͑ sagte: Wer die Tora studiert und sie vergißt, gleicht einer Frau, die gebiert und begräbt.
23R. A͑qiba sagte:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.