Schabbat — Blatt 130a

1R. ELIE͑ZER SAGTE: HAT MAN AM VORABEND DES ŠABBATHS KEIN GERÄT [ZUR BESCHNEIDUNG] BESORGT, SO HOLE MAN ES AM ŠABBATH OFFEN; ZUR ZEIT DER GEFAHR VERHÜLLE MAN ES VOR ZEUGEN.

2FERNER SAGTE R. ELIE͑ZER: MAN DARF SOGAR BÄUME FÄLLEN, UM KOHLEN ZU BEREITEN UND EISEN HERZUSTELLEN.

3R. A͑QIBA SAGTE EINE REGEL: JEDE ARBEIT, DIE MAN AM VORABEND DES ŠABBATHS VERRICHTEN KANN, VERDRÄNGT DEN ŠABBATH NICHT, DIE MAN ABER AM VORABEND DES ŠABBATHS NICHT VERRICHTEN KANN, VERDRÄNGT DEN ŠABBATH.

4GEMARA. Sie fragten: Ist der Grund R. Elie͑zers: aus Liebe zu den Geboten oder wegen des Verdachtes? – In welcher Hinsicht ist dies von Bedeutung? – Ob man es vor Zeugen verhüllt holen darf: wenn du sagst, aus Liebe zu den Geboten, so darf man es nur offen tragen und nicht verhüllt, und wenn du sagst, wegen des Verdachtes, so ist es [vor Zeugen] auch verhüllt erlaubt. Wie ist es nun damit? –

5Es wurde gelehrt: R. Levi sagte: R. Elie͑zer sagt dies nur wegen der Liebe zu den Geboten. Desgleichen wird gelehrt: Man hole es offen und nicht verhüllt – so R. Elie͑zer. R. Aši sagte: Dies ist auch aus unserer Mišna zu entnehmen, die lehrt, daß man es zur Zeit der Gefahr vor Zeugen verhülle; nur zur Zeit der Gefahr, sonst aber nicht. Schließe hieraus, aus Liebe zu den Geboten. Schließe hieraus.

6Ein anderes lehrt: Man hole es offen und nicht verhüllt – so R. Elie͑zer. R. Jehuda sagte im Namen R. Elie͑zers: Zur Zeit der Gefahr pflegte man es vor Zeugen verhüllt zu holen.

7Sie fragten: Ist unter Zeugen, von denen er spricht, er und noch jemand zu verstehen, oder müssen es zwei außer ihm sein? –

8Komm und höre: Zur Zeit der Gefahr, verhülle man es vor Zeugen. Erklärlich ist dies, wenn du sagst, zwei außer ihm, wieso aber heißt es Zeugen, wenn du sagst, er und noch jemand!? – Unter Zeugen ist zu verstehen, die in einem anderen Falle Zeugen sein können.

9FERNER SAGTE R. ELIE͑ZER. Die Rabbanan lehrten: In der Ortschaft R. Elie͑zers fällte man am Šabbath Bäume, um Kohlen zu bereiten und Eisen herzustellen. In der Ortschaft R. Jose des Galiläers aß man Geflügelfleisch mit Milch.

10Einst kam Levi zu Joseph, dem Vogelfänger, und als man ihm einen in Milch [gekochten] Pfauenkopf vorsetzte, aß er ihn nicht. Als er hierauf zu R. Ami kam, sprach dieser zu ihm: Weshalb hast du sie nicht in den Bann getan? Dieser erwiderte: Es ist die Ortschaft des R. Jehuda h. Bethera, und ich dachte, er hat ihnen vielleicht nach R. Jose dem Galiläer vorgetragen.

11Es wird nämlich gelehrt: R. Jose der Galiläer sagte: Es heißt: ihr sollt keinerlei Aas essen, und darauf heißt es: du sollst nicht ein Zicklein in der Milch seiner Mutter kochen; was als Aas verboten ist, darf man nicht in Milch kochen. Man könnte nun glauben, man dürfe auch kein Geflügel in Milch kochen, da es als Aas verboten ist, so heißt es: in der Milch seiner Mutter, ausgenommen ist das Geflügel, das keine Muttermilch hat.

12R. Jiçḥaq erzählte: Im Jisraélland gab es eine Stadt, wo sie nach R. Elie͑zer verfuhren, und sie starben da nur im natürlichen Alter. Und noch mehr, als einst die ruchlose Regierung über Jisraél Religionsverfolgung verhängte, die Beschneidung [zu unterlassen], verhängte sie sie über diese Stadt nicht.

13Es wird ferner gelehrt: R. Šimo͑n b. Gamliél sagte: Jedes Gebot, daß sie mit Freuden angenommen haben, beispielsweise die Beschneidung, wie es heißt: ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute fand, üben sie jetzt noch mit Freuden aus; jedes Gebot aber, das sie in Gezänk angenommen haben, beispielsweise die Inzestgesetze, wie es heißt: und Moše hörte das Volk familienweise weinen, nämlich wegen der Familienangelegenheiten, üben sie jetzt noch in Gezänk aus, denn es gibt keinen Ehevertrag ohne Streit.

14Es wird gelehrt: R. Šimo͑n b. Elea͑zar sagte: Jedes Gebot, dessentwillen die Jisraéliten sich zur Zeit der Religionsverfolgung dem Tode preisgegeben haben, beispielsweise [die Unterlassung] des Götzendienstes und die Beschneidung, wird von ihnen jetzt noch festgehalten; jedes Gebot aber, dessentwillen die Jisraéliten zur Zeit der Religionsverfolgung sich dem Tode nicht preisgegeben haben, beispielsweise [das Gebot] der Tephillin, halten sie jetzt noch lässig.

15R. Jannaj sagte: Die Tephillin erfordern einen reinen Körper, wie Eliša͑ der Flügelmann. – Wie ist dies zu verstehen? Abajje erwiderte; Daß man mit ihnen keine Blähungen von sich gebe. Raba erwiderte: Daß man mit ihnen nicht schlafe. –

16Weshalb nennt man ihn Eliša͑ den Flügelmann? – Einst verhängte die ruchlose Regierung Religionsverfolgung über Jisraél, daß man nämlich dem, der Tephillin auf sein Haupt anlegt, das Gehirn durchbohre; Eliša͑ aber legte die Tephillin an und ging auf die Straße hinaus. Da bemerkte ihn ein Scherge, und er lief fort. Als dieser ihm nachgesetzt und ihn ergriffen hatte, nahm er sie von seinem Haupte und hielt sie in der Hand. Dieser fragte ihn: Was hast du da in deiner Hand? Jener erwiderte: Taubenflügel. Hierauf streckte er seine Hand aus, und es waren tatsächlich Taubenflügel. Deshalb nennt man ihn den Flügelmann. –

17Weshalb nannte er ihm Taubenflügel und nicht die anderer Vögel? – Weil die Gemeinschaft Jisraéls mit einer Taube verglichen wird, wie es heißt: wie die Flügel einer Taube, mit Silber bedeckt, und ihre Fittiche mit dem Rotgelb des Goldes. Wie die Flügel die Taube beschützen, so beschützen Jisraél die Gebote.

18R. Abba b. R. Ada erzählte im Namen R. Jiçḥaqs: Einst hatte man vergessen, am Vorabend des Šabbaths das Beschneidungsmesser zu besorgen, und

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.