Schabbat — Blatt 132b
1und der Tempeldienst den Šabbath, dennoch verdrängt ihn die Beschneidung, um wieviel mehr verdrängt sie den Šabbath, den sogar der Tempeldienst verdrängt. —
2Wieso sagte er: vielleicht aber umgekehrt? — Er lehrt darauf wie folgt: Woher, daß [das Gesetz vom] Aussatze strenger ist, vielleicht ist das des Šabbaths strenger, da es bei diesem viele Strafen und Verordnungen gibt? Oder auch: woher, daß deshalb, weil [das Gesetz vom] Aussatze strenger ist, vielleicht deshalb, weil die Person an sich unzulässig ist, und [die Worte] am achten ist zu beschneiden, sind zu verstehen, außer am Šabbath!? Daher heißt es: am Tage, auch am Šabbath.
3Die Rabbanan lehrten: Die Beschneidung verdrängt [das Gesetz vom] Aussatze, ob zur festgesetzten Zeit oder außerhalb der Zeit. Das Fest verdrängt sie nur zur festgesetzten Zeit. —
4Woher dies? — Die Rabbanan lehrten: Soll das Fleisch seiner Vorhaut beschnitten werden, auch wenn sich daran ein Aussatzfleck befindet. Wie aber halte ich aufrecht den Schriftvers: sei behutsam mit der Plage des Aussatzes? Wenn an anderen Stellen, außer [der Stelle] der Beschneidung.
5Vielleicht aber umgekehrt: Dies bezieht sich auch auf die [Stelle der] Beschneidung, und [die Worte:] soll das Fleisch seiner Vorhaut beschnitten werden, sind zu verstehen, wenn kein Aussatzfleck sich daran befindet!? Daher heißt es Fleisch, auch wenn sich daran ein Aussatzfleck befindet.
6Raba sprach: Was veranlaßte anfangs diesen Tanna zu seiner Auslegung, und was veranlaßte ihn später zu seinem Einwurfe? —
7Er lehrte wie folgt: Soll das Fleisch seiner Vorhaut beschnitten werden, auch wenn sich daran ein Aussatzfleck befindet. Wie aber halte ich aufrecht [den Schriftvers:] sei mit der Plage des Aussatzes behutsam? Wenn an anderen Stellen außer [der Stelle] der Beschneidung. Die Beschneidung aber verdrängt den Aussatz, denn dies ist [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn die Beschneidung das strengere [Gesetz vom] Šabbath verdrängt, um wieviel mehr das des Aussatzes. —
8Wieso sagte er: vielleicht aber umgekehrt? — Er lehrt darauf wie folgt: Woher, daß [das Gesetz] vom Šabbath strenger ist, vielleicht ist das des Aussatzes strenger, denn dieser verdrängt den Tempeldienst, während der Tempeldienst den Šabbath verdrängt!? Daher heißt es Fleisch, auch wenn sich daran ein Aussatzfleck befindet.
9Eine andere Lesart: Die Beschneidung verdrängt [das Gesetz] vom Aussatze, aus dem Grunde, weil ein Gebot ein Verbot verdrängt. — Wieso sagte er: vielleicht aber umgekehrt? — Er lehrt darauf, wie folgt: Das Gebot verdrängt das Verbot nur dann, wenn es nur ein Verbot ist, während es hierbei ein Gebot und ein Verbot ist. Wie aber halte ich aufrecht [den Schriftvers:] soll das Fleisch seiner Vorhaut beschnitten werden? Wenn daran kein Aussatzfleck ist. Daher heißt es Fleisch, auch wenn ein Aussatzfleck daran ist. —
10Allerdings bei einem Erwachsenen, bei dem es Fleischheißt, desgleichen bei einem [achttägigen] Kinde, bei dem es ebenfalls Fleischheißt, woher dies von der Beschneidung eines Mitteljährigen!?
11Abajje erwiderte: Man folgere es von beiden. Von [der Beschneidung] eines Erwachsenen ist es nicht zu entnehmen, denn auf [die Unterlassung] ist die Ausrottung gesetzt, von der eines [achttägigen] Kindes ist es nicht zu entnehmen, denn sie erfolgt zur festgesetzten Zeit. Das Gemeinsame bei beiden ist, daß sie beschnitten werden, und dies verdrängt [das Gesetz vom] Aussatze, ebenso verdrängt die Beschneidung jedes anderen [das Gesetz vom] Aussatze.
12Raba erklärte: Dafür, daß die Beschneidung zur festgesetzten Zeit [das Gesetz vom Aussatze] verdrängt, ist gar kein Schriftvers nötig, denn es ist durch [einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn sie das strengere [Gesetz vom] Šabbath verdrängt, um wieviel mehr das Gesetz vom Aussatze.
13R. Saphra sprach zu Raba: Woher, daß [das Gesetz vom] Šabbath strenger ist, vielleicht ist das Gesetz vom Aussatze strenger, denn dieses verdrängt den Tempeldienst, und der Tempeldienst verdrängt den Šabbath!? — Dies nicht, weil [das Gesetz vom] Aussatze strenger ist, sondern, weil die Person an sich unzulässig ist. — Wieso denn, er kann ja den Aussatzfleck ausschneiden und den Tempeldienst verrichten!? — Er würde noch des Reinigungsbades benötigen. —
14Allerdings bei unreinen Aussatzmalen, wie ist es aber bezüglich reiner Aussatzmale zu erklären!?
15Vielmehr, erklärte R. Aši, das Gebot verdrängt das Verbot nur in einem Falle, wie beim Zusammentreffen von Beschneidung und Aussatz, oder Çiçith und Mischgewebe, wobei das Gebot bei der Übertretung des Verbotes ausgeübt wird, hierbei aber wird ja bei der Übertretung des Verbotes das Gebot nicht ausgeübt.
16Den Streit R. Saphra führen auch
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.