Schabbat — Blatt 151b

1UNVERSEHRT BLEIBE; FERNER DARF MAN IHM DAS KINN FESTBINDEN, NICHT UM ES ZU HEBEN, SONDERN DAMIT ES NICHT WEITER [SINKE]. EBENSO DARF MAN EINEN GEBROCHENEN BALKEN MIT EINER BANK ODER EINEM SEITENBRETTE EINES BETTES STÜTZEN, NICHT UM IHN ZU HEBEN, SONDERN DAMIT ER NICHT WEITER [BRECHE].

2GEMARA. R. Jehuda erzählte ja aber im Namen Šemuéls: Einst folgte ein Schüler R. Meírs ihm in die Badestube und wollte für ihn [den Boden] abspülen; da sprach dieser: Man darf nicht abspülen. Als jener den Boden [mit Öl] bestreichen wollte, sprach dieser: Man darf nicht bestreichen!? – Ein Boden mit einem Boden ist zu verwechseln, ein Leichnam mit einem Boden ist nicht zu verwechseln. –

3Was schließt [das Wort] ‘alle’ ein? – Dies schließt folgendes ein, was die Rabbanan gelehrt haben: Man darf kühlende Geräte und Metallgeräte holen und ihm auf den Bauch legen, damit er nicht aufdunse; ferner darf man ihm die Öffnungen verstopfen, damit keine Luft eindringe.

4Auch Šelomo sprach in seiner Weisheit: Ehe noch der silberne Strick zerreißt: das ist das Rückenmark. Und die goldene Schale zerbricht: das ist das Zeugungsglied. Und der Eimer am Born zertrümmert: das ist der Bauch. Und das Rad am Brunnen zerbricht: das ist der Mist, wie es heißt:

5und ich werde euch den Mist ins Gesicht streuen, den Mist euerer Feste. Hierzu sagte R. Hona, manche sagen, R. Ḥaga: Das sind die Leute, die die Tora lassen und ihre Tage zu Festen machen. R. Levi sagte im Namen R. Papis im Namen R. Jehošua͑s: Nach drei Tagen platzt ihm der Bauch und wirft ihm [den Mist] aufs Gesicht, indem er spricht: Nimm, was du in mich hineingetan hast.

6MAN DARF AM ŠABBATH NICHT EINEM TOTEN DIE AUGEN ZUDRÜCKEN; EINEM STERBENDEN AUCH NICHT AM WOCHENTAGE. WER EINEM STERBENDEN DIE AUGEN ZUDRÜCKT, IST EIN BLUTVERGIESSER.

7GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Wer einem Sterbenden die Augen zudrückt, ist ein Blutvergießer. Dies ist ebenso, wie wenn jemand seinen Finger auf ein ausgehendes Licht legt, wodurch es sofort erlischt. Es wird gelehrt: R. Šimo͑n b. Elea͑zar sagte: Wünscht jemand, daß die Augen des Toten sich schließen, so blase er ihm Wein in die Nase, tue etwas Öl zwischen seine Wimpern und fasse seine großen Zehen an, sodann schliessen sie sich von selbst.

8Es wird gelehrt: R. Šimo͑n b. Gamliél sagte: Man entweihe den Šabbath wegen eines einen Tag alten lebenden Kindes, man entweihe aber den Šabbath nicht wegen des toten David, des Königs Jisraéls. Man entweihe den Šabbath wegen eines einen Tag alten lebenden Kindes, denn die Tora sagt, daß man seinethalben einen Šabbath entweihe, damit es viele Šabbathe halte. Man entweihe den Šabbath nicht wegen des toten David, des Königs Jisraéls, denn sobald der Mensch tot ist, ist er von den Geboten frei. Das ist es, was R. Joḥanan gesagt hat: Mit den Toten frei; sobald der Mensch gestorben ist, ist er von den Geboten frei.

9Ferner wird gelehrt: R.Šimo͑n b. Elea͑zar sagte: Ein einen Tag altes lebendes Kind braucht man vor Maulwürfen und Mäusen nicht zu bewachen, den toten O͑g, König von Bašan, müßte man vor Maulwürfen und Mäusen bewachen, denn es heißt: euere Furcht und euer Schrecken sei über alle &c. Solange der Mensch lebt, fürchten ihn die Tiere, sobald er stirbt, hört die Furcht auf.

10R. Papa sagte: Es ist uns überliefert, daß ein Löwe zwei Personen nicht anfällt. – Wir sehen ja aber, daß er wohl anfällt!? – Dies nach Rami b. Abba, denn Rami b. Abba sagte: Ein Tier gewinnt nur dann Macht über einen Menschen, wenn er ihm wie ein Vieh erscheint, denn es heißt: und der Mensch in Herrlichkeit hat nicht Bestand; er wird beherrscht, wenn er wie ein Vieh erscheint. R. Ḥanina sagte: Man darf nicht in einem Hause allein schlafen, und wer in einem vereinzelt stehenden Hause schläft, wird von der Lilith überfallen.

11Ferner wird gelehrt: R. Šimo͑n b. Elea͑zar sagte: Übe [Wohltat], so lange du Gelegenheit und Mittel hast und es noch in deiner Macht steht. Auch Šelomo spricht in seiner Weisheit: Und gedenke deines Schöpfers in deiner Jugend, ehe denn die bösen Tage kommen, das sind die Tage des Greisenalters; und die Jahre herannahen, von denen du sagen wirst: sie gefallen mir nicht, das sind die messianischen Tage, in denen es weder Verdienst noch Verschuldung gibt.

12Er streitet somit gegen Šemuél, denn Šemuél sagte: Es gibt keinen anderen Unterschied zwischen dieser Welt und den messianischen Tagen, als die Knechtschaft der Regierungen, denn es heißt: nie wird der Dürftige im Lande aufhören.

13Es wird gelehrt: R. Elea͑zar ha-Qappar sagte: Stets flehe der Mensch wegen dieser Sache um Erbarmen; ist er selbst nicht [in diese Lage] gekommen, so kann sein Sohn kommen, ist sein Sohn nicht gekommen, so kann sein Sohnessohn kommen, denn es heißt: wegen dieser Tat, und hierzu wurde in der Schule R. Jišma͑éls gelehrt: Es ist ein um die Welt sich drehendes Rad. R. Joseph sagte: Es ist uns überliefert, daß ein Gelehrter nicht verarmt. – Wir sehen ja aber, daß er wohl verarmt!? – Wenn er auch verarmt, betteln geht er aber nicht.

14R. Ḥija sprach zu seiner Frau: Wenn ein Armer kommt, bringe ihm Brot entgegen, damit man auch deinen Kindern Brot entgegenbringe. Da sprach sie zu ihm: Du verfluchest sie! Er erwiderte: Es ist ein Schriftvers: wegen dieser Tat, und hierzu wurde in der Schule R. Jišma͑éls gelehrt: Es ist ein um die Welt sich drehendes Rad. Es wird gelehrt: R. Gamliél Berabbi sagte: Und er wird dir Erbarmen geben und sich deiner erbarmen; wer sich seiner Mitmenschen erbarmt, dessen erbarmt man sich im Himmel, und wer sich seiner Mitmenschen nicht erbarmt, dessen erbarmt man sich auch nicht im Himmel.

15Ehe sich noch die Sonne verfinstert und das Licht, das sind die Stirn und die Nase; und der Mond, das ist die Seele; und die Sterne, das sind die Wangen; und die Wolken nach dem Regen wiederkehren, das ist das Augenlicht des Menschen, das nach dem Weinen schwindet. Šemuél sagte: Bis zu vierzig Jahren kommt die Träne wieder, später nicht mehr.

16R. Naḥman sagte: Bis zu vierzig Jahren schärft das Stibium [das Augenlicht], später erhält es dasselbe nur, erweitert es aber nicht, selbst wenn [der Spritzenkolben] dick wie ein Weberrohr ist. – Was lehrt er uns damit? – Je dicker der Spritzenkolben ist, desto wirksamer ist es.

17Dem R. Ḥanina starb eine Tochter, und er weinte über sie nicht. Da sprach seine Frau zu ihm: Du scheinst eine Henne aus deinem Hause fortgebracht zu haben!? Er erwiderte: Beides noch, Kinderlosigkeit und Blindheit!? Er hält also mit dem, was R. Joḥanan im Namen des R. Jose b. Qeçarta gesagt hat: Es gibt sechs Arten Tränen, von denen drei zuträglich und drei schädlich sind: vom Rauch, vom Weinen

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.