Schabbat — Blatt 55a

1Welche Schuld trifft die Ältesten, daß die Fürsten gesündigt!? Sage vielmehr: mit den Ältesten, weil sie den Fürsten nicht gewehrt haben.

2R. Jehuda saß vor Šemuél, und eine Frau kam und klagte vor ihm; er aber beachtete sie nicht. Da sprach jener: Hält denn der Meister nichts von [dem Vers]: wer sein Ohr vor dem Schreien des Armen verstopft, wird ebenfalls rufen und kein Gehör finden? Dieser erwiderte: Scharfsinniger, dein Haupt mit Kaltem, deines Hauptes Haupt aber mit Heißem; da sitzt ja das Gerichtsoberhaupt Mar U͑qaba.

3Es heißt: ihr vom Hause Davids, so spricht der Herr, haltet alle Morgen gerechtes Gericht und rettet &c.

4R. Zera sprach zu R. Šimo͑n: Möge der Meister doch die Leute beim Exilarchen zurechtweisen. Dieser erwiderte: Sie gehorchen mir nicht. Jener entgegnete: Der Meister sollte sie dennoch zurechtweisen, wenn sie auch nicht gehorchen,

5denn R. Aḥa b. Ḥanina sagte: Nie ist aus dem Munde des Heiligen, gepriesen sei er, eine gute Verheißung hervorgegangen und zum Schlechten verwandelt worden, ausgenommen folgendes. Es heißt: und der Herr sprach zu ihm: Ziehe durch die Stadt und zeichne ein Zeichen auf die Stirn der Leute, die über die Greuel, die da geschehen, seufzen und jammern &c.

6Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Gabriél: Geh und zeichne auf die Stirn der Gerechten ein Tav [Zeichen] mit Tinte, damit die Würgeengel über sie keine Gewalt haben, und ein Tav [Zeichen] mit Blut auf die Stirn der Frevler, damit die Würgeengel über sie Gewalt haben.

7Da sprach die Eigenschaft des Rechtes vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, womit sind diese anders, als jene? Er erwiderte: Diese sind vollendete Gerechte, jene sind vollendete Frevler. Diese sprach: Diese sollten ja jene zurechtgewiesen haben, haben es aber unterlassen!

8Er erwiderte: Offenbar und bekannt ist es vor mir, daß, wenn diese sie zurechtgewiesen hätten, jene nicht gehorcht haben würden. Da sprach diese vor ihm: Herr der Welt, wenn es dir auch offenbar ist, aber war es auch ihnen offenbar!?

9Deshalb heißt es: Greise, Jünglinge und Jungfrauen, Kindchen und Weiber sollt ihr töten und vertilgen; tretet aber nicht dem nahe, der ein Zeichen [Tav] hat; und bei meinem Heiligtum fanget an. Darauf folgt: und sie fingen bei den Ältesten an, die vor dem Hause waren. Hierzu lehrte R. Joseph: Lies nicht: meinem Heiligtum, sondern: meinen Geheiligten; das sind nämlich die Leute, die die ganze Tora von Aleph bis Tav gehalten haben. Hierauf: und siehe, sechs Männer kamen vom Obertore, das gegen Norden gerichtet ist, ein jeder sein Schlagwerkzeug in der Hand; und ein Mann in ihrer Mitte, in Linnen gekleidet und einen Schreibgriffel an den Lenden. — Und sie kamen und traten vor den ehernen Altar;

10war damals denn der eherne Altar noch vorhanden? — Der Heilige, gepriesen sei er, sprach vielmehr zu ihnen: Fanget an der Stelle an, wo man mir Lieder zu singen pflegt. — Wer waren diese sechs Männer? R. Ḥisda erwiderte: Aufbrausen, Zorn, Grimm, Verderben, Zertrümmerer und Vertilger. —

11Weshalb gerade ein Tav? Rabh sagte: Tav bedeutet [tiḥje] du sollst leben, und [tamuth] du sollst sterben. Šemuél sagte: [Tama] zu Ende ist das Verdienst der Väter. R. Joḥanan sagte: [Taḥon] Gnade gewähre das Verdienst der Väter.

12Reš Laqiš sagte: Tav ist der letzte [Buchstabe] im Siegel des Heiligen, gepriesen sei er. R. Ḥanina sagte nämlich: Emeth [Wahrheit] ist das Siegel des Heiligen, gepriesen sei er. R. Šemuél b. Naḥmani sagte: Das sind nämlich die Leute, welche die ganze Tora von Aleph bis Tav gehalten haben.

13Wann hörte [die Wirksamkeit] des Verdienstes der Väter auf? Rabh sagte: Seit den Tagen Hošea͑s, des Sohnes Beéris, denn es heißt: ich will ihre Scham vor den Augen ihrer Buhler entblößen; niemand soll sie aus meiner Hand retten.

14Šemuél sagte: Seit den Tagen Ḥazaéls, denn es heißt: Ḥazaél, der König Arams, drückte Jisraél, während aller Tage des Jehoahaz, und darauf heißt es: der Herr begnadete sie und erbarmte sich ihrer und wandte sich zu ihnen, wegen seines Bündnisses mit Abraham, mit Jiçḥaq und mit Ja͑qob; er wollte sie nicht verderben, und er warf sie bis jetzt nicht von seinem Angesichte.

15R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Seit den Tagen Elijahus, denn es heißt: und es geschah um die Zeit, da das Abendopfer dargebracht wurde, da trat Elijahu vor und sprach: Herr, Gott Abrahams, Jiçḥaqs und Jisraéls, heute soll kund werden &c.

16R. Joḥanan sagte: Seit den Tagen Ḥizqijahus, denn es heißt: groß ist die Herrschaft und der Friede ohne Ende auf dem Throne Davids und über sein Königreich, indem er es festigt und stützt durch Recht und Gerechtigkeit, von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des Herrn der Heerscharen wird solches tun.

17R. Ami sagte: Kein Tod ohne Sünde und keine Züchtigung ohne Schuld.

18Kein Tod ohne Sünde, wie es heißt: die sündige Seele soll sterben; keine Züchtigung ohne Schuld, wie es heißt: ich ahnde mit der Rute ihr Vergehen und ihre Sünde mit Schlägen.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.