Schabbat — Blatt 55b
1Man wandte ein: Die Dienstengel sprachen vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, warum hast du den Tod über Adam den Urmenschen verhängt? Er erwiderte ihnen: Ich habe ihm ein leichtes Gebot befohlen, er aber hat es übertreten. — Aber auch Moše und Ahron, die die ganze Tora gehalten haben, sind ja gestorben!? Er erwiderte ihnen: Ein Geschick widerfährt dem Gerechten und dem Frevler, dem Guten &c. —
2Er ist der Ansicht des Tanna der folgenden Lehre: R. Šimo͑n b. Elea͑zar sagte: Auch Moše und Ahron sind wegen ihrer Sünde gestorben, denn es heißt: dieweil ihr an mich nicht geglaubt habt; würdet ihr aber geglaubt haben, so wäre eure Zeit, aus der Welt zu scheiden, noch nicht herangereicht.
3Man wandte ein: Vier sind durch die Verleitung der Schlange gestorben, und zwar: Binjamin, der Sohn Ja͑qobs, A͑mram, der Vater Mošes, Jišaj, der Vater Davids, und Kiláb, der Sohn Davids. Von diesen allen ist dies eine Überlieferung, ausgenommen Jišaj, der Vater Davids, von dem die Schrift dies ausdrücklich sagt. Es heißt nämlich: und an Stelle Joábs setzte Abšalom den A͑masa zum Haupte des Heeres ein. A͑masa war der Sohn eines Mannes, der Jithra der Jisraélit hieß; er hatte Umgang gepflogen mit Abigajil, der Tochter des Naḥaš, Schwester der Çeruja, der Mutter Joabs.
4War sie denn die Tochter des Naḥaš, sie war ja die des Jišaj, wie es heißt: ihre Schwestern waren Çeruja und Abigajil!? Vielmehr, die Tochter dessen, der durch die Verleitung der Schlange [Naḥaš] gestorben ist.
5Nach wessen Ansicht: wollte man sagen nach dem Tanna der Lehre von den Dienstengeln, so gibt es ja auch Moše und Ahron; doch wohl nach R. Šimo͑n b. Elea͑zar. Hieraus ist somit zu entnehmen, daß es einen Tod ohne Sünde und eine Züchtigung ohne Schuld gebe. Dies ist eine Widerlegung R. Amis!? — Eine Widerlegung.
6R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Wer da glaubt, Reúben habe gesündigt, irrt sich nur, denn es heißt: und die Söhne Ja͑qobs waren zwölf; dies lehrt, daß sie alle gleichwertig waren. Wie halte ich aber aufrecht [die Worte:] er beschlief die Bilha, das Kebsweib seines Vaters? Dies lehrt, daß er das Lager seines Vaters verwirrt hat, was die Schrift ihm anrechnet, als hätte er jene beschlafen.
7Es wird gelehrt: R. Šimo͑n b. Elea͑zar sagte: Dieser Gerechte ist von jener Sünde gerettet; er kam nicht zu jener Sache. Wie wäre es möglich, daß später seine Kinder auf dem Berge E͑bal stehen und sprechen: verflucht, wer das Weib seines Vaters beschläft, hätte er jene Tat verübt!? Wie aber halte ich aufrecht [die Worte:] er beschlief die Bilha, das Kebsweib seines Vaters? Er ahndete die Kränkung seiner Mutter: ist schon die Schwester meiner Mutter die Nebenbuhlerin meiner Mutter, sollte dies auch die Magd der Schwester meiner Mutter sein!? Da machte er sich auf und verwirrte ihr Lager.
8Manche sagen: Er habe zwei Lager verwirrt: das der Göttlichkeit und das seines Vaters. Daher heißt es: damals verübtest du Entweihung, mein Lager zu besteigen; lies nicht: mein Lager, sondern: die Lager.
9Hierüber streiten auch Tannaím: Durch die Übereilung wie Wasser sollst du nicht den Vorzug haben. R. Elea͑zar erklärte: Du warst voreilig, du hast verschuldet, du hast geschändet. R. Jehošua͑ erklärte: Du hast das Gesetz übertreten, du hast gesündigt, du hast gebuhlt. R. Gamliél erklärte: Du hast gebetet, du hast geflehet, dein Gebet ist erglänzt.
10R. Gamliél sprach: Wir brauchen immer noch den Modäer. R. Elea͑zar aus Modai͑m sagte nämlich: Versetze [die Buchstaben] das Wortes und erkläre es folgendermaßen: Du warst erschüttert, du hast gezittert, die Sünde ist von dir geflohen. Raba, manche sagen, R. Jirmeja b. Abba, erklärte: Du hast an die Strafe der Sache gedacht, du hast über dich eine große Krankheit heraufbeschworen, du hast dich von der Sünde zurückgezogen.
11R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Wer da glaubt, die Söhne des E͑li hätten gesündigt, irrt sich nur, denn es heißt: dort waren die beiden Söhne des E͑li, Ḥophni und Pinḥas, Priester vor dem Herrn.
12Er ist der Ansicht Rabhs, welcher sagt, Pinḥas habe nicht gesündigt, und man vergleiche Ḥophni mit Pinḥas; wie Pinḥas nicht gesündigt hat, so hat auch Ḥophni nicht gesündigt. Wieso aber halte ich aufrecht [die Worte:] daß sie bei den Weibern lagen? Da sie die Darbringung ihrer Vogelnestopfer verzögerten, sodaß sie zu ihren Männern nicht zurückkehren konnten, so rechnet es ihnen die Schrift an, als hätten sie sie beschlafen.
13Der Text. Rabh sagte: Pinḥas hat nicht gesündigt, denn es heißt: Aḥija, Sohn Aḥiṭobs, Sohn Ikabods, Sohn Pinḥas’, Sohn E͑lis, des Priesters des Herrn &c. Wäre es denn möglich, daß die Schrift seine Herkunft nach ihm angeben würde, wenn er eine Sünde begangen hätte,
14wo es doch bereits heißt: der Herr möge den Mann, der solches tut, ausrotten; er soll von den Zelten Ja͑qobs keinen Wachenden und Antwortenden haben, und keinen, der dem Herrn der Heerscharen ein Opfer darbringt. Ist er ein Jisraélit, so soll er keinen Geweckten unter den Weisen und keinen Antwortenden unter den Schülern haben, und ist er Priester, so soll er keinen Sohn haben, der ein Opfer darbringt. Hieraus ist also zu entnehmen, daß Pinḥas nicht gesündigt hat. —
15Es heißt ja aber: daß sie [bei den Weibern] lagen!? — Die Schreibweise ist: der mit ihnen lag. —
16Es heißt ja aber: nicht doch, meine Söhne, nicht gut ist das Gerücht!? R. Naḥman b. Jiçḥaq erwiderte: Die Schreibweise ist: mein Sohn. —
17Es heißt ja aber: ihr verleitet!? R. Hona b. R. Jehošua͑ erwiderte: Die Schreibweise ist: er verleitet. —
18Es heißt ja aber: nichtswürdige Buben!? — Da Pinḥas dem Ḥophni wehren sollte, es aber unterlassen hat, so rechnet es ihm die Schrift an, als hätte er gesündigt.
19R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Wer da glaubt,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.