Schevuot — Blatt 13a

1Wenn er bei seiner Widersetzlichkeit verbleibt, und zwar nach Rabbi, denn es wird gelehrt: Rabbi sagte: Der Versöhnungstag sühnt alle in der Tora genannten Sünden, einerlei, ob man Buße getan hat oder keine Buße getan hat, außer wenn jemand das Jochabwirft, das Gesetz falsch deutet, oder das Bündnis des Fleischesbricht; hat er Buße getan, so sühnt es der Versöhnungstag, wenn aber nicht, so sühnt es der Versöhnungstag nicht. –

2Was ist der Grund Rabbis? – Es wird gelehrt:Denn er hat das Wort des Herrn verachtet, das ist derjenige, der das Joch abwirft und das Gesetz falsch deutet; und sein Gebot hat er gebrochen, das ist derjenige, der das Bündnis des Fleisches bricht; vertilgt, ja vertilgt soll er werden, vertilgt, vor dem Versöhnungstage, ja vertilgt, auch nach dem Versöhnungstage.

3Man könnte glauben, auch wenn er Buße getan hat, so heißt es: seine Sünde haftet ihm an, ich sagte dies nur von dem Falle, wenn seine Sünde ihm anhaftet. –

4Und die Rabbanan!? – Vertilgt, auf dieser Welt, ja vertilgt, in der zukünftigen Welt; seine Sünde haftet ihm an, wenn er aber Buße getan hat und gestorben ist, so spült dies der Tod hinweg. –

5Wieso kannst du [diese Lehre] Rabbi addizieren, wenn der Schlußsatz die Ansicht R. Jehudas vertritt, so vertritt ja wahrscheinlich auch der Anfangssatz die Ansicht R. Jehudas!? Im Schlußsätze wird nämlich gelehrt: Jisraéliten, Priester und der gesalbte [Hoch]priester sind hierin einander gleich. Der diese Ansicht vertritt, ist ja R. Jehuda, somit vertritt ja auch der Anfangssatz die Ansicht R. Jehudas. –

6R. Joseph erwiderte: Hier ist die Ansicht Rabbis vertreten, und er ist hierbei der Ansicht R. Jehudas.

7Abajje sprach zu ihm: Meint es der Meister genau wörtlich: Rabbi ist der Ansicht R. Jehudas, R. Jehuda ist aber nicht der Ansicht Rabbis, oder aber ist, da Rabbi der Ansicht R. Jehudas ist, auch R. Jehuda der Ansicht Rabbis, nur gebraucht er diesen Ausdruck deshalb, weil man sich gewöhnlich so ausdrückt, der Schüler sei der Ansicht seines Lehrers?

8Jener erwiderte: Jawohl, ich meine es wörtlich: Rabbi ist der Ansicht R. Jehudas, R. Jehuda ist aber nicht der AnsichtRabbis.

9Es wird nämlich gelehrt: Man könnte glauben, der Versöhnungstag schaffe Sühne sowohl denjenigen, die Buße tun, als auch denjenigen, die keine Buße tun, und zwar wäre dies durch einen Schluß zu folgern: Sündopfer und Schuldopfer schaffen Sühne und der Versöhnungstag schafft ebenfalls Sühne, wie nun Sündopfer und Schuldopfer nur denjenigen Sühne schaffen, die Buße tun, ebenso schafft auch der Versöhnungstag nur denjenigen Sühne, die Buße tun. [Aber nein,] wohl gilt dies von Sündopfer und Schuldopfer, die nicht bei Vorsätzlichkeit Sühne schaffen wie bei Unvorsätzlichkeit, während der Versöhnungstag bei Vorsätzlichkeit wie bei Unvorsätzlichkeit Sühne schafft.

10Da er nun bei Vorsätzlichkeit wie bei Unvorsätzlichkeit Sühne schafft, [so könnte man glauben,] er schaffe Sühne sowohl denjenigen, die Buße tun, als auch denjenigen, die keine Buße tun, so heißt es:nur, teilend.

11Eine anonyme Lehre im Siphra ist ja von R. Jehuda, und diese lehrt: nur denjenigen, die Buße tun, nicht aber denjenigen, die keine Buße tun. –

12Ich will auf einen Widerspruch hinweisen, in welchem zwei anonyme Lehren im Siphra sich befinden: Man könnte glauben, der Versöhnungstag schaffe nur dann Sühne, wenn man sich an ihm kasteit, ihn heilige Festberufunggenannt und an ihm keine Arbeit verrichtet hat, woher, daß auch dann, wenn man sich an ihm nicht kasteit, ihn nicht heilige Festberufung genannt und an ihm Arbeit verrichtet hat? Es heißt:er ist ein Tag der Sühne, in jedem Falle!?

13Abajje erwiderte: Das ist kein Widerspruch; eine nach Rabbi und eine nach R. Jehuda.

14Raba erklärte: Beide nach Rabbi, denn Rabbi pflichtet bei hinsichtlich der Ausrottungdesselben Tages. Wolltest du nicht so erklären, so gäbe es ja nach Rabbi keine Ausrottung wegen [Entweihung] des Versöhnungstages. –

15Wieso denn nicht, dies kann ja vorkommen, wenn jemand etwas in der Nachtbegangen hat und gestorben ist; der Tag war noch nicht herangereicht, um ihm Sühne zu schaffen!? –

16Sage vielmehr:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.